Den Alltag hinter sich lassen

Mannschaft und Trainer stehen im Halbkreis auf dem Platz.
Fußball bei CHAMPIONS ohne GRENZEN. Spieler und Trainer wärmen sich vor dem Training auf. Bild: Pupliplikator GmbH

Im Fünfminutentakt rauschen Flugzeuge über den Sportplatz des SC Siemensstadt in Berlin Spandau. Hier, unweit des Flughafens Berlin Tegel, umringt von Kleingartenanlagen und Hochhäusern, kommen Geflüchtete verschiedener Herkunft regelmäßig zum Fußballtraining im Freien zusammen. Das Dauerrauschen der Flugzeuge nehmen sie dabei längst nicht mehr wahr. Viel zu sehr sind sie in das gemeinsame Training vertieft, pesen über den Platz und spielen sich warm. Viel erklären muss Trainer Holger Lindemann dabei nicht. Jeder hier kennt die Spielregeln noch von den Bolzplätzen aus seiner Heimat, im Nahen oder Mittleren Osten und Afrika.

Video: Ein sportliches Team

Formate: video/youtube

Ein Stück Normalität auf dem Fußballplatz

Holger Lindemann kommt von Hertha BSC. Der Verein kooperiert mit CHAMPIONS ohne GRENZEN im Rahmen des deutschlandweiten Projekts „Willkommen im Fußball“. Die Initiative des deutschen Fußballbundes bringt Bundesliga-Vereine mit lokalen Flüchtlings-Initiativen zusammen, um Geflüchteten eine sportliche Perspektive zu bieten.

Der SC Siemensstadt stellt hier unter anderem seinen Sportplatz und die Trainingsmaterialen zur Verfügung. Als Co-Trainer von CHAMPIONS ohne GRENZEN steht ihm Ugur Soner unterstützend zur Seite. Der 23-jährige Student suchte nach einer Möglichkeit, seine sportlichen und sozialen Fähigkeiten sinnvoll einzusetzen, und stieß so auf das Projekt:

„Ich bin Trainer bei CHAMPIONS ohne GRENZEN, weil ich neben meinem Studium der Sportwissenschaften gerne etwas Praktisches, etwas Verantwortungsvolles machen wollte. Das ist für mich die perfekte Schnittstelle zwischen Sport und etwas Sozialem.“

Ugur Soner, ein junger Mann mit Bart, lächelt in die Kamera.
Der 23-jährige Ugur Soner ist Co-Trainer bei CHAMPIONS ohne GRENZEN. Er suchte nach einer Möglichkeit, seine sportlichen und sozialen Fähigkeiten sinnvoll einzusetzen. Bild: Publiplikator GmbH

Der Grundgedanke des 2012 gegründeten Vereins ist es, geflüchtete Menschen durch gemeinsamen Sport mit anderen Geflüchteten aus ihrer sozialen Abgeschiedenheit zu holen und ihnen so ein Stück Normalität zurückzugeben. Darum bietet der Verein in mehreren Berliner Bezirken offenes Fußballtraining für Männer und Frauen, Jungen wie Mädchen an. Jeder und jede ist willkommen. Auch an Turnieren und Freundschaftsspielen nehmen die Mannschaften regelmäßig teil.

„Die Verhaltensweisen, die man auf dem Rasen beim gemeinsamen Spiel entwickelt, kann man auch super außerhalb des Platzes in sich tragen und vielleicht im besten Fall auch weitergeben“, sagt Ugur Soner, der vor allem darin die integrative Stärke des Fußballs sieht.

Spieler liefern sich auf dem Platz einen Zweikampf um den Fußball.
Während des Trainings lassen die Geflüchteten ihren Alltag hinter sich Bild: Publiplikator GmbH

Von der Flüchtlingsunterkunft auf den Bolzplatz

Die meisten Geflüchteten erfahren von Freundinnen, Freunden oder durch andere Initiativen und Sportvereine von CHAMPIONS ohne GRENZEN. Spontan kommen sie zum ersten Training, ohne sich anmelden zu müssen. Einige bleiben länger dabei. So haben die Trainingsmannschaften einen festen Kern an Teilnehmenden. Wer sich darüber hinaus einbringen möchte, bekommt die Möglichkeit sich zum Fußballtrainer oder zur Fußballtrainerin ausbilden zu lassen. Die Geflüchteten werden dadurch noch mehr in ihren individuellen Stärken gefördert und geben ihr Können später an andere Geflüchtete und Berlinerinnen und Berliner auf dem Fußballplatz weiter. Das schafft gegenseitige Motivation und trägt zu nachhaltiger Integration bei.

Dabei ist die Lebenssituation der Geflüchteten bei CHAMPIONS ohne GRENZEN sehr unterschiedlich. Manche haben eine eigene Wohnung, allein oder mit Familie. Andere leben noch in Flüchtlingsunterkünften, nicht selten ohne Angehörige. Stellenweise führt auch die unterschiedliche Herkunft zu Sprachbarrieren unter den Geflüchteten. Für die Trainerinnen und Trainer ist es dann manchmal nicht leicht ihre Unterhaltungen nachzuvollziehen. „Dann muss man anhand der Gestik und Mimik versuchen herauszufinden, worum es geht“, sagt Ugur Soner. Auf dem Fußballplatz aber sind alle Teil des Teams, und Barrieren scheinen wie weggewischt. Hier können sie ihr soziales Netzwerk ausbauen, das Erlebte hinter sich lassen und einfach Spaß haben. Für Co-Trainer Soner ein sichtbarer Erfolg: „Ich denke, auf der einen Seite liegt das am Engagement der Geflüchteten selbst, auf der anderen Seite auch an uns Trainerinnen und Trainern von CHAMPIONS ohne GRENZEN.“

Josefine Jacob