Auf dem Trapez

Zwei junge Männer stehen auf Trapezen.
Bei Cabuwazi in Tempelhof können Newcomer in die Welt des Zirkus eintauchen.
Bild: Publiplikator GmbH

“Herzlich Willkommen liebes Publikum zu unserer Zirkusshow! Wir freuen uns sehr, dass Sie hier sind. Wir haben eine sehr schöne Trainingswoche hinter uns.” Kurz vor der Vorstellung hatte Mahmoud diese Begrüßung noch mit seiner Trainerin Philine geübt. Nun moderiert der junge Syrer selbst auf Deutsch die Zirkusshow an, die er und seine Schulkameradinnen und -kameraden in wenigen Momenten vor Familienmitgliedern, Freundinnen und Freunden im Show-Zelt des CABUWAZI Tempelhof zeigen werden. Als nach seiner Ansprache Bühnennebel und Musik einsetzen, verschwindet Mahmoud schnell hinter den Vorhang, der die Manege vom Backstage-Bereich trennt. Dort warten die anderen schon auf ihn, um mit der Show zu beginnen.

Formate: video/youtube

Von der Schule ins Zirkuszelt

Eine Woche lang hatte Mahmoud gemeinsam mit zehn anderen geflüchteten Jugendlichen beim Berliner Kinder- und Jugendzirkus CABUWAZI Tempelhof, in unmittelbarer Nähe des ehemaligen Flughafens, ein kleines Zirkusprogramm einstudiert. Unter dem dunkelblauen Sternenhimmel des Trainingszeltes hatten sie sich an Trapezen, beim Balancieren auf bunten Bällen, auf dem Trampolin und beim Jonglieren ausgetobt und die Welt des Zirkus für sich entdeckt. Mahmoud hatte sich schnell für das Trapez begeistert und innerhalb der wenigen Tage großes Talent bewiesen.

Er und die anderen Geflüchteten kennen sich aus einer Berufsschule in Berlin-Charlottenburg. In zwei so genannten Willkommensklassen werden sie gemeinsam mit deutschen Jugendlichen unterrichtet. Die meisten von ihnen kannten den Zirkus zuvor nicht, sie waren in ihrem Heimatland noch nie damit in Berührung gekommen. Im Laufe der Projektwoche brachten die Trainer und Trainerinnen von CABUWAZI Tempelhof ihnen diese Welt ein Stück näher. „Unser vorrangiges Ziel in der Arbeit mit Geflüchteten ist es, Kontakt herzustellen; zwischen ihnen und Menschen, die schon länger in Berlin leben“, sagt Christian Wehmeier. Er ist der pädagogische Standortleiter des CABUWAZI Zirkus am Tempelhofer Feld und vor allem zuständig für die inhaltliche Gestaltung der Zirkus-Kursangebote. „Zirkus ist einfach ein großartiges Medium, um Begegnung zu ermöglichen“, sagt er weiter.

Eine bunt gekleidete Gruppe junger Menschen baut eine menschliche Pyramide.
Mahmoud und seine Freunde zeigten in einer kleinen Zirkusshow, was sie in der gemeinsamen Trainingswoche gelernt haben.
Bild: Publiplikator GmbH

Für die gezielte Arbeit mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen hatte CABUWAZI Tempelhof bereits im Jahr 2015 das Projekt „Beyond Borders“ auf die Beine gestellt. Ein mobiles Team aus Zirkustrainern und -trainerinnen, Pädagoginnen und Pädagogen bietet Zirkus-Workshops, offenes Training und Ferienangebote direkt in Notunterkünften und am Standort nahe dem Tempelhofer Feld an. „Für mich persönlich geht es vor allem darum, Freude in das Leben in den Notunterkünften zu bringen. Spaß und Bewegung. Aber es gibt mir auch viel, mit den Leuten in Kontakt zu kommen und Freundschaften zu knüpfen“, sagt Philine Maidt, die Trainerin und Koordinatorin bei CABUWAZI „Beyond Borders“ ist.

Für sie und ihre Kolleginnen und Kollegen sind vor allem die individuellen Schicksale der Geflüchteten eine Herausforderung. Einige der Jugendlichen und Kinder sind traumatisiert. Was manchmal darin mündet, dass sie entweder sehr zögerlich an den Zirkus-Kursen teilnehmen oder sich trotz fehlender Erfahrung sofort ins Training stürzen, da sie es gewohnt sind, Dinge sofort machen zu müssen. Dadurch wird die Art und Weise der Fürsorge eine andere: „Es geht um Zirkus, klar. Aber da fällt auch viel drum herum an. Das deckt alle Lebensbereiche ab, und wir helfen auch oft bei Fragen des Alltags“, erzählt Maidt.

Philine Maidt und Christian Wehmeier stehen vor einem Zirkuszelt
Philine Maidt und Christian Wehmeier arbeiten gemeinsam bei Cabuwazi Tempelhof mit Newcomern
Bild: Publiplikator GmbH

Auch beim Auftritt von Mahmoud und seinen Schulkameraden und Kameradinnen geht es um mehr, als ihnen nur eine Bühne zu geben. Bisher waren die Jugendlichen immer direkt nach der Schule nach Hause gefahren und konnten keine richtige Bindung zueinander aufbauen, da ihre Wohnstätten sehr weit auseinanderliegen. Die Projektwoche bei CABUWAZI „Beyond Borders“ sollte sie einander näherbringen und ihren Zusammenhalt stärken.

In der Manege

In knallbunten CABUWAZI-T-Shirts, die Trainerin Philine noch vor der Vorstellung verteilt hatte, warten sie nun alle im Backstage-Bereich auf ihren Auftritt. Der Vorhang zur Manege öffnet sich und zwei Trainer schwingen im Takt der Musik ein Springseil, das fast so lang ist wie die Manege breit. Nacheinander rennen die Jugendlichen aus dem Backstage-Bereich hervor und springen über das Seil. Manche zu zweit, manche mit einem zusätzlichen kleinen Springseil, das sie mit einbauen. In kleinen Gruppen zeigen sie anschließend, was sie noch alles während der Projektwoche gelernt haben: Unter dem Beifall ihrer Freunde und Familien springen sie im hohen Bogen vom Trampolin auf Matten, hängen sich kopfüber ans Trapez oder vereinen Jonglage und Balance gekonnt zu einem Showact. In ihren Gesichtern sieht man dabei deutlich die Freude und den Stolz, über das, was sie in der zurückliegenden Woche gelernt haben, und das gute Gefühl Teil einer Gemeinschaft zu sein.

Josefine Jacob