Geballte Power

29.01.2017 08:00

Cornelia Geigulat, Lehrerin einer Willkommensklasse in Berlin
Cornelia Geigulat, Lehrerin einer Willkommensklasse in Berlin
Bild: Buddy Bartelsen

„Na, da haben Sie sich doch ein Prachtexemplar für Helfende ausgesucht“, grüßt der Schulleiter des Leonardo-da-Vinci-Gymnasiums in Buckow, Hans Steinke, in seinem Büro. Kurz darauf kommt auch schon Cornelia Geigulat, Lehrerin für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache. Groß, blond, sportlich, dynamisch, fester Händedruck: eine Powerfrau.

Seit 1986 unterrichtet Cornelia Geigulat Deutsch als Fremdsprache mit dem Ziel, Migrantinnen und Migranten über den Spracherwerb zu helfen, in Berlin anzukommen. Seit 2012 waren ihre Schüler und Schülerinnen hauptsächlich erwachsene Geflüchtete, die ihre Heimat aus verschiedensten Gründen verlassen mussten und damit nicht nur „sprachfremd“ hier ankamen, sondern meist auch psychisch sehr belastet.

Die besten Ideen kommen ihr auf dem Fahrrad

Sie erzählt auf dem Weg zum Klassenraum, dass sie jeden Tag – bei Wind und Wetter – um 6.30 Uhr mit dem Fahrrad die 18 Kilometer bis zur Schule nach Buckow fährt. Und natürlich wieder zurück. Eine Stunde braucht sie für die Strecke, und so früh am Morgen, wenn gerade die Sonne aufgeht, kommen ihr auf dem Fahrrad die besten Ideen für den Unterricht. Wir gehen in „ihren“ Klassenraum, in dem sie eine „Willkommensklasse“ unterrichtet. 15 Schülerinnen und Schüler – 11 Länder – 8 Sprachen: Doch ein babylonisches Stimmengewirr gibt es nicht.

Im Unterricht ihrer Klasse der 13- bis 17-Jährigen wird Deutsch gesprochen – ohne Ausnahme. Auch wenn das zu Beginn in einer solchen Klasse, in der keiner auch nur ein deutsches Wort kann, zunächst schleppend läuft.

Cornelia Geigulat hat ihre speziellen Tricks, wie die Schüler und Schülerinnen miteinander kommunizieren können. „Wir tanzen, malen, machen viel Sport wie Badminton oder Tischtennis“, am Anfang steht die nonverbale Kommunikation. „Besonders Tanzen öffnet die Schüler“, davon ist die ehemalige Teamleiterin im künstlerischen Betriebsbüro des Friedrichstadtpalastes fest überzeugt.

Sie sei sehr streng, sagt die Lehrerin Cornelia Geigulat von sich selbst
Sie sei sehr streng, sagt die Lehrerin Cornelia Geigulat von sich selbst
Bild: Buddy Bartelsen

Nach einem Jahr sollen sie in eine Regelklasse wechseln

Handlungsorientiert und praxisnah ist der Unterricht. Über Rollenspiele, Tanz, Sport und Gruppenarbeit sollen sich die Schüler eben nicht nur kennenlernen, sondern auch Ängste und Traumata abbauen, Sicherheit und Selbstbewusstsein entwickeln. Diese Frau hat eine Mission, nämlich die Lernenden fit zu machen fürs Gymnasium, und eine große Motivation: ihre Schülerinnen und Schüler, so schnell es geht, auf ein gutes Sprachniveau zu heben. So schnell, dass sie möglichst nach einem Jahr eine Regelklasse besuchen können.

„Sprache ist die erste Tür, durch die man gehen muss“, sagt Cornelia Geigulat. Sie weiß, wovon sie redet. Sie selbst spricht fünf Sprachen, musste als Dozentin für das Inlingua Sprachencenter und die Firma Deloitte in Luxemburg in kürzester Zeit Französisch lernen. „Mir kommt es aber nicht nur darauf an, die Sprache zu lehren. Ich möchte gleichzeitig Werte wie Respekt, Toleranz, Disziplin im Unterricht vermitteln“, ergänzt die studierte Publizistin und diplomierte Dolmetscherin.

„Fremdeln“ überbrücken

Sie sei sehr streng, betont sie. Doch gerade dafür lieben sie die Schülerinnen und Schüler. Ihr eigens für das Gymnasium erarbeitetes Konzept für den Übergang von der Willkommens- (Wikoschülerinnen und -schüler) in die Regelklassen sieht unter anderem vor, dass die Jugendlichen auch eine Präsentation mit Text, Tanz, Musik und Spiel erarbeiten, in der sie sich und ihre Heimat den Regelklassen vorstellen. Das trägt dazu bei, das „Fremdeln“ mit den Regelschülerinnen und -schülern zu überbrücken. Im letzten Schuljahr war das schon einmal erfolgreich.

In der Schule hat sich die Arbeitsgemeinschaft „Leo schaut nicht weg“ gegründet, in der die Regelschüler und -schülerinnen eine Chance haben, den Geflüchteten direkt zu begegnen, mit ihnen zu kochen, zu sprechen und Ausflüge zu machen. Es gibt zudem Lesepatenschaften, Hausaufgabenhilfen und gemeinsame Ausflüge mit Lernenden, die früher selbst eine Willkommensklasse besucht haben.

„Integration funktioniert meines Erachtens häufig über persönliche Kontakte, die sich aus beruflichen, nachbarschaftlichen oder ehrenamtlichen Tätigkeiten ergeben. Sei es das Interesse an der Musik, die man gemeinsam hört und nach der man tanzt, an der Geschichte, über die man diskutiert und neugierig nachfragt, oder einfach an fremden Gerichten, die man gemeinsam ausprobiert“, sagt Cornelia Geigulat und lächelt dabei. So kann Integration gelingen.

Daniel Gäsche