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Schule ohne Rassismus

Schule ohne Rassismus

Den Titel „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ zu bekommen, ist ein respektabler Anfang. Diskriminierung entgegenzutreten und wirksame Aktivitäten zu entwickeln – das fordert beharrlichen Einsatz und kreative Lösungen. Wie das gelingen kann, zeigt die Hermann-Hesse-Schule in Kreuzberg

Courage kann man lernen – in der Schule!

Das Schild am roten Backsteinbau ist nicht zu übersehen: „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ steht auf schwarz-weißem Hintergrund. Es markiert einen Raum, setzt ein Zeichen: In dieser Schule wird Diskriminierung nicht geduldet. Nicht von den Lernenden, nicht von den Lehrenden. Und auch nicht von Hausmeisterin und Sekretär.
Die Hermann-Hesse-Schule ist eine von 43 Schulen (Stand Okt. 2010) in Berlin, die den Titel „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ (SOR – SMC) trägt. Im Mai 2005 wurde ihr als 9. Berliner Schule dieser Titel, der eher Selbstverpflichtung als Auszeichnung ist, verliehen. Denn um eine SOR – SMC zu werden, müssen sich 70 Prozent aller, die an der Schule lernen, lehren und arbeiten, mit ihrer Unterschrift verpflichten, Diskriminierung nicht zu dulden, bei Konflikten einzugreifen und themenbezogene Projekttage durchzuführen. Das gilt für Diskriminierungen aller Art, also auch aufgrund der Religion, der sozialen Herkunft, des Geschlechts, körperlicher Merkmale, der politischen Weltanschauung und der sexuellen Orientierung.
Dass die Selbstverpflichtung an der Kreuzberger Hesse-Schule gültig bleibt, darum kümmert sich Eckehard Mewes, Koordinator SOR und Mathelehrer. „Wir führen das kontinuierlich weiter“, erklärt er, „dafür engagieren sich Schüler und Schülerinnen der SOR-Gruppe.“ Die SOR-Gruppe macht das Thema in den neuen 7. Klassen bekannt, sammelt Unterschriften und neu Engagierte. Und sorgt so auch für ihren eigenen Nachwuchs.

Der lange Atem

Kontinuität ist ein wichtiger Faktor im Kampf gegen Diskriminierung. Da muss man täglich dranbleiben, immer wieder auf diskriminierende Worte und Handlungen aufmerksam machen und nach Lösungen suchen. Oftmals sind Vorurteile und Missverständnisse Ursache für diskriminierende Einstellungen. „Und das zu verändern dauert Jahre. Nichts geht so langsam und ist so schwierig wie Einstellungsveränderungen“, konstatiert Schulleiterin Dr. Jutta Deppner.

Trotz dem die Hesse-Schule möglicherweise mehr Konfliktpotential hat als eine vergleichbare Schule in Zehlendorf, kann sich der Umgang damit sehen lassen. Beispiel Projekttage: Die Inhalte sind anspruchsvoll und damit auch der Input, den die Jugendlichen bekommen. Sie werden gefordert und gefördert. Die Angebote sind genauso vielfältig wie zahlreich. Unter 19 verschiedenen Kursen konnten Schüler und Schülerinnen in diesem Jahr wählen. Zum Beispiel Sprachkurse für Türkisch, Arabisch, Serbisch, Italienisch, Vietnamesisch. Oder einen Rap-Workshop, bei dem es ums Texten gegen Rassismus und Diskriminierung ging. Oder die

Vorstellung des „weltwärts“-Programms, das die Möglichkeit bietet, für ein Praktikum nach Afrika, Lateinamerika oder Asien zu gehen.
„Die Schwierigkeit“, so sagt Dr. Jutta Deppner, „besteht auch darin, das an den Projekttagen Erfahrene nachhaltig zu verankern.“ Aber auch da gibt es Ansätze und Möglichkeiten. So wurde beispielsweise das Thema Homophobie in den Biologie-Unterricht integriert. Warum in Bio? „Wir haben sehr engagierte Biolehrer, sagt Eckehard Mewes, „gepasst hätte es natürlich auch in Ethik.“

Ein Blick zurück

Ein homophober Spruch war auch der Auslöser für das Bemühen, die ganze Schule – oder doch wenigstens 70 Prozent – gegen Diskriminierung zu einen. „Du schwule Sau“ stand an der Toilettentür. Anna Wulff, damals Lehrerin an der Schule, wollte das nicht länger nur als Blödelei unter Halbwüchsigen hinnehmen – sondern sah die Demütigung darin: Die tägliche und unkommentierte Herabsetzung, die junge Menschen stigmatisiert und in ihrer sexuellen Identität verunsichert. Anna Wulff setzte dann auch den Prozess zur Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage in Gang.
Das liegt nun schon einige Jahre zurück, die erste Unterschriftensammlung gab es im Schuljahr 2002/2003. Homophobie ist noch immer ein Thema. Jede neue Schülergeneration versucht mit diesem Spruch zu beleidigen. „Das passiert sogar mal im Unterricht“, sagt Eckehard Mewes, „da muss man dann ganz schnell und eindeutig reagieren.“ Und das ist eine hohe Kunst, zwischen Wurzelrechnung oder Photosynthese genau zu erfassen: Braucht der Störer Aufmerksamkeit? Wie sehr muss ich darauf eingehen? Worum geht es wirklich? Kein leichtes Brot für Lehrer und Lehrerinnen, das immer zu erkennen.

Zur Meinungs- und Identitätsbildung sind Vorbilder unabdingbar. Und wenn sie nicht nur aus Zeitschriften lächeln, sondern tatsächlich in die Schule kommen und sich für die Anliegen der Kids interessieren – dann fühlen sich diese ernst genommen und sind eher bereit, auch mal über ihren Tellerrand zu schauen. Daher gehört zum Plan der SOR – SMC auch ein Pate oder eine Patin für jede Schule. Die Schülerinnen überlegen sich selbst, wen sie gern hätten, und nehmen Kontakt auf.
Pate der Hermann-Hesse-Schule ist Schauspieler Benno Fürmann. Im letzten Herbst diskutierten er, drei Dutzend Schüler/innen und Vertreter von Amnesty International über europäische Asylpolitik

Ein Theaterstück sorgt für Furore

„Özgürlük oder Is there no Sex in Kreuzberg?“ ist der Titel des Theaterstücks, das der Kurs „Darstellendes Spiel“ der 12. Klasse selbst geschrieben und auf die Bühne gebracht hat. In ihm geht es um komplexe Fragen wie Herkunft, Geschlechterrollen und kulturelle Identität. Das sind jene Themen, mit denen die Jugendlichen sich täglich konfrontiert sehen. 2002 lag der Anteil der Schüler/innen nichtdeutscher Herkunftssprache bei etwa 25 Prozent. Jetzt liegt er bei 65 Prozent auf die ganze Schule gesehen – aber ungleich verteilt. In manchen Jahrgängen sind es auch mal rund 90 Prozent. „Nichtdeutsche Herkunftssprache“ bedeutet: Mit einem Elternteil wird nicht Deutsch gesprochen. Bei den Hesse-Schülern und -Schülerinnen ist es statt Deutsch vor allem Türkisch, Arabisch und Kurdisch. Rein theoretisch könnte es natürlich auch Norwegisch sein.
Mit der veränderten sprachlichen Herkunft hat sich auch das Schulklima verändert. Und solche Fragen, die mit der Veränderung einhergehen, nehmen sowohl das Theaterstück als auch die Projekttage auf.

„Eins meiner Ziele an dieser Schule ist“, formuliert Eckehard Mewes, „dass wir über die Grenzen der einzelnen Herkunftsgruppen hinweg sagen können, wir sind gegen Diskriminierung, wir stehen auf einer Seite.“ Denn oftmals gibt es Solidaritäten, die das Heraustreten des Einzelnen aus der Gruppe erschweren oder unmöglich machen. „Das ist an unserer Schule anders als in Schulen, wo der Migrationsanteil geringer ist. Aber die klare Linie gegen Diskriminierung zu zeigen – das hat das Theaterstück in hervorragender Weise geschafft.“

Ein Theaterstück, das sich mit Identitäten in Bezug auf Geschlecht, Herkunft und Kultur beschäftigt – den Schriftsteller Hermann Hesse, der stets nach innerer Freiheit und Entwicklung strebte, hätte das sicherlich gefreut. Vielleicht lächelt er deshalb auf dem Schul-Graffiti an der Aula-Wand so vor sich hin: wohlwollend und doch um den schweren Weg wissend.

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