Kussay Chi Chakly ‒ Mit Chic und Charme

Der Designer steht in seinem Büro Kussay Chi Chakly zwischen Vokabeln und Kreationen
Kussay Chi Chakly zwischen Vokabeln und Kreationen
Bild: Publiplikator

Will man Kussay Chi Chakly in der Weddinger Togostraße besuchen, muss man erst durch Ivoo’s Fotostudioladen. Der Designer hat einen kleinen Raum im hinteren Teil vom Geschäft seines Lebensgefährten. Man schlängelt sich vorbei an selbst kreierten Lampen, einem bunten Mix an Retromöbeln und einem Fotostudio. Vorbei an der Pflanzenecke, in der Dutzende Sukkulenten heranwachsen. Jetzt im Dezember thront auch ein Weihnachtsbaum darin. Er besteht aus leeren Whiskeyflaschen, Kaffeedosen, grünen Zweigen und bunten Kugeln. Im hinteren Teil des Ladens, zwischen Dutzenden bunten Notizzetteln mit deutschen Vokabeln arbeitet der 40-Jährige an neuen Modekreationen. Gerade schneidet er das Muster für einen Pfau zurecht, das einmal ein T-Shirt zieren wird.

Berlin - Liebe auf den ersten Blick

Der Designer schneidet akribisch das Muster für einen Pfau aus
Der Designer schneidet akribisch das Muster für einen Pfau aus
Bild: Publiplikator

Kussay Chi Chakly ist in Damaskus geboren und hat an der renommierten ESMOD-Modeschule studiert. Nach seinem Abschluss zog er nach Beirut, wo er beim Label Sacrosanct arbeitete. Danach war er stellvertretender Kreativdirektor bei Rami Al Ali Couture und entwarf Couture, Abendgarderobe und opulente Brautkleider. Er zeigte seine Kreationen auf Modeschauen in Rom und Paris, US-Prominente wie Beyoncé und Jennifer Lopez trugen seine Kleider. Sein Stil: viel Farbe, Muster und Tradition. In Dubai präsentierte er sich selbst in schrillen Outfits, um zu provozieren und sich gegen die starren Konventionen der Region aufzulehnen, wie er selbst sagt. 2003 besuchte er erstmals Berlin. Es war Liebe auf den ersten Blick.

Als er im Jahr 2015 wieder einmal Urlaub in Berlin macht, verschlechtern sich die Dinge zu Hause. Der Grund: sein Engagement im Kampf für die Rechte der LGBT-Community und Frauen in der Region. Kussay Chi Chakly entscheidet sich, in Berlin zu bleiben, sein Arbeitgeber kündigt ihm daraufhin, und er kann Asyl beantragen. Daraufhin lebt er acht Monate in einem Flüchtlingsheim in Steglitz, macht einen Deutschkurs und schreibt Bewerbungen an Designer in ganz Deutschland. Doch nirgendwo ist eine Stelle für den ehemals so erfolgreichen Modedesigner frei. Schließlich arbeitet er sechs Monate für den Online-Modehändler Zalando und entwirft Abendgarderobe.

Der Weg ist steinig

Kussay Chi Chakly lehnt sich an einen Kleiderständer mit seiner Mode
Kussay Chi Chaklys Mode kann man in Wedding anprobieren und kaufen
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Doch dann ist auf einmal Schluss. „Ich hatte nichts zu tun und wurde fast depressiv“, sagt der gebürtige Syrer. Er gibt sich einen Ruck, kauft eine gebrauchte Nähmaschine und fängt an, mit seinen alten T-Shirts aus dem Flüchtlingsheim zu experimentieren. Im Baumarkt besorgt er sich Nieten, Dichtungen und andere kleine Dinge, mit denen er neue Bilder schafft, wie Roboter, Geckos oder einen Fez und Brille tragenden Mann. „Früher sah ich meine Kreationen auf dem roten Teppich, aber in Berlin kleidet sich niemand so. Deswegen entwerfe ich jetzt lässige Streetwear“, so der Designer. „Ich mag keine überteuerte und schwer zu tragende Kleidung.“ Deshalb müssen seine Kreationen mit den aufwendigen Bestickungen auch die Waschmaschine überleben. Kussay Chi Chakly trägt seine Mode auf der Straße und auf Partys, andere Frauen und Männer wollen auch seine T-Shirts haben. Und so startet er Anfang 2017 sein Label Kussay. Doch der Weg ist steinig. Bürokratie, rechtliche Hürden und vor allem Finanzierungsprobleme machen ihm zu schaffen.

Um voranzukommen, bewirbt er sich beim Berliner Gründerprogramm „Ideas in motion“, das mit Menschen arbeitet, die erst seit kurzem in Deutschland leben und sich hier mit eigenen Projekt- oder Geschäftsideen selbständig machen möchten. In einem fünfmonatigen Curriculum lernt er unternehmerische Fertigkeiten wie Buchführung und Marketing. Kussay Chi Chakly zieht erst von Steglitz in eine Neuköllner Wohngemeinschaft, schließlich nach Prenzlauer Berg.

Im Laden seines neuen Partners hat er auch einen Verkaufsort gefunden. „In der Togostraße haben wir eine tolle Nachbarschaft, alle helfen sich gegenseitig und veranstalten Events wie den ‚Togobazar‘ in der Vorweihnachtszeit“, schwärmt der 40-Jährige.

Kussay Chi Chakly erhält immer mehr Aufträge, doch noch muss er alles allein anfertigen. „Früher hatte ich ein großes Team, das meine Ideen in die Tat umsetzte. Heute bin ich allein, ich bin aber kein professioneller Schneider“. Seine Vision: Er möchte geflüchtete Frauen dazu animieren, bei ihm zu arbeiten. „Ich will ihnen Arbeit und eine Perspektive in Deutschland geben, am besten in einem großen Laden in Berlin, wo Mode und nachhaltige Dinge, vielleicht gemeinsam mit einheimischen Designern hergestellt werden“, erzählt der Jung-Unternehmer.

Julia Raunick