Integration am Esstisch

Benjamin Hanstein und Hosein Fahed stehen vor einem Plakat von "Welcome Dinner Berlin"
Benjamin Hanstein (l.) und Hosein Fahed bringen Geflüchtete und Berliner an einen Tisch Bild: Publiplikator

Die Magie beginnt mit einem Essen irgendwo in Berlin. In einer Neuköllner WG, bei einem Ehepaar in Charlottenburg oder bei einer Familie aus Friedrichshain lernen sich Einheimische und Geflüchtete beim gemeinsamen Essen besser kennen. Das Ziel: Integration am Esstisch, initiiert vom Verein „Welcome Dinner Berlin“.

Es ist der Sommer 2015, hunderttausende Menschen sind auf der Flucht und strömen nach Deutschland. Benjamin Hanstein, im Hauptberuf Qualitäts- und Produktmanager, verfolgt die Geschehnisse und spürt immer mehr den inneren Druck, selbst etwas zu unternehmen, um diesen Menschen zu helfen. Als er einen Artikel über Ebba Akerman, die schwedische Gründerin des ersten „Welcome Dinner“, liest, hat er seinen Weg gefunden. Der gebürtige Jenaer informiert sich, in welchen deutschen Städten es bereits „Welcome Dinner“ gibt. Dabei stößt er auf Mandy Seidler, die diese Idee ebenfalls in Berlin verbreiten möchte. Am 21. September 2015 geht ihre Initiative „Welcome Dinner Berlin“ nach dreiwöchiger Vorbereitungszeit an den Start. Seit Februar letzten Jahres firmieren sie als eingetragener Verein und sind Mitglied des Paritätischen Wohlfahrtverbands.

Kulturelle Gepflogenheiten

Alle Berlinerinnen und Berliner können sich auf der Internetseite
registrieren. Zunächst müssen sie ein paar Fragen etwa zu Sprachkenntnissen, Wohnort und Kapazität für Gäste beantworten. Auch interessierte Geflüchtete registrieren sich auf dem Portal. Dann gelangen beide Seiten in den Vermittlungspool. „Wir sind aber keine Partnervermittlung. Im Idealfall sitzen zwei Gastgeber und zwei Gäste an einem Tisch. So ist ein Kennenlernen am besten möglich“, sagt der 36-jährige Initiator.

Einige Tage vor dem passenden Termin werden beide angerufen, der Gastgeber oder die Gastgeberin erhält zusätzlich die Kontaktdaten des Gastes. Um ein Kennenlernen auf Augenhöhe zu ermöglichen, werden beide Seiten zudem über kulturelle Gepflogenheiten des jeweils anderen etwa zu Anreise, Pünktlichkeit oder Begrüßung aufgeklärt. Und dann heißt es: Feinabstimmung über Zeit und Ort, Zutaten besorgen, etwas Leckeres kochen, und schon klingeln Gäste an der Tür.

Hosein Fahed steht vor einer Backsteinmauer
Hosein Fahed weiß, was es heißt, Geflüchteter zu sein Bild: Publiplikator

Unsichtbare Mauern überwinden

Nach einem gelungenen Abend erreicht die Macher von „Welcome Dinner Berlin“ oft ein Selbstporträt inklusive Beschreibung des Abends. Immer öfter lädt im Anschluss auch der Gast zu sich zum Essen ein, „da geht uns das Herz auf“, sagt Initiator Benjamin Hanstein.

Ungefähr 350 Abendessen fanden dank „Welcome Dinner Berlin“ bereits statt. Auch Benjamin Hanstein war schon Gastgeber. Gegenüber seiner Wohnung gab es eine Flüchtlingsunterkunft. „Wir grüßten uns zwar immer höflich, aber es stand immer eine unsichtbare Mauer zwischen uns.“ An einem Abend hatte er schließlich zwei Bewohner der Turnhalle zu Besuch, „das Essen war sehr schön, aber erst am nächsten Tag zeigte sich die Magie.“ Denn als sie sich auf der Straße mit einer großen Gruppe Neu-Berliner auf dem Weg zum Fußballplatz begegneten, war diese unsichtbare Mauer verschwunden, alle begrüßten sich herzlich, Benjamin Hanstein, der Berliner von Gegenüber, war nun Teil der Gruppe.

Niemand soll länger als einen Monat warten

Um „Welcome Dinner Berlin“ unter potenziellen Gästen bekannt zu machen, besuchten die Initiatoren Flüchtlingsunterkünfte, Volkshochschulen und Sprachschulen, hängten Plakate auf und verteilten Flyer. Dennoch blieb der große Zuspruch aus. Warum, weiß Hosein Fahed. Der 27-jährige Syrer arbeitet seit Dezember 2016 bei „Welcome Dinner Berlin“ und erlebte selbst, was es heißt, Geflüchteter zu sein: „In den ersten Monaten ist dein Kopf voll mit Dingen, die erledigt werden müssen. Außerdem bist du oft verängstigt und zurückhaltend.“

Hosein Faheds Minijob bei dem Verein wird über eine Crowdfunding-Aktion finanziert. „Ich bin sehr dankbar für diese Chance. Mein Ziel ist es, alle Gäste und Gastgeber vermittelt zu haben“, sagt der Syrer, der seit April 2015 in Deutschland lebt und neben seiner Arbeit auch noch seinen Master in Bauingenieurswesen macht. „Wir wollen irgendwann dahin kommen, dass niemand länger als einen Monat auf eine Vermittlung wartet“, ergänzt Benjamin Hanstein. „Unsere Arbeit ist jetzt genauso wichtig, wenn nicht sogar noch wichtiger als zu Beginn. Denn jetzt greift unser Angebot.“ Ein Syrer sagte einmal zu ihm, „Welcome Dinner Berlin“ sei einfach ein freundschaftlicher Akt und kein Almosen. Denn irgendwann wolle er nicht mehr als Hilfesuchender angesehen werden, sondern einfach als Neu-Berliner.

Julia Raunick