Am Leben teilhaben lassen

29.01.2017 08:00

Gaby Romboy gibt in Berlin Geflüchteten Deutschunterricht
Gaby Romboy gibt in Berlin Geflüchteten Deutschunterricht
Bild: Buddy Bartelsen

Der Deutschkurs von Gaby Romboy findet in einem warmen Raum in einem Erdgeschoss in der Wilmersdorfer Straße statt. Die 65-jährige Lehrerin malt Zahlen an die Tafel und erklärt, wie diese auf Deutsch heißen. Ihre Schüler und Schülerinnen, eine Gruppe von etwa zehn Menschen, hören ihr gebannt zu. Es sind Geflüchtete aus Syrien, Afghanistan, Irak, Libyen und anderen Ländern. Nachdem sie die Zahlen notiert haben, holt Gaby Romboy eine Uhr hervor. Als Nächstes wird die Gruppe lernen, wie man die Frage „Wie spät ist es?“ richtig beantwortet.

Gaby Romboy ist Rentnerin und unterrichtet seit zwei Jahren ehrenamtlich Deutsch. Ihre Kurse im Ökumenischen Zentrum „Wilma“ in Charlottenburg besuchen vor allem Geflüchtete, die noch keinen offiziellen Status haben und keine Integrationskurse belegen können. Die meisten sind Anfänger, die noch kein Wort Deutsch sprechen.

Video: Eine große Bereicherung

Manchmal versteht man sich gar nicht

„Es war zu Beginn nicht immer leicht“, erinnert sich Romboy. Früher hatte sie an einem Gymnasium Englisch und Politik unterrichtet. „Mit Geflüchteten musste ich mich zuerst daran gewöhnen, dass man sich manchmal gar nicht versteht und alles mit Mimik und Gesten erklären muss. Aber irgendwann klappt es dann und macht richtig Spaß.“ Da Romboy früher nie Deutsch unterrichtet hatte, musste sie sich selbst erst Wissen anlesen und verschiedene Herangehensweisen ausprobieren.

Auf die Idee, sich ehrenamtlich zu engagieren, kam Romboy vor etwa zwei Jahren. Von ihren Kollegen und Kolleginnen hatte sie viel über Geflüchtete gehört. Als sie dann in Rente ging, bewarb sie sich bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft für verschiedene Projekte und landete schließlich bei „Wilma“.

Gaby Romboy gibt Geflüchteten Deutschunterricht
„Eine erfolgreiche Integration kann nur gelingen, wenn wir Geflüchtete an unserem Leben teilnehmen lassen", sagt Gaby Romboy
Bild: Buddy Bartelsen

Es geht nicht immer nur um die Sprache

Ihr Mann reagierte auf diesen Schritt positiv. Auch ihre drei Kinder fanden die Idee gut. Sie selbst hätten aus beruflichen Gründen keine Zeit für ein ähnliches Engagement, erzählt Romboy, aber sie finden es spannend, ab und zu Geflüchtete kennenzulernen.

Nicht immer gehe es nur um die deutsche Sprache, erzählt Romboy weiter. Manchmal bringen Schüler offizielle Briefe mit in den Unterricht, die sie nicht ganz verstehen. Dann hilft sie auch gern dabei. „Wenn wir nicht helfen können, ist es schwer. Viele suchen zum Beispiel verzweifelt nach Wohnungen, aber da bin ich ratlos.”

Leiser Wirrwarr verschiedener Sprachen

Glücklich fühle sie sich, wenn ehemalige Schüler/innen sich melden und davon berichten, dass sie Praktika oder Arbeit gefunden haben. „Eine erfolgreiche Integration kann nur gelingen, wenn wir Geflüchtete an unserem Leben teilnehmen lassen. Und das schließt auch das Arbeitsleben ein.“ Sie erzählt von zwei Frauen, die Praktika als Schneiderinnen absolviert haben und in dieser Zeit nicht nur ihr Handwerk, sondern auch ihre Sprachkenntnisse massiv verbessern konnten.

Vor zwei Jahren hat bei „Wilma“ alles mit einem kleinen Kreis angefangen. Heute lernen zwei Gruppen parallel im Erdgeschoss in der Wilmersdorfer Straße. Die Atmosphäre ist entspannt, die Schüler und Schülerinnen machen Aufgaben, und ein leiser Wirrwarr verschiedener Sprachen erfüllt den Raum.

Gaby Romboy schaut mit einem sanften Blick über ihren Brillenrand und sagt: „Am glücklichsten bin ich, wenn wir zusammen lachen können, trotz all der schlimmen Dinge, die geschehen sind, und all der Schwierigkeiten, die noch überwunden werden müssen.“

Inga Pylypchuk