Zu zweit Neues erleben

Jasmin Azar steht vor einem Seil, an dem Bilder von Tandem-Paaren angebracht sind.
Jasmin Azar ist seit 2014 Projektkoordinatorin beim kein Abseits! e.V.
Bild: Publiplikator GmbH

Im Büro von kein Abseits! e.V. geht es hoch her. Das Team packt Kisten und Taschen voller Bastelutensilien und Spielzeuge zusammen, darunter eine große Tüte mit Kastanien. „Heute werden Kastanienbabys gebastelt“, erklärt Jasmin Azar, die als Projektkoordinatorin bei kein Abseits! e.V. tätig ist. „Dienstags haben wir gleich zwei Einsätze – in verschiedenen Unterkünften für Geflüchtete. Unsere Bastelaktionen sind sehr beliebt, manchmal sind fast 30 Kinder dabei, im Alter zwischen zwei und 13 Jahren. Da ist immer etwas los“, fasst sie schmunzelnd zusammen

Vorbilder gesucht!

Der Verein kein Abseits! entstand im Oktober 2011. Damals waren Gloria Amoruso und Sinem Alparslan noch Studentinnen. Beide wollten zunächst aktiv die Gesellschaft mitgestalten und sich für Chancengleichheit bei Kindern einsetzen. Ein wichtiger Aspekt ihrer Überlegungen war es, jungen Menschen Mentorinnen und Mentoren zur Seite zu stellen, die als Vorbild dienen und den Kindern neue Perspektiven eröffnen sollten. Weiterhin wollten sie Jungen und Mädchen mithilfe von Sport in der Gruppe stärken und ihnen mögliche Berufswege aufzeigen. Aus den ehrenamtlichen Bemühungen der beiden Studentinnen bildete sich der Verein kein Abseits! und im selben Jahr setzte dieser sein erstes Projekt namens Anstoß um. In diesem wurden Jungen im Grundschulalter von Mentoren begleitet.

Jasmin Azar kam 2014 dazu. Innerhalb eines halben Jahres entwickelte die studierte Politik- und Islamwissenschaftlerin das Konzept für ein Projekt mit Mädchen aus Flüchtlingsunterkünften. So ging noch 2014 das Heimspielprojekt an den Start, bei dem die ersten zehn Tandem-Paare mit geflüchteten Kindern im Alter zwischen neun und 13 Jahren gebildet wurden. Als Koordinatorin knüpfte Jasmin Azar schnell enge Kontakte zu zwei Berliner Grundschulen und einem Wohnheim für Geflüchtete in Reinickendorf, mit denen der Verein bis heute kooperiert.

kein Abseits! e.V.– Ein Angebot für alle

Inzwischen bietet der Verein ein umfassendes Programm für Kinder im Kiez an: An den Grundschulen werden Mädchen-Fußball-AGs und Aikido-Training für Jungen angeboten. Mit dem neuen Vereinsbus, dem Spiele-Star, fährt das Team zu Spielplätzen und Flüchtlingsunterkünften, wo sie mit Kindern spielen und basteln. „Wir versuchen, möglichst viele erlebnispädagogische Freizeitaktivitäten zu schaffen und erweitern unser Programm immer wieder, damit der Verein für jeden das richtige Angebot bereithält“, erklärt Jasmin Azar. Inzwischen ist das Team auf fünf Festangestellte, mehrere Praktikantinnen und Praktikanten, zwei studentische Mitarbeiter sowie diverse Honorarkräfte und Ehrenamtliche angewachsen. Genug zu tun gibt es immer.

Jasmin Azar sitzt auf der Couch und arbeitet am Computer.
Der kein Abseits! e.V. schafft vielseitige Freizeiterlebnisse für Kinder im Kiez.
Bild: Publiplikator GmbH

Mentoring für geflüchtete Kinder

Die Hauptaufgabe des Vereins ist jedoch die Vermittlung von Tandem-Paaren. Der Matching-Prozess ist eine verantwortungsvolle Aufgabe, denn es gibt viele Kinder, die sich eine Mentorin oder einen Mentor wünschen, doch nie genug Erwachsene, die diese Rolle übernehmen. Prinzipiell kann jede interessierte Person Mentorin oder Mentor werden. Offenheit für neue Erfahrungen und Spaß am Umgang mit Kindern sollten jedoch vorhanden sein. Ebenso eine gewisse Verbindlichkeit, denn wer Mentorin oder Mentor wird, verpflichtet sich, in einem Zeitraum von acht Monaten jede Woche etwas mit dem ihm anvertrauten Tandem-Kind zu unternehmen. Um die Sicherheit der Kinder zu gewährleisten, durchlaufen die potentiellen Kandidatinnen und Kandidaten einen vielschichtigen Bewerbungsprozess. Neben den klassischen Nachweisen, wie einem polizeilichen Führungszeugnis, müssen Bewerberinnen und Bewerber in persönlichen Gesprächen überzeugen und eine Schulung absolvieren. Auch die Kinder müssen in einem Bewerbungsgespräch erklären, warum sie sich eine Mentorin oder einen Mentor wünschen und werden vom kein-Abseits-Team eingeschätzt.

Ist der Bewerbungsprozess gemeistert, lernen sich die Tandem-Paare bei einem Startfest kennen. Der Verein steht nicht nur für alle Fragen bereit, sondern betreut auch die Paare sehr eng, um sie bei eventuellen Herausforderungen zu unterstützen. Alle sechs Wochen werden den Mentorinnen und Mentoren gemeinsame Treffen angeboten, bei denen Fragen geklärt werden können. Außerdem bietet kein Abseits! e.V. monatliche Aktivitäten an, an denen die Paare teilnehmen können. „Wir haben eine Kooperation mit dem Virchow-Klinikum, dort besuchen wir zum Beispiel ab und zu die Unfallchirurgie, wo die Kinder lernen, wie man einen Arm eingipst. Wir bieten aber auch Workshops oder Besuche in der Waldschule an. Es sollen neue Erlebnisse für beide Seiten entstehen, das ist unser Ziel“, berichtet Jasmin Azar.

Freundschaften mit Langzeitwirkung

Nach den acht aufregenden Monaten müssen die Teilnehmenden erst einmal sechs Wochen den Kontakt einstellen. Dieser Zeitraum ist bewusst vom Verein gewählt, damit alle Beteiligten Zeit haben, die Erlebnisse zu reflektieren und sich darüber klar zu werden, ob und wie es weitergehen soll. „Wir freuen uns natürlich, wenn aus den Tandem-Paaren langfristige Beziehungen erwachsen“, meint die Projektkoordinatorin. „Viele der Teilnehmenden bleiben in Kontakt. Außerdem gibt es eine Reihe ehemalig betreuter Kinder und Jugendliche, die dem Verein treu geblieben sind und auch heute noch bei vielen Aktivitäten mithelfen. Das ist für uns immer wieder eine große Bereicherung.“

Inzwischen gibt es jährlich drei Mentoring-Runden, mit jeweils sieben bis 30 Paaren, je nachdem, wie viele Anmeldungen es von der Erwachsenenseite gibt. Wer als Mentorin oder Mentor dabei sein möchte, kann sich unter diesem Link registrieren: Anmeldung

Sarah Wiedenhöft