Vom Hilfeempfänger zum Hilfegeber

Hanna Lutz lächelt freundlich in die Kamera.
Hanna Lutz ist Mitgründerin der Plattform vostel, die es den Nutzerinnen und Nutzern ermöglicht, sich aktiv für soziale Projekte zu engagieren. Bild: Publiplikator GmbH

Den Urlaub nur am Strand und in Clubs verbringen? Kam für Hanna Lutz nicht infrage. In fremden Ländern schaute sie lieber hinter die Fassade der Tourismusangebote, arbeitete als Freiwillige bei sozialen Projekten – etwa in Ecuador als Landschaftsgärtnerin –, um „dem Gastland etwas zurückzugeben und gleichzeitig die echten Seiten kennenzulernen“, sagt die heute 30-Jährige.

Warum sollten nicht auch die Touristinnen und Touristen in ihrer Wahlheimat Berlin die Möglichkeit bekommen, der Stadt etwas Gutes zu tun? Zusammen mit Stephanie Frost gründet sie im September 2014 die Vermittlungsbörse vostel, eine Kombination aus dem englischen Wort für Freiwilliger, „Volunteer“, und „Hostel“. Sie müssen aber feststellen, dass die meisten Anmeldungen nicht von Touristen kommen, sondern von vielen jungen Berlinerinnen, Berlinern und Zugewanderten. Daraufhin ändern sie die Ausrichtung der Plattform. Seitdem bringt vostel alle Freiwilligen, die sich wirkungsvoll engagieren möchten, und gemeinnützige Organisationen zusammen. Mittlerweile sind das 4000 Freiwillige, 350 Projekte und 160 Organisationen.

Etwa die Hälfte der Projekte ist ohne langfristige Verpflichtung, sie „dienen vorrangig der Gewinnung von Ehrenamtlichen und sind häufig auch ohne oder mit geringen Deutschkenntnissen umsetzbar“, sagt Hanna Lutz. Die andere Hälfte aber benötigt durchaus längerfristige Unterstützung. Der Ansatz von vostel ist bewusst niedrigschwellig: Interessenten gehen auf die Webseite, melden sich an und wählen einen Themenbereich: etwa Lebensmittelrettung, Nachhilfe für geflüchtete Kinder, Repair Cafés oder Arbeit mit Seniorinnen, Senioren und Behinderten. Für einige Jobs braucht man handwerkliche Fähigkeiten oder ein polizeiliches Führungszeugnis. Bei anderen Ehrenämtern kann man einfach so dazukommen und gleich mit anpacken, wie zum Beispiel bei der Berliner Tafel.

Eine Plattform für alle

Angefangen haben sie damit, alle Termine zwischen Freiwilligen und Organisation händisch zu koordinieren, „ein riesiger Heckmeck“, sagt Hanna Lutz. Mittlerweile erledigt das ein Algorithmus für sie.

Auch Geflüchtete engagieren sich bei vostel, etwa fünf Prozent der Community haben einen Flüchtlingshintergrund, es sind vor allem junge Männer aus Syrien, dem Iran und Irak sowie Afghanistan. „Sie wollen Wartezeit überbrücken, in Kontakt mit Einheimischen kommen und dadurch auch besser die deutsche Sprache lernen. Sie wollen einfach genau wie alle anderen sein ‒ ein mündiges Mitglied der Gesellschaft. Sie können einer sinnstiftenden Tätigkeit nachgehen und werden vom bloßen Hilfsempfänger zum Hilfsgeber“, sagt Gründerin Hanna Lutz. „Vostel soll eine offene Plattform für alle sein. Die Projekte für alle zu öffnen, das ist wahre Integration!“

Um noch mehr Geflüchteten den Weg ins soziale Engagement zu ermöglichen, haben sie das Projekt Volunteergration ins Leben gerufen. Damit sollen Geflüchtete gezielt in Notunterkünften, Wohnheimen und Treffpunkten angesprochen werden, sowie über mehrsprachiges Infomaterial und eine mehrsprachige Website.

Berlin ist einmalig

Finanzieren kann sich die Freiwilligenplattform über die Organisation und Koordination von sogenanntem Corporate Volunteering. Dabei geben Firmen wie etwa Zalando ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Möglichkeit, sich in ihrer Arbeitszeit sozial zu engagieren, etwa im Rahmen eines sogenannten Social Day.

Auch in München bringt vostel Freiwillige und soziale Organisationen zusammen, hier gibt es ebenfalls viele soziale Organisationen und Freiwillige. Berlin aber bleibt einmalig, sagt Hanna Lutz. „Viele Berlinerinnen und Berliner sind sich ihrer sozialen Verantwortung bewusst, egal ob sie hier geboren, fürs Studium hergezogen oder aus einem anderen Land emigriert sind. Sie gründen ständig neue Projekte, wie Catering aus gespendeten Lebensmitteln oder Fahrradunterricht für geflüchtete Frauen. Das ist wirklich beeindruckend.“

Julia Raunick