Vor der eigenen Haustür helfen

29.01.2017 08:00

Sabine (Mitte), ihr Mann Dirk (l.) und die drei Kinder sind die Paten dieser syrischen Familie
Sabine (Mitte), ihr Mann Dirk (l.) und die drei Kinder sind die Paten dieser syrischen Familie
Bild: Publiplikator

Sie steht mitten im Leben, aber nicht gerne im Mittelpunkt. Das merkt man Sabine sofort an, auch und vielleicht gerade, wenn man mit ihr über ihr Engagement für Geflüchtete spricht. Die 44-Jährige, ihr Mann Dirk und ihre drei Töchter sind eine Familie im Berliner Südwesten – und sie sind Patenfamilie.

Paten für Menschen, die in zurückliegender Zeit Furchtbares erlebt haben und die eine lange Reise schließlich nach Berlin geführt hat. Menschen, die auch Familie waren und immer noch sind. Menschen, denen das Schicksal aber vieles genommen hat.

Aufruf in der Schulzeitung

Es war um Ostern 2016, als Sabine – die ihren Familiennamen nicht nennen möchte – davon hörte, dass Patenfamilien gesucht werden. Ein Aufruf in der Schulzeitung hatte sie aufhorchen lassen. Konkret ging es um eine syrische Familie, die seinerzeit noch in der Notunterkunft am Teltower Damm in Zehlendorf untergebracht war. Die Idee war geboren.

Unterstützung für Geflüchtete, das ist für sie eine Selbstverständlichkeit: „Ich habe meine Wurzeln im Christentum“, erzählt die 44-Jährige. „Und ich habe auch in meiner Geschichte Fluchterfahrung“, unterstreicht sie. Die Familie ihres Vaters war während des Zweiten Weltkrieges aus Schlesien geflohen. „Damit habe ich mich sehr intensiv auseinandergesetzt“, betont die Kunsttherapeutin.

„Kinder gehen viel unkomplizierter damit um“

Aus dieser Erfahrung und ihrer inneren Überzeugung kommt der Antrieb, heute aktiv zu helfen. „Ich versuche zu verstehen, was mit einer Familie passiert, deren Angehörige getötet wurden, die sich in die Fremde aufmacht, ihre Wurzeln völlig kappen musste und die nicht überall mit offenen Armen aufgenommen wurde“, erklärt Sabine. Eine moderne Weihnachtsgeschichte, könnte man meinen, in jedem Fall hatte sie Parallelen zur eigenen familiären Geschichte entdeckt: „Wir wollen einfach ein Stück dazu beitragen, dass es den Menschen hier gut geht.“

Das erste Treffen ist auch für sie etwas Besonderes gewesen. Ihre beiden jüngsten Töchter waren damals dabei, und das war gut. „Kinder gehen viel unkomplizierter mit komplizierten Situationen um“, bemerkt sie. Aus dem Zusammenspiel von Worten, Gesten und Mimik wurde ein durchaus unterhaltsamer Nachmittag. Die erste und vielleicht größte Hürde war genommen.

Direkt vor der eigenen Haustür etwas tun

Die Einladung in das eigene Haus war ein weiterer sehr emotionaler Moment. „Ich wusste, da kommt jetzt eine Familie, die seit Monaten nicht mehr in einem häuslichen Umfeld gelebt hat, die keine schönen Möbel mehr hat, wir aber sitzen in einem Haus und haben das alles. Das war sehr bewegend für mich“, berichtet sie nachdenklich.

Ein dreiviertel Jahr später sind aus Fremden mittlerweile Freunde geworden. „Wir treffen uns, wir unternehmen etwas, wir kochen zusammen“, berichtet Sabine mit einem Lächeln im Gesicht. Die intensivste Zeit der Patenschaft ist die Wohnungssuche gewesen. Und auch das Warten auf erlösende positive Bescheide vom Amt habe Nerven gekostet, erzählt sie. Nun aber kehrt mehr Ruhe ein.

Die Mutter dreier Kinder ist dankbar: „Ich kann direkt vor meiner Haustür etwas tun. Ich kann diese Gesellschaft aktiv mitgestalten.“ Und während ihr Finger vorsichtig auf dem Tisch kreist, umreißt sie ihre Hoffnung. „In dieser Gesellschaft in Berlin möglichst vielfältig miteinander leben zu können“, sagt sie ruhig und bedächtig, nicht mahnend und korrigierend. Man glaubt es ihr.

Michael Klein