Kaugummis, Handys und Männer verboten

29.01.2017 08:00

Barbara Schaeffer-Hegel und ein paar ihrer Schülerinnen
Barbara Schaeffer-Hegel und ein paar ihrer Schülerinnen
Bild: Publiplikator

Wie jeden Mittwochnachmittag betritt Barbara Schaeffer-Hegel auch heute das Flüchtlingsheim in der Ruschestraße in Berlin-Lichtenberg mit einer prall gefüllten Tüte. Sofort stürmt ein halbes Dutzend Mädchen im Alter von sieben bis fünfzehn Jahren auf sie zu. Jede von ihnen will sie persönlich zur Begrüßung umarmen, die schwere Tüte wechselt in jüngere Hände, alle reden gleichzeitig auf die Frau ein, die hier nur Barbara heißt.

Seit Januar 2016 kommt die Berlinerin zweimal die Woche in die ehemalige Stasi-Zentrale, wo bis zu 1500 Geflüchtete, meist Familien, Unterkunft finden. Zwölf Mädchen gibt sie Nachhilfe in Lesen und Schreiben in deutscher Sprache. In ihrem Unterricht sind Kaugummis, Handys und Männer nicht erlaubt, wer zweimal unentschuldigt fehlt, ist raus.

Konflikte zwischen den Ethnien

Sie müsse streng sein, nicht nur, um normale Pubertätshöhenflüge abzufangen, sagt die vierfache Mutter und siebenfache Oma, sondern auch, um Konflikte zwischen den Ethnien zu unterbinden. Denn in dieser kleinen Gruppe spiegelt sich die angespannte Weltlage wider: Kurdinnen, Araberinnen, Christinnen, Muslima, Jesidinnen, Schiiten und Sunniten, die meisten aus dem Irak und Afghanistan.

„Anfangs waren die Spannungen zwischen den Kindern extrem stark. Inzwischen haben sich die Mädchen angefreundet, Glaubensrichtung und Herkunft sind weniger wichtig geworden. Auch sprechen sie immer häufiger Deutsch untereinander, schon weil sie die Sprache der anderen nicht verstehen“, sagt Barbara Schaeffer-Hegel sichtlich stolz auf ihre Arbeit.

Mit anderen Mädchen und Frauen in Kontakt kommen

Langfristig möchte die emeritierte Sozialwissenschaftlerin mit ihrem Verein LieberLesen e.V. ein Bildungs- und Freizeitzentrum für geflüchtete Mädchen und Frauen in Berlin aufbauen. Bei Sprach-, Sport-, IT- und Kunstkursen sollen sie mit anderen Mädchen und Frauen, die in Deutschland aufgewachsen sind, in Kontakt kommen. Ein erster Schritt ist der Unterricht im Flüchtlingsheim, ein zweiter Schritt soll auch in anderen Flüchtlingsunterkünften mit der Hilfe von Bildungsbussen folgen.

Barbara Schaeffer-Hegel lehrte und forschte zu Frauen- und Geschlechterfragen an Universitäten in Berlin, Österreich und den USA; heute konzentriert sie ihr Engagement auf geflüchtete Frauen und Mädchen, denn diese bräuchten im Moment die meiste Unterstützung. Mit Verve spricht die emeritierte Professorin über ihre neue Arbeit und deren politische Ziele, schaltet blitzschnell um von einfachen Formulierungen für die Mädchen hin zu komplexeren Worten über aktuelle Fragen.

Der Schock ihres Lebens

„Ich war schon immer ein politischer Mensch“, sagt die Gründerin der Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft (EAF) sowie der internationalen Karriereplattform für Frauen in Ingenieur- und Naturwissenschaften, der Femtec GmbH. Als die junge Barbara Schaeffer während ihres Studiums den Dokumentarfilm „Nacht und Nebel“ sieht, erfährt sie erstmals von den Vernichtungslagern in der Nazi-Zeit: „Es war der Schock meines Lebens“.

Seitdem hat es sich die Trägerin des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse und der Louise-Schroeder-Medaille des Landes Berlin zur Aufgabe gemacht, politische Bildung und Aufklärung zu verbreiten und die Entwicklung zu einer kinderfreundlichen Gesellschaft, in der Beruf und Familie vereinbar sind, voranzutreiben. „Ich möchte ein Vorbild für diese Mädchen sein. Ich habe Karriere gemacht und trotzdem Kinder bekommen. Ich fahre Auto und bewege mich draußen frei und ungezwungen, auch wenn kein Mann an meiner Seite ist.“

Deutsche Uhrzeitangaben: Ein delikates Kapitel

In dem ehemaligen Stasi-Büro, das zum Klassenzimmer umfunktioniert wurde, üben die Mädchen an diesem Nachmittag ein besonders delikates Kapitel deutscher Sprache: Uhrzeitangaben. Als gebürtige Baden-Württembergerin lehrt Barbara Schaeffer-Hegel natürlich Viertel und Dreiviertel. Bei der Frage, wer an der Tafel schreiben möchte, melden sich fast alle Mädchen freiwillig. Ein seltenes Bild in einem deutschen Klassenzimmer.

Warum nicht auch Jungs teilnehmen können? Die Mädchen wären nie so frei und frech, wie sie es jetzt sind, sagt ihre Mentorin. Denn neben dem Unterricht unternimmt die Gruppe auch Ausflüge in Botschaften, Museen, Theater und in den Bundestag. Schwimmunterricht steht für Anfang 2017 auf dem Programm, jedoch nicht im Burkini. Da ist Barbara Schaeffer-Hegel konsequent: „Burkini, Kopftuch, Niqab und Hidschab diskriminieren und grenzen die Trägerinnen aus der Gemeinschaft der Mädchen und Frauen in Deutschland aus.“

Am Ende des Unterrichts packen die Mädchen ihre Schulsachen zusammen und machen Platz für Kekse und Saft. Es war ein langer Tag, doch die Energie reicht noch für einen Tanz, den sie ihrer Barbara unbedingt zeigen wollen.

Julia Raunick