Vom Iran an die Werkbank

Hamid Sadeghi sitzt an einer Werkbank und schraubt an einem Schaltbrett
Hamid Sadeghi hat durch den Verein FairWelcome den richtigen Job für sich gefunden.
Bild: Publiplikator GmbH

Wenn Hamid Sadeghi eine technische Zeichnung sieht, weiß er sofort, was zu machen ist. Das blaue Kabel muss hier her verlegt werden, die Wand an dieser Seite des Gehäuses angebracht werden. Diese Universalsprache gilt immer, egal ob in Deutschland oder im Nahen Osten.

Hamid Sadeghi wurde vor 39 Jahren in Afghanistan geboren und kam mit vier Jahren in den Iran. Er wurde zwar nie iranischer Staatsbürger, konnte aber trotzdem in der Hauptstadt Teheran arbeiten und gründete dort zwei Firmen für den Bau von Aufzügen. Als er eine iranische Lehrerin heiratet und mit ihr eine Tochter bekommt, beginnen die Probleme: „Ich bin zehn Monate lang von einem Amt zum nächsten gegangen, aber nirgends wollte man unserem Kind iranische Dokumente ausstellen, nur weil ich als Vater kein Staatsbürger dieses Landes war. Aber man braucht diese Dokumente, um dort eine Schule besuchen zu können“, sagt Hamid Sadeghi.

Neustart in Deutschland

Deswegen beschloss die kleine Familie, 2013 nach Deutschland auszureisen. Zuerst landeten die drei in Köln, dann Dortmund, Eisenhüttenstadt, Schönefeld, Königs Wusterhausen und schließlich in Berlin. Hamid Sadeghi bekommt einen Pass, eine vorläufige Arbeitserlaubnis und schließt einen Deutschkurs auf Niveau B1 ab. Heute lebt die Familie in einer eigenen Wohnung in Spandau, die er selbst renoviert hat. Seine Frau macht einen Deutschkurs und ein Praktikum in einer Kita, die gemeinsame Tochter kommt nächstes Jahr zur Schule und wächst zweisprachig auf.

Um wieder Arbeit zu finden, nahm er zudem an dem Projekt „Betriebsunterhalt und Berufspilot – Spandau 2020“ teil und ließ sich zur Fachkraft für Betriebsunterhalt umschulen. Er erhielt Fachkenntnisse in den Bereichen Elektro-, Sanitär-, Oberflächen-, Trockenbau- und Metalltechnik sowie Holz- und Bauelemente. Auch zu den Themen Außenanlagen, Grün- und Grauflächen sowie Klimatechnik, Betriebs- und Infrastrukturtechnik wurde er geschult. Im Rahmen des Berufsprojekts war Hamid Sadeghi auch im ersten Interkulturellen Garten des SOS-Kinderdorf Berlin behilflich, baute Beetbegrenzungen und einen Wildzaun in Gatow.

Hamid Sadeghi schraubt an einem Verteilerkasten.
Technische Zeichnungen versteht Hamid Sadeghi sofort.
Bild: Publiplikator GmbH

Doch das war nicht das, was der gebürtige Afghane machen wollte. Beim gemeinnützigen Berliner Verein FairWelcome nimmt Hamid Sadeghi an einem Workshop teil, bei dem seine Motivation, Persönlichkeit und Kenntnisse herausgearbeitet werden. Beim Intelligenztest schneidet er mit 127 Punkten ab – überdurchschnittlich. Und er erkennt, was er eigentlich machen möchte: Maschinen fertigen, wie früher im Iran.

Ein passender Arbeitsplatz

Der Verein vermittelt ihm den Kontakt zur LAR Process Analysers AG in Neukölln, einem der führenden Hersteller von Wasseranalysatoren. Nach acht Wochen Praktikum ist für beide Seiten klar: Wir wollen weiter zusammenarbeiten. Seit dem 1. Mai 2017 ist Hamid Sadeghi Produktionsmitarbeiter, fertigt und verlegt Kabel und baut die Gehäuse zusammen. Gemeinsam mit seinen Kollegen schafft er etwa fünf Geräte in der Woche. „Hamid hat sich schnell bei uns eingelebt und versteht die technischen Zeichnungen auf Anhieb“, lobt Produktionsleiter Fabian von der Waydbrink seinen neuen Kollegen. „Sie erklären mir Abläufe oder Begriffe, manchmal auch mehrmals, aber immer geduldig“, sagt Hamid Sadeghi. Damit sich alle besser kennen lernen, veranstaltet das Unternehmen regelmäßig Feste, zu denen auch der neue Kollege immer gern kommt.

Denn Essen gehört zu seinen Steckenpferden. Mittags verspeist er immer eine prall gefüllte Lunchbox mit iranischen Köstlichkeiten seiner Frau. In der Freizeit picknickt oder grillt die Familie sehr gern. Außerdem spielt der 39-Jährige Fußball in Spandau oder geht mit seiner Tochter schwimmen. „Es ist schön, als Angestellter wieder mehr Zeit mit der Familie verbringen zu können“, sagt der Familienvater. Was noch fehlt, ist die Anerkennung seines Führerscheins, „um auch den Rest von Deutschland kennenzulernen. Berlin ist von der Größe und Einwohnerzahl zwar eher wie eine mittlere Stadt im Iran, aber ich fühle mich hier sehr wohl, es ist immer was los“, sagt Hamid Sadeghi und lächelt.

Julia Raunick