„An Spargel werden wir uns wohl nie gewöhnen“

Lomya und Maad Nazah stehen links und rechts von Ulrike Brandt. Weiter außen stehen die drei erwachsenen Söhne der Familie Nazah.
Auf der Flucht vor dem Terror landet Familie Nazah in Berlin und findet dort sogar eine gute Freundin. Bild: Publiplikator

Es ist Februar 2016. Maad und Lomya Nazhah sind mit ihren drei Söhnen Moder, Kutayba und Ahmed vor einem Monat aus der irakischen Stadt Mossul geflohen, wo der IS sein Kalifat ausgerufen hat. Wo Lomya nur vollverschleiert auf der Straße gehen durfte, und als sie es einmal nicht tat, von IS-Anhängern angegriffen wurde, sodass sie hinfiel und sich den Arm brach. Wo die selbst ernannten Gotteskrieger ihre drei Söhne rekrutieren wollten.

Die Familie beschließt zu fliehen. „Am schwierigsten war es, an den Checkpoints in Mossul vorbeizukommen“, erzählt Moder, von Beruf Arzt und mit 29 Jahren der älteste der drei Brüder. Die Familie schafft es schließlich, im Auto eines Obst- und Gemüsehändlers die Stadt zu verlassen.

„Nachts fuhren wir, tagsüber schliefen wir“, sagt Vater Maad. Sie durchqueren Syrien, vorbei am zerbombten Aleppo, durch die Wüste, bis nach Norden in die Türkei. In einem Boot gelangen sie auf die griechische Insel Kos, von wo aus es weiter geht über den Balkan und schließlich nach Deutschland. „Europa im Winter ist fürchterlich kalt. So etwas kannten wir nicht aus dem Irak“, sagt Moder.

Unterschlupf im ehemaligen Collège Voltaire in Wittenau

Eines Nachts landet die Familie auf dem Berliner Hauptbahnhof, in der Hand nur einen Zettel mit der Adresse eines Flüchtlingsheims. „Wir hatten noch nie etwas von Postleitzahlen gehört, uns fehlte komplett die Orientierung“. Auf der Straße sprechen sie einen Mann an, der zufällig auch ein syrischer Geflüchteter ist. Er weist ihnen den Weg. Doch das Heim ist voll, sie werden zum LAGeSo geschickt, wo sie bis zum Morgen in einem Zelt warten.

Unterschlupf bekommen sie schließlich im ehemaligen Collège Voltaire in Wittenau, wo sie in einem alten Klassenraum schlafen, der nur mit Vorhängen abgetrennt ist. Dort treffen sie Ulrike Brandt, ehrenamtliche Mitarbeiterin in der Kleiderkammer. Sie freunden sich an, besuchen sich und kochen zusammen, mal irakische, mal deutsche Gerichte. „Wir lieben Riekes Kartoffelsalat, ihre Lasagne und selbst gemachte Pizza. Nur an Spargel werden wir uns wohl nie gewöhnen“, lacht Moder. Gemeinsam mit der Hermsdorferin lernt die Familie Berliner Museen kennen, besucht Klassikkonzerte in der Philharmonie, geht ins Musical oder Theater und schaut sogar die deutsche Kult-Krimireihe „Tatort“. „Wenn ich Rieke sehe, bin ich glücklich“, sagt Lomya und drückt ihre neue Freundin ganz fest.

Auf Jobsuche bei Siemens, im Museum und in der Charité

Jeden Tag besuchen die fünf einen Deutschkurs und lernen im Anschluss weiter, oft in der Bibliothek, weil es in ihrer neuen Unterkunft in Tegel zu laut ist. Ihr Deutsch wird von Tag zu Tag besser, sodass sie auch auf dem Arbeitsmarkt langsam Fuß fassen können.

Vater Maad, 62 Jahre und studierter Geologe, macht ein dreimonatiges Praktikum im Naturkundemuseum, Abteilung Fossilien. Mutter Lomya, 58 Jahre und in ihrer Heimat Chemielehrerin, betreut Kinder in ihrer ehemaligen Unterkunft. Moder hospitiert zwei Monate in der Inneren Abteilung der Charité. Genau wie sein jüngster Bruder Ahmed, der Zahnarzt ist, braucht er aber erst ein Sprachzertifikat für Mediziner, um auch hierzulande praktizieren zu können. Kutayba, der mittlere Bruder und von Beruf Elektroingenieur, kann sich seinen Kindheitstraum ein Stück weit erfüllen und macht ein Praktikum bei Siemens. „Dort habe ich gesehen, wie Manager und Arbeiter zusammen in der Kantine sitzen und sich unterhalten. Das hat mir gefallen.“ Jetzt will der 28-Jährige seinen Master an der Technischen Universität Berlin machen.

„Es sind sehr offene und zugewandte Menschen. Sie fragen alles und wollen noch viel mehr wissen und lernen“, sagt Ulrike Brandt über die irakische Familie, die mittlerweile auch zu einem Teil ihrer Familie geworden ist.

Julia Raunick