Berufsorientierung im Gesundheitswesen

Die SpraBo-Teilnehmer stehen nach dem Deutschunterricht im Raum.
Die unterschiedlichen Herkünfte der Teilnehmer waren in diesem SpraBo-Kurs nie ein Problem. Bild: Publiplikator GmbH

Hadil ist noch ganz aufgeregt, als sie sich nach dem Rollenspiel wieder zu den anderen setzt. Sie sinkt in ihren Stuhl lächelt und hält sich die Hand aufs Herz, während die anderen ihr applaudieren. Es bedeutet ihr viel, die praktischen Übungen gut zu machen. Auch das Feedback der anderen Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmer ist ihr wichtig. Gemeinsam mit ihrer Kursleiterin Christina Polzin bespricht die Gruppe, wie die junge Syrerin das Rollenspiel als Pflegekraft gemeistert hat. Hussein, der die Rolle des Patienten übernommen hatte, ist sehr zufrieden mit ihr. Nur die Begriffe Blutdruck und Puls habe sie während der Übung verwechselt. Auf dem Tisch liegt das Rollenspiel als Dialog. Diesen hatte sich die Gruppe zuvor im berufsorientierenden Unterricht gemeinsam erarbeitet.

Video: Berufliche Möglichkeiten schaffen

Formate: video/youtube

Gemeinsamer Unterricht stärkt die Geflüchteten

Hadil und 22 weitere Geflüchtete starteten im Dezember 2016. Sie sind der erste Kurs-Zug von SpraBo – Sprachkompetenz und Berufsorientierung. Das Qualifizierungsprojekt ist eine berufsvorbereitende Initiative, die von Charité und Vivantes gemeinsam umgesetzt wird. Sie richtet sich gezielt an Geflüchtete mit Interesse an Berufen im Gesundheitswesen. Initiiert wurde sie vom IQ Landesnetzwerk Berlin, das beim Beauftragten des Berliner Senats für Integration und Migration angesiedelt ist.

Christina Polzin und Heike Jacobi-Wanke stehen nebeneinander
Christina Polzin und Heike Jacobi-Wanke stehen den Geflüchteten in allen Fragen zur Seite. Bild: Publiplikator GmbH

Jeder Kurs-Zug hat eine Dauer von sechs Monaten. In zwei Teilgruppen absolvieren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer den praktischen Teil in den Ausbildungszentren und Krankenhäusern von Charité und Vivantes. Dabei stehen fachbezogener Unterricht, praktische Übungen aus dem Berufsalltag und Praktika auf den Stationen im Fokus. Der Deutschunterricht findet für alle Teilnehmer an der Gesundheitsakademie der Charité in Berlin-Wedding statt. „Ich erlebe hier eine Einsatzbereitschaft und Motivation, die ich mir überall wünschen würde“, sagt Christina Polzin, Pädagogische Leiterin des Projekts an der Charité. Der Projektleiter bei Vivantes, Dr. Hagen Tuschke, stimmt mit ihr überein und empfindet den ausgeprägten Wissensdrang und die unermüdliche Lernbereitschaft der Teilnehmer als außergewöhnlich. Auch vom guten Zusammenhalt der Gruppe waren die Projektverantwortlichen überrascht, da diese aus unterschiedlichen religiösen und kulturellen Hintergründen zusammengesetzt ist. „Schon in den ersten Wochen begannen sie, sehr vertraut miteinander umzugehen. Sie unterstützen sich gegenseitig in allem, was sie erleben. Das ist ein sehr guter Zusammenhalt geworden und die Atmosphäre ist sehr schön“, ergänzt Heike Jacobi-Wanke.

Als Pädagogische Mitarbeiterin führt sie unter anderem den berufsbezogenen Deutschunterricht an der Charité durch.
Vor und nach dem Unterricht mit den Geflüchteten sind die PflegepädagogInnen auch AnsprechpartnerInnen für alltägliche Fragen. Dann unterstützen sie die Geflüchteten auch mal beim Ausfüllen von Amtsanträgen, besprechen die Bedeutung von Schulabschlüssen oder beantworten Fragen zur deutschen Gesellschaft.

Hadil im Gespräch mit einem anderen Kursteilnehmer
Hadil absolviert ein Praktikum auf einer HNO-Station. Bild: Publiplikator GmbH

Praxisnähe im Krankenhaus

Parallel zum Unterricht an der Gesundheitsakademie der Charité und dem Vivantes Institut für berufliche Bildung im Gesundheitswesen absolvieren alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer ein Praktikum an den verschiedenen Standorten von Charité und Vivantes. Dort lernen sie in enger Zusammenarbeit mit der Belegschaft den Krankenhausalltag kennen. „Ich lerne viel. Jeden Tag etwas anderes. Neulich habe ich in der Aufnahme gesessen und gelernt, wie man direkt mit den Patienten umgeht“, sagt Hadil, die ihr Praktikum auf einer HNO-Station der Charité absolviert. „Das schönste Erlebnis ist eigentlich immer, wenn die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit strahlenden Gesichtern von ihren Praxiseinsätzen erzählen. Dann kommen sie mit Vokabellisten, was sie alles noch lernen wollen“, ergänzt Jacobi-Wanke. Auch Dr. Hagen Tuschke ist begeistert: „Die Rückmeldungen von den Stationen sind fast ausschließlich positiv. Die Kursteilnehmerinnen sind empathisch, wissbegierig, aber nicht aufdringlich.“

So ermöglicht SpraBo den Teilnehmerinnen und Teilnehmern individuelle Einblicke ins Gesundheitswesen, anhand derer sie entscheiden können, ob sie sich in diesem Feld weiterbilden und dort einen Beruf ergreifen möchten. Einige der Geflüchteten haben schon Jobangebote als Pflegerinnen und Pfleger in Krankenhäusern oder Altenpflegeeinrichtung bekommen. Hadil selbst möchte Krankenschwester werden und wird sich um einen Ausbildungsplatz ab Herbst dieses Jahres bewerben. Für sie erfüllt dieser Beruf ein sehr tiefes Bedürfnis: „Ich bin einfach ein Mensch, der anderen gerne hilft. Dort wo Leute Hilfe brauchen, versuche ich immer einen Platz zu finden.“

Josefine Jacob