Stark sein für die eigene Zukunft

Farhad und Yara tragen Vivantes-Arbeitskleidung.
Farhad und Yara bauen sich durch ihr Sprabo-Praktikum eine Zukunft im Gesundheitswesen auf.
Bild: Publiplikator GmbH

Warmes Mittagslicht fällt durch die Fenster des alten Militärhospizes auf den pastellorangefarbenen Flur der chirurgischen Station. Der breite Gang trennt die vielen Krankenzimmer links und rechts. Einige Patientinnen und Patienten laufen hier im Morgenmantel mit einer Tasse Tee in der Hand entlang, während Ärzte, Ärztinnen und Pflegepersonal zwischen den Krankenzimmern hin und her eilen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Wenckebach-Klinikums in Berlin-Tempelhof haben es immer mit neuen Herausforderungen zu tun, kein Tag im Klinik-Alltag gleicht dem anderen. Mittendrin sind Farhad aus Somalia und Yara aus Syrien. Als Pflegepraktikantin bzw. Pflegepraktikant nehmen die beiden jungen Geflüchteten teil an dem integrativen Projekt SpraBo von Vivantes und Charité. Für drei Monate arbeiten sie auf der Station für Chirurgie des Vivantes-Krankenhauses und sie sind ein eingespieltes Team. Sie kennen die Stärken und Schwächen des anderen schon gut, necken sich ab und an. Im gemeinsamen Pflegealltag mit Ärztinnen, Ärzten und Krankenhauspersonal helfen sie den Patientinnen und Patienten beim Aufstehen und Anziehen, sie machen ihre Betten, bringen ihnen Essen oder messen den Blutdruck.

Formate: video/youtube

Neue Perspektiven

SpraBo wurde auf Initiative des Integrationsbeauftragten des Berliner Senats und des IQ Landesnetzwerks im Jahr 2016 ins Leben gerufen. Das namensgebende Kürzel steht für Sprachkompetenz und Berufsorientierung. Ziel ist es, Geflüchtete durch Deutschunterricht und Pflegepraktika an den Bildungseinrichtungen und Krankenhäusern von Charité und Vivantes in Pflegeberufe zu bringen. Die Idee des Projekts beruht auf einer Erfahrung, die das Klinik-Personal von Charité und Vivantes immer wieder machten: Als 2015 mehr Geflüchtete als je zuvor nach Berlin kamen und sich an den Hilfspunkten sammelten, fiel auf, dass viele von ihnen selbst in der Lage waren, Hilfe zu leisten. Durch Blutdruckmessen oder die fürsorgliche Betreuung anderer Geflüchteter beispielsweise.

Hagen Tuschke lächelt in die Kamera.
Dr.Hagen Tuschke leitet das SpraBo-Teilprojekt bei Vivantes
Bild: Publiplikator GmbH

Es war offensichtlich, dass es hier Kompetenzen und ein Potential für das Berliner Gesundheitswesen gab: „SpraBo ist wirklich ein Projekt, das direkt im Zusammenhang steht mit dem Ankommen der Menschen hier im Spätsommer 2015“, betont Dr. Hagen Tuschke. Der gebürtige Berliner ist zugleich Projektkoordinator und pädagogischer Leiter im Teilprojekt bei Vivantes. „Unser Projekt ist die Chance für die Geflüchteten, einen Einblick zu bekommen in die deutsche Arbeitswelt, anstatt nur darüber zu reden“, sagt er weiter. Die direkte Einbindung in den Pflegealltag auf den Stationen gebe Geflüchteten wie Yara und Farhan die Möglichkeit, Teil eines Teams zu sein, selbst Verantwortung zu übernehmen und Konsequenzen zu tragen. „Das stärkt sie in ihrem Selbstbewusstsein“, so Dr. Hagen Tuschke.

Erste Schritte

„Ich möchte eine starke Frau hier in Deutschland sein, um mir meine Träume zu erfüllen“, sagt Yara. Die 20-jährige Syrerin, die eigentlich aus Palästina stammt, ist seit anderthalb Jahren in Berlin und möchte Krankenschwester werden. Ihr Vater arbeitete schon in Damaskus als Krankenpfleger und erzählte ihr immer begeistert von seinem Berufsalltag. Nachdem er vor dem Krieg nach Berlin fliehen musste, kam Yara im Zuge der Familienzusammenführung nach. Hier erfuhr sie durch eine deutsche Bekannte vom SpraBo-Projekt. „Ich habe diesen Bereich gewählt, weil ich mich sehr gut fühle, wenn ich einem Menschen helfen kann“, sagt sie. Auch Farhan möchte die Ausbildung zum Krankenpfleger machen. Er kommt aus Äthiopien, ist aber eigentlich Somalier. In Deutschland fühlte er sich während seines Ankommens gut unterstützt und möchte auch deswegen hier als Krankenpfleger arbeiten – um etwas zurückzugeben

Hagen Tuschke gibt den SpraBo-Schülern Deutschunterricht.
Auch der berufsbezogene Deutschunterricht wird von Dr. Tuschke durchgeführt.
Bild: Publiplikator GmbH

Im Anschluss an den praktischen Teil des Tages treffen sich die Teilnehmenden des Vivantes-Kurses oft zu einem gemeinsamen Gespräch mit Dr. Hagen Tuschke, um die Geschehnisse durchzusprechen. Dabei achtet er immer sehr genau auf die deutsche Grammatik und Aussprache der Teilnehmenden. Was jeden einzelnen von ihnen froh mache, möchte er abschließend wissen. Yara sagt: „Ich freue mich auf mein Leben.“ Das mag pathetisch klingen, ist aber für die meisten Geflüchteten beim SpraBo-Projekt Realität und Antrieb zugleich. Ihr neues Leben in Berlin bietet eine Fülle an Herausforderungen und Eindrücken, bringt aber auch neue berufliche Chancen mit sich. SpraBo ist ein erster Schritt dazu, sie wahrzunehmen.

Josefine Jacob