Den Wandel im Kiez mitgestalten

An einer langen Tafel mit bunten Stühlen sitzen Menschen unterschiedlicher Herkunft. Um sie herum sieht man viele Pflenzen und blühende Blumen.
Der Coop Campus, ein Nachbarschaftsprojekt des Berliner Vereins S27 - Kunst und Bildung
Bild: Publiplikator GmbH

Wie eine grüne Insel ruht der evangelische Jerusalem-Friedhof V an der viel befahrenen Hermannstraße in Berlin-Neukölln. Etwas abseits des alten gusseisernen Eingangstors liegt ein kleiner Garten, mit hoch gewachsenen Blüten und Büschen, der im Frühjahr 2015 von westafrikanischen Geflüchteten gepflanzt wurde. Seitdem wird er mit viel Liebe gehegt und gepflegt. Gleichzeitig begrünt er den Eingang des Coop Campus, ein Nachbarschaftsprojekt des gemeinnützigen Vereins S27 – Kunst und Bildung in Kooperation mit dem Architektenkollektiv raumlabor berlin und dem Evangelischen Friedhofsverband Berlin-Stadtmitte. Der Coop Campus verteilt sich über das gesamte Friedhofsgelände. Sein Herz ist ein Flachbau hinter dem kleinen Garten, das ehemalige Steinmetzhaus. Wo früher Grabsteine gefertigt wurden, sind heute eine Gemeinschaftsküche, ein Büro und zwei Kursräume zu finden. Fußläufig entfernt, vorbei an der kleinen Friedhofskapelle, liegt eine weitere, riesige Gartenfläche, die ebenfalls zum Coop Campus gehört. Auf drei Hektar ist hier ein Landschaftsgarten entstanden, in dem regelmäßig Holzworkshops und Urban-Gardening-Projekte stattfinden. „Der Coop Campus ist ein einzigartiger Ort innerhalb Berlins, eine riesige Freifläche, wo wir mit allen Teilnehmern und Teilnehmerinnen, Künstlern und Künstlerinnen, Jung und Alt der Frage nachgehen: Wie wollen wir zusammenleben? Wie wollen wir Gesellschaft leben?”, sagt Vera Fritsche, die pädagogische Leiterin der S27.

Vera Fritsche blickt in die Kamera
Vera Fritsche ist die Pädagogische Leiterein des Vereins S27 - Kunst und Bildung
Bild: Publiplikator GmbH

Ausgebaut, angepflanzt, umgebaut

Im Jahr 2015 kam die evangelische Gemeinde, welcher der Friedhof gehört, auf den Kreuzberger Verein S27 und die Architekten von raumlabor berlin zu und bat darum, auf einem ungenutzten Teil des Friedhofs ein Integrations- und Nachbarschaftsprojekt aufzubauen. Die S27 ist eine seit über dreißig Jahren existierende Berliner Kunst- und Bildungseinrichtung, die für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene vielfältige Projekte in den Bereichen kulturelle Erziehung, Integration und Stadtentwicklung konzipiert und umsetzt.

Formate: video/youtube

Der Coop Campus verkörpert den gemeinsamen Wunsch der Beteiligten das Friedhofsgelände zu einem offenen Begegnungsraum zu machen, der von Anwohnerinnen und Anwohnern, Geflüchteten, Kreativen sowie Initiatorinnen und Initiatoren gemeinsam gestaltet und genutzt wird. Zur Aus- und Umgestaltung des Geländes bietet das Team um Vera Fritsche gestalterische Workshops und Ferienangebote zu Holzbau, Gärtnern, Upcycling, freiem Urban Gardening sowie interkulturelle Kochnachmittage an. Jedes dieser Angebote trägt seinen Teil zur Ausgestaltung des Campus bei und lässt ihn weiterwachsen. Dabei ist jeder und jede willkommen teilzunehmen, unabhängig vom Background: „Wir versuchen, keinen Unterschied zwischen Geflüchteten und Nicht-Geflüchteten zu machen, um die Geflüchteten aus der Sonderposition herauszuholen, die sie oftmals haben. Dies ist häufig eine passive Position. Über die gemeinsamen Gestaltungsprozesse auf dem Campus hier möchten wir, dass sie sich aktiv einbringen”, betont Vera Fritsche.

Ein Stück Selbstbestimmtheit

So zum Beispiel Boushra Ali. Die junge Syrerin studierte in Damaskus Kunst und Innendesign und floh vor dem Krieg in ihrem Heimatland nach Deutschland. Auf dem Coop Campus gibt sie im Rahmen einer Summer School während der Sommerferien 2017 einen Upcycling -Kurs, in dem sie den Schülerinnen und Schülern beibringt, gebrauchte Materialien und Gegenstände wiederzuverwerten, sie kreativ und gestalterisch einzusetzen. Einige Beteiligte haben ihre eigene Fluchtgeschichte und sind, genauso wie Boushra Ali, noch nicht lange in Berlin. Gemeinsam wollen sie unter einer Überdachung auf dem Campus ein kleines Wohnzimmer einrichten.

Zwei junge Männer und eine junge Frau sitzen an einem Tisch und bemalen Lampenschirme.
Boushra Ali und zwei Teilnehmer ihres Workshops
Bild: Publiplikator GmbH

Dabei sind sie, wie alle anderen auf dem Coop Campus auch, sehr unabhängig in der Gestaltung des Geländes und können sich so im Berliner Stadtraum, als gleichberechtigter Teil einer Community, ihren Lebensraum gestalten. Das gibt ihnen die Chance, ihre Selbstständigkeit zumindest in Teilen zurück zu erlangen, die ihnen während der Flucht oder des Wartens auf einen Aufenthaltsstatus genommen worden ist. Vera Fritsche sieht darin eine große Chance für die Geflüchteten: „Aus dem gemeinsamen Gestalten heraus kommt total viel Motivation. In Verbindung mit der Geschichte, die viele Geflüchtete hinter sich haben, ist es für sie eine einzigartige Situation sagen zu können: Ich darf selbst wieder meinen Lebensraum gestalten. Das ist ja etwas, das jeder vor der Flucht für sich durfte und das jetzt eine ganze Zeit lang aus verschiedenen Gründen nicht möglich war.”

Josefine Jacob