Ein Syrer führt durch Berlin

Mohamad steht vor einer Gruppe und erzählt von Berlin und Syrien
Ursprünglich hat Mohamad in Damaskus Mathe studiert, heute leitet er Führungen durch Berlin. Bild: Refugee Voices Tours Berlin

Als Mohamad im Jahr 2016 Lorna kennenlernte, leitet die gebürtige Britin bereits eine Tour, die die Geschichten von Geflüchteten am Berliner Oranienplatz erzählt. Die Idee gefiel dem jungen Syrer so gut, dass er ihr eine Stadtführung zum Thema Syrien vorschlug. Das Projekt wurde schnell in die Tat umgesetzt, und so entstanden die neuen Refugee Voices Tours unter dem Namen „Why We‘re Here“. „Wir befürchteten aber, dass das Interesse für die Touren schnell nachlassen würde“, erzählt Mohamad. „Heute, über ein Jahr später, sind unsere Führungen nach wie vor gut besucht, und wir bauen gerade unser &[eng]Team% aus. Bald wollen wir neben englischsprachigen Touren auch Führungen auf Deutsch anbieten.“ Fast jede Woche wird der 27-jährige Mohamad als Guide gebucht. Meist nehmen Schulklassen und Studierendengruppen aus dem Ausland teil. Samstags gibt es eine feste Tour, die immer um 15 Uhr stattfindet. Eine regelmäßige Führung am Sonntag ist ebenfalls in Planung.

Es kam anders als geplant

Durch die Arbeit als Stadtführer hat Mohamad seine Vorliebe für Politik und Geschichte entdeckt. Bald wird er einen Bachelor%-Studiengang am %[eng]Bard College Berlin beginnen, mit den Schwerpunkten Ökonomie, Politik und Gesellschaft. Dafür hat er von der Universität ein volles Stipendium erhalten. Dabei sahen seine Pläne vor fünf Jahren noch ganz anders aus: Damals studierte er in Damaskus Mathematik und wollte Lehrer werden. Im vierten Semester musste er sein Studium jedoch abbrechen und zog nach Bengasi in Libyen. Hier griff er seinem Bruder bei der Arbeit in einem Unternehmen für Grafikdesign und Druckerzeugnisse unter die Arme. „Es war fast, als wäre das unser eigenes Unternehmen. Deshalb haben wir dort gerne gearbeitet und viel Einsatz gezeigt“, erinnert sich Mohamad. 2014 brach in der Stadt der Bürgerkrieg aus, weshalb die Brüder beschlossen, das Land umgehend zu verlassen und weiterzuziehen.

Der beschwerliche Weg nach Berlin

Ein Boot brachte sie nach Sizilien, von dort aus ging es weiter nach Deutschland, wo bereits die Schwester der beiden wartete. Mohamad meint: „Unsere Reise dauerte in etwa eine Woche. Und wir können uns glücklich schätzen: Im Vergleich zu anderen Geflüchteten hatten wir es leicht. Ich würde niemandem zu einem solchen Schritt raten, besonders, da die Flucht immer gefährlicher wird, aber ich kann die Beweggründe für eine solche Flucht verstehen.“

Diese Beweggründe möchte er auch für andere nachvollziehbar machen. „Wir wollen regelmäßig Workshops anbieten, bei denen die Beteiligten anhand von vorgegebenen Ausgangssituationen immer wieder Entscheidungen treffen müssen. Einmal hat eine solche Veranstaltung in Berlin bereits mit Schülerinnen und Schülern stattgefunden. Letztendlich waren wir wirklich überrascht, wie viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich für die Flucht entschieden hätten“, berichtet Mohamad.

Beim Blick in die Zukunft ist der junge Syrer zuversichtlich. Er freut sich auf das Studium und hat seinen Platz in Berlin gefunden. Nur mit einer Tatsache ist er noch nicht zufrieden: „Ich möchte unbedingt besser Deutsch lernen. Sobald die Themen zu komplex werden, falle ich ins Englische zurück, und mein Freundeskreis spricht auch viel Englisch mit mir.“ Da kommen ihm die Deutschkurse am Bard College gelegen, die Teil seines Studiums sein werden. Irgendwann kann er dann vielleicht selbst die Touren auf Deutsch führen.

Sarah Wiedenhöft

Weitere Informationen zu den Refugee Voices Tours können Sie unter diesem Link finden: Zur Webseite