Berlin ist ein perfekter Ort

Nabil Arbaain trägt einen roten Schal und steht vor einem blühenden Strauch.
In Neukölln haben Nabil Arbaain und seine Frau ein neues Zuhause gefunden Bild: Publiplikator

Der Komponist und Oud-Spieler Nabil Arbaain lebt im Hier und Jetzt. Über seine Zeit in Damaskus, seine Reise nach Deutschland, die ihn über den Libanon, in die Türkei, nach Griechenland und Italien führte, spricht er nicht ganz so gern.

Dabei hat er sich sehr analytisch darauf vorbereitet, sein Heimatland zu verlassen. Hat sich die einzelnen Länder genau angesehen, recherchiert, wie die politische und wirtschaftliche Situation ist, welche Chancen Geflüchtete haben. Schweden, Niederlande und Deutschland blieben am Ende übrig. Und nach weiteren Gesprächen mit Freunden, Bekannten und Verwandten stand das Ziel fest, das ihm und seiner Familie eine bessere Zukunft versprach: Deutschland.

Mit dem Boot in die Freiheit

Seine Frau, die Musikerin Helen Meerkhan, hatte 2014 einen Studienplatz in Portugal bekommen, doch für Nabil Arbaain gab es kein Visum, um ihr nachzureisen. In Damaskus, Beirut und Istanbul hatte er es vergeblich versucht, ganz legal nach Europa zu gelangen. Dann also per Boot. Mit 37 anderen Personen gelangte er in einer sternenklaren Nacht per Schlauchboot von Izmir nach Griechenland. „Ich war glücklich. Das Boot führte mich in die Freiheit, das war einfach unglaublich“, erzählt Nabil Arbaain.

Berlin, ein perfekter Ort für Musiker

Im Oktober 2015 stand er dann in Berlin. Allerdings zunächst ohne sein geliebtes Musikinstrument, seine Oud. Das Spiel der arabischen Laute, des, wie er sagt, populärsten Musikinstrument Syriens, hatte der 34-Jährige bereits perfektioniert. Nun musste er sich zunächst mit einer Gitarre zufriedengeben, die ihm ein deutscher Freund schenkte. Sein erster Auftritt in einem kleinen Theater in Frankfurt an der Oder war auch mit dem ungewohnten Instrument ein Erfolg. Kurz darauf traf seine Oud aus der Türkei bei ihm ein.

Seitdem spielt Nabil Arbaain, wo und wann immer es möglich ist. Musik ist sein Leben. Mehr als 50 Konzerte hat er gespielt, sowohl allein, als auch mit gemischten Gruppen. Hier fließen dann westliche und orientalische Musikeinflüsse zusammen und sorgen für ganz neue Klangwelten. „Berlin ist ein perfekter Ort für einen Musiker. Auf dem Land hast du dagegen kaum eine Chance. Musik ist zudem eine großartige Integrationsbrücke.“

„Alkhaimeh“, das Zelt

Mittlerweile hat seine Frau ihren Master in Portugal erfolgreich abgeschlossen und in Berlin mit der Forschung für ihre Promotion in Portugal begonnen. In Berlin-Neukölln haben sie ein neues Zuhause gefunden. Er träumt davon, seine Firma „Alkhaimeh“, was im Deutschen „Das Zelt“ bedeutet, neu aufzubauen. In Damaskus hatte er unter diesem Namen ein Unternehmen gegründet, das jungen Musikerinnen und Musikern half, sich zu professionalisieren, indem „Alkhaimeh“ Probenräume und Bühnen zur Verfügung stellte und ihnen ermöglichte, sich zu vernetzen.

Das möchte er auch in Berlin erreichen. Zusätzlich zum Angebot von Proberäumen und Bühnen sollen Newcomer sich mit Hilfe des Unternehmens untereinander vernetzen, Kontakte zu anderen Künstlerinnen und Künstlern in Berlin aufnehmen. „Alkaimeh“, das Zelt, möchte aber auch Musikinstrumente vermitteln. Denn viele Geflüchtete mussten ihre Instrumente auf dem Weg nach Deutschland zurücklassen. „Hier ist Hilfe nötig. Ich würde gerne vermitteln zwischen denen, die Musik machen, und denen, die sich gerne Musik anhören oder eine Bühne haben, und sei sie noch so klein“, erzählt Nabil Arbaain. Mit den Einflüssen neuer Musik, berichtet er weiter, öffneten sich Türen, die sich für Einheimische und die jungen Künstlerinnen und Künstler nie zuvor eröffnet wurden.

Deutsch und Harmonien lernen

Nabil Arbaain, der fließend Englisch spricht, lernt gerade Deutsch. Und er lernt parallel dazu Harmonien zu lesen, um sich auch musikalisch noch besser ausdrücken zu können. Eine Rückkehr nach Damaskus kann er sich derzeit nicht vorstellen. „Für den Klang von Musik gibt es keinen Raum, wenn der Lärm von Waffen alles übertönt. Außerdem sind die Probleme und Gräben zu tief.

Grundsätzlich bin ich optimistisch für die Zukunft Syriens, aber nicht für die nahe Zukunft.“ Er hofft aber dennoch, seine Familie, Verwandten und Freunde, die in der alten Heimat zurückgeblieben sind, eines Tages wiederzusehen. Seine persönliche Zukunft sieht Nabil Arbaain, der Komponist und Oud-Spieler, an dem für ihn perfekten Ort: in Berlin.

Thomas Reckermann