Die eigene Stimme finden

Marwa Abidou steht vor einem Schild mit der Aufschrift Werkstatt der Kulturen
Marwa Abidou möchte ein Angebot für geflüchtete Frauen schaffen. Bild: Publiplikator

„Fadfadah“ ist arabisch und bedeutet so viel wie „sich zutiefst ausdrücken“. Im gleichnamigen Workshop der Theaterwissenschaftlerin Dr. Dr. Marwa Abidou wird geflüchteten Frauen die Möglichkeit geboten, ihre eigene Stimme zu finden.

Im alten Gebäude der Bergbrauerei Hasenheide, direkt am Rande des Volksparks in Neukölln, liegt die Werkstatt der Kulturen. Ein imposanter Bau, umgeben von Grün, der auch ein Café beherbergt, in dem Menschen verschiedenster Nationalitäten ihrer Arbeit nachgehen.

Mittendrin: Marwa Abidou. Sie kommt aus Ägypten, wo sie Theaterwissenschaften studierte. Seit knapp 14 Jahren lebt sie bereits in Berlin. Ihr Studium hat sie in Deutschland fortgeführt und gleich zweifach zu ägyptischem und deutschem Theater promoviert: an der Universität Köln und der Freien Universität Berlin. Ihr Fachgebiet ist der interkulturelle Austausch durch darstellende Kunst. Seit sie im letzten Jahr auf der Suche nach Räumlichkeiten für ein Theaterprojekt für arabische Frauen auf Philippa Ebéné traf, arbeitet sie in verschiedenen Bereichen mit der Werkstatt der Kulturen zusammen. „Frau Ebéné leitet die Werkstatt der Kulturen. Ohne lange nachzudenken, hat sie mich sofort gefragt, wann ich anfangen möchte“, erinnert sich Abidou.

Marwa Abidou steht vor einem Schild mit der Aufschrift Werkstatt der Kulturen
Das Theaterstück von Marwa Abidou enthält verschiedene Elemente wie Film, Gesang, Malerei und Erzählung. Bild: Publiplikator

Eine Botschaft an Deutschland

So begann 2016 der erste „Fadfadah“ Workshop. „Ich wollte etwas für geflüchtete Frauen anbieten, denn aus Erfahrung weiß ich, dass sie bei der Integration oft zu kurz kommen. Meist stehen die Männer im Vordergrund. Sie gehen zum Deutschunterricht, nehmen Termine bei Ämtern wahr. Die Frauen bleiben zu Hause“, erzählt Marwa Abidou. Bei ihrem Workshop -Projekt sollten nun die Frauen zu Wort kommen und die Möglichkeit erhalten, sich in der Gastkultur vorzustellen. Wie genau sie das bewerkstelligen sollte, wusste Marwa Abidou zu Anfang noch nicht. Doch dann entwickelte sie Schritt für Schritt gemeinsam mit den Teilnehmerinnen eine Performance. Der Kern: eine Botschaft von geflüchteten Frauen an die Gastgesellschaft. Sie lautet: Wir sind keine Zahl. „Es geht darum, dass in der Berichterstattung oft nur von Zahlen die Rede war. Soundso viele Geflüchtete sind nach Deutschland gekommen, soundso viele im Ozean ertrunken. Dabei sind es immer Menschen mit eigenen Geschichten. Das wollten wir deutlich machen“, sagt die gebürtige Ägypterin.

Das Stück selbst enthält verschiedene Elemente wie Film, Gesang, Malerei und Erzählung. Jede der Frauen drückt sich so aus, wie sie es am besten kann, und berichtet von sich selbst und ihrer Vergangenheit. „Erzählen ist fest in der arabischen Kultur verankert. In Syrien gibt es zum Beispiel die Mate-Sitzung, bei der sich Frauen treffen und von ihrem Tag berichten. Durch die Performance wollten wir die Kommunikation zwischen der Gastgesellschaft und Neukommenden eröffnen“, so Marwa Abidou. „Deshalb war uns sehr wichtig alle Erzählungen auf der Bühne ins Deutsche zu übersetzen. Neben der Vorführung gab auch eine offene Diskussion mit den Zuschauern.“ Ein großer Erfolg, der auch 2017 fortgesetzt werden soll.

Große Pläne

In diesem Jahr hat die Theaterwissenschaftlerin zusammen mit der Werkstatt der Kulturen ein großes Rahmenprojekt entwickelt: „La Saison Arabe“ mit einem kulturellen und künstlerischen Programm mit arabischem Schwerpunkt.

Seit April werden dort Filme gezeigt, Konzerte und Feste veranstaltet und natürlich Schauspiel- und Theater- Workshops angeboten. Im „Fan-Café” treffen sich monatlich arabische Künstlerinnen und Künstler, um sich auszutauschen. „Vor allem Geflüchtete sollen von der La Saison Arabe profitieren und hier ein Stück der eigenen Kultur wiederfinden. Wir wollen mit diesen Veranstaltungen einen Raum für Interaktion schaffen“, sagt Marwa Abidou. „Interessierte, die keinen arabischen Hintergrund haben, sind dabei selbstverständlich ebenfalls herzlich willkommen. Die Veranstaltungen von La Saison Arabe finden auf Arabisch und Deutsch statt. Die Migrantinnen und Migranten sollen dabei die Möglichkeit erhalten, ihre Kultur vorzustellen und durch Kunst einen Dialog zu öffnen. Die Gastgesellschaft soll dadurch einen Zugang zur arabischen Kultur finden, um Neukommende sowie Migrantinnen und Migranten besser kennen zu lernen. Integration geht so von beiden Seiten aus und das ist das Hauptziel des Programms.“

Sarah Wiedenhöft