Ein Neuanfang in Berlin

Lorna und Alaa halten Alaas Baby im Arm.
Zwischen Lorna und Alaa hat sich eine enge Freundschaft entwickelt.
Bild: Publiplikator GmbH

Ihr 15 Quadratmeter großes Zimmer in einer Pankower Flüchtlingsunterkunft haben sich Alaa Abdulatiff und ihr Mann Menem so gut eingerichtet, wie es geht. Ein kleiner Pressspan-Tisch mit zwei Stühlen, links davon unter dem Fenster das Doppelbett und das weiße Kinderbettchen für Tochter Marah sowie ein Kleiderschrank und ein kleiner Kühlschrank. 15 Quadratmeter Privatsphäre für das syrische Ehepaar und seine kleine Tochter, 15 Quadratmeter Alltag.

Anfang 2016 waren Alaa und Menem nach Deutschland gekommen, da war Marah noch nicht auf der Welt. Doch es lag eine schwere Flucht hinter ihnen, bei der sie ihre erste Tochter in Saudi-Arabien zurücklassen mussten. Von der Türkei aus waren sie über das Mittelmeer nach Europa gelangt, begleitet von der bohrenden Angst, das völlig überfüllte Boot könnte jeden Moment im bitterkalten Wasser untergehen: “Wir haben wirklich alles riskiert, um hierher zu kommen und ein gutes Leben zu haben”, sagt Alaa, als sie daran denkt. Über die Balkanroute waren sie schließlich nach Deutschland gelangt, im tiefsten Winter. Dabei sah das Paar viele Menschen erfrieren. Auch sie selbst mussten, vor der Flucht über das Meer, jeglichen Ballast abwerfen und hatten seitdem nicht mehr dabei als die Kleidung, die sie am Körper trugen.

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Freundschaften entstehen

Bevor sie im Pankower Flüchtlingsheim das Zimmer bekamen, hatten sie in einer zur Flüchtlingsunterkunft improvisierten Sporthalle in der Nähe gelebt. Ohne eigenes Zimmer, ohne jegliche Privatsphäre. Hier war Alaa bereits mit Tochter Marah schwanger und fühlte, dass sie dringend Hilfe brauchte, um gut durch die Schwangerschaft zu kommen. Durch Gespräche mit einer deutschen Freundin erfuhr sie schließlich von den Welcome Mamas.

Alaa sitzt in Ihrem Zimmer in der Flüchtlingsunterkunft.
Alaa lebt mit ihrem Ehemann und der kleinen Tochter in einer Flüchtlingsunterkunft in Pankow.
Bild: Publiplikator GmbH

Die Welcome Mamas sind ein ehrenamtlich organisiertes Projekt, das geflüchteten Schwangeren kompetente Patinnen zur Seite stellt, die bereits selbst ein oder mehrere Kinder bekommen haben. Den geflüchteten Frauen soll so eine helfende Hand gereicht werden, die sie während der Schwangerschaft durch das ihnen unbekannte deutsche Gesundheitswesen führt. Manche dieser Patenschaften enden mit der Geburt oder nachdem das Baby aus dem Gröbsten raus ist. Es ist jeder Patin selbst überlassen, wie intensiv sie die Patenschaft zu “ihrer” geflüchteten Schwangeren halten möchte.

Bei Alaa und ihrer Patin Lorna ist das Verhältnis sehr eng. „Sie ist die stärkste Frau, die ich je getroffen habe. Das, was sie durchgemacht hat, ist wirklich sehr schlimm“, sagt die seit langem in Berlin lebende Britin Lorna Ather über Alaa. Sie hatte Alaa maßgeblich durch ihre Schwangerschaft begleitet und hat die Welcome Mamas mit gegründet. Lorna wohnt nur unweit der Pankower Flüchtlingsunterkunft, in der Alaa lebt, und die beiden sehen sich regelmäßig. Sie telefonieren oft, helfen sich gegenseitig im Alltag, kümmern sich um die Kinder der jeweils anderen. Eine innige Verbindung, die beiden viel bedeutet. Mit der Zeit wurden die beiden zu Freundinnen. „Für immer”, sagt Lorna.

Lorna blickt in die Kamera. Im Hintergrund sieht man einen Park.
Lorna hat das Patinnenprogramm Welcome Mamas mitgegründet.
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Die eigenen Erfahrungen als Antrieb

Auch Mitgründerin Julia Zehavi hatte ihr Kind im Ausland, genauer im Mittleren Osten, geboren und war dort selbst mit einem ihr völlig unbekannten Gesundheitssystem konfrontiert. Aufgrund dieser prägenden Erfahrung, ihres Jobs als Geburtsbegleiterin und der Not, die sie in den Unterkünften bei den geflüchteten Schwangeren sah, entstand die Idee zu den Welcome Mamas. „Ich hoffe, dass unsere Unterstützung den Schwangeren mehr Stärke gibt. Dass sie nicht nur die Frauen im Heim sind, sondern die Frauen in Berlin, die sich hier ihre eigenen sozialen Strukturen aufbauen können.”

„Es tut sehr gut, solche Freunde zu haben. Dadurch fühle ich mich viel wohler hier“, sagt Alaa über die Unterstützung durch die Welcome Mamas. Wenn Marah größer ist, möchte sie Deutsch lernen und einen Job finden. Und auch ihre größere Tochter will sie nach Deutschland holen, aber dafür wird sie noch viele bürokratische Hürden nehmen müssen. Alaas Wunsch ist es, ihren Töchtern ein gutes Leben in Berlin zu ermöglichen und sie frei wählen zu lassen, wenn sie erwachsen sind, wo und wie sie leben möchten.

Josefine Jacob