Was für ein Theater

Die Programmteilnehmer von MundART stehen auf einer Bühne. Davor sitzt ein Publikum.
Bei Mund:ART sind alle Beteiligten mit großem Engagement dabei. Bild: Publiplikator GmbH

Die Aufregung ist spür- und hörbar. Ein buntes Stimmengewirr lässt ahnen, wie nervös die elf Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Projekts mund:ART sind. An diesem Tag sollen sie zum ersten Mal ihre Deutschkenntnisse und ihr schauspielerisches Talent auf einer kleinen Bühne einem ausgewählten Publikum präsentieren. Alle sind während der Darbietung hochkonzentriert und mit viel Leidenschaft dabei. Rund 20 Minuten später fällt die Anspannung ab, der Applaus brandet anhaltend auf, alles ist gut gegangen.

Carolin Mkama, Julian Meyer-Radkau und Olga Evdokimova lächeln in die Kamera
Carolin Mkama, Julian Meyer-Radkau und Olga Evdokimova (v.l.n.r) leiten die Teilnehmenden bei Mund:ART an. Bild: Publiplikator GmbH

Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer entwickeln sich weiter

Hochzufrieden sehen auch Carolin Mkama, Olga Evdokimova und Julian Meyer-Radkau aus. Alle drei sind für den Trägerverein „defakto“ für das Projekt mund:ART verantwortlich: Mkama als Projektleiterin und Integrationscoach, Evdokimova ist die Sprachlehrerin und Meyer-Radkau der Theaterpädagoge im Team. 15 bis 20 Personen sind Teil des jeweils für neun Monate angelegten Projekts. Täglich sechs Stunden sind die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Berlin-Spandau vor Ort, lernen die deutsche Sprache, werden einzeln angeleitet und spielen Theater. „Wir haben viele verschiedene Nationalitäten, und damit auch viele unterschiedliche Kulturen bei uns. Das Bildungsniveau reicht vom Universitätsabschluss bis zu Personen, die nur die Grundschule absolviert haben. Dieser Spagat ist eine enorme Herausforderung, auch für uns als Coaches“, sagt Carolin Mkama.
Bereits zum dritten Mal arbeitet das Projekt am Standort Spandau mit Menschen, die einen Flucht- oder Migrationshintergrund haben. Die Erfahrungen, die von den Coaches gemacht wurden, sind allesamt positiv. „Alle machen einen Schritt und entwickeln sich weiter“, sagt Carolin Mkama. Ehemalige Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben mittlerweile eine Anstellung gefunden, ihre Sprachprüfung abgelegt oder für sich selbst herausgefunden, in welche Richtung sie sich qualifizieren möchten.

Spielerisch die Sprache erlernen

Das zentrale und verbindende Element des Projekts mund:ART ist das Theater, nicht das klassische, sondern vielmehr das spielerische: „Wir stellen den Spracherwerb in den Vordergrund und üben viele Sätze sehr spielerisch: ‚Ich gehe zum Fenster und öffne das Fenster‘. Wir tun das, was wir sagen. Dadurch entsteht eine erste Spielsituation, die gleichzeitig den Umgang mit der deutschen Sprache schult. Das spricht nicht nur den Kopf an, sondern den ganzen Menschen“, beschreibt Theaterpädagoge Julian Meyer-Radkau. „Die Sprachfertigkeit über das Theaterspielen zu steigern, ist im ersten Moment für manche ungewohnt. Aber alle realisieren schnell, dass das Theater sehr authentische Situationen schafft und sind dann mit hohem Engagement dabei“, ergänzt Sprachtrainerin Olga Evdokimova.

Drei Frauen stehen auf einer Bühne. Links steht eine Frau in einem Kleid in Rosatönen. In der Hand hält sie eine Rose. In der Mitte sitzt eine Frau mit einem Kranz im Haar. Ganz rechts am Rand der Bühne sitzt eine Frau mit einem Korb voll Blumen.
Als Höhepunkt des Projekts entwickeln alle Teilnehmer im Team ein Theaterstück, das am Ende in einem echten Theater öffentlich aufgeführt wird. Bild: Publiplikator GmbH

Auch berufliche Möglichkeiten werden geschaffen

Finanziert und unterstützt wird das Projekt mund:ART vom Jobcenter in Berlin-Spandau. Die deutsche Sprache verbessern und darüber den beruflichen Einstieg in Deutschland zu schaffen, ist das oberste Ziel. Integrationscoach Carolin Mkama hilft auch mal beim Ausfüllen von Formularen. Als Jobtrainerin vernetzt sie aber auch mit lokalen Unternehmen. Vor kurzem erst haben die Kursteilnehmer das BMW-Werk in Spandau besucht. So entstehen viele hilfreiche Kontakte, die den Kursteilnehmenden, die aus ganz unterschiedlichen Beweggründen nach Berlin gekommen sind, berufliche Möglichkeiten und Chancen aufzeigen.

Als Höhepunkt des Projekts entwickeln alle Teilnehmer im Team ein Theaterstück, das am Ende in einem echten Theater öffentlich aufgeführt wird. Das erste Stück „Heute hier, morgen dort“, im Mai 2016, spielte an einem Bahnhof und drehte sich um eine zufällige Begegnungen und die Reise in die Zukunft. Im Februar 2017 hieß es „Hin und her“, eine Komödie an einer Grenze. Welche Geschichte das Stück des aktuellen Jahrgangs erzählen wird, ist noch ungewiss. Da die Theateraufführung am 9. November 2017 stattfindet, bietet sich ein historischer Bezug zum Mauerfall an. Aber so weit sind die Teilnehmerinnen und Teilnehmer noch nicht. Die erste erfolgreiche gemeinsame Aufführung wird Ihnen jedoch vermutlich die Sicherheit gegeben haben, sich weiter auf das Theaterspiel einzulassen. Für Inhalt und Stück zum Finale bleibt noch ausreichend Zeit.

Thomas Reckermann