Lernen Leben zu retten

Eine Gruppe von Geflüchteten wärmt sich in der Halle vor dem Schwimmunterricht auf
14 Monate geht der Kursus für Rettungsschwimmer im Freizeit- und Erholungszentrum (FEZ) Wuhlheide Bild: Publiplikator

Hussein Maher ist der Spaßvogel in der Gruppe der sechs Geflüchteten, die eigentlich auf den Ernstfall vorbereitet werden. Denn der 49-Jährige und seine fünf jüngeren Mitstreiter werden zu Rettungsschwimmern ausgebildet. Ein frecher Spruch von Maher bringt die Truppe der Syrer zum Lachen, doch sobald alle ins Schwimmbecken gesprungen sind, ist Disziplin gefragt. Denn am Ende ihres Kurses sollen sie Leben retten.

Routiniert legen die Männer den Arm um den Hals ihrer Schwimmpartner und schleppen sie zum Beckenrand. Nächste Runde, Rollentausch.

14 Monate geht der Kurs für Rettungsschwimmer im Freizeit- und Erholungszentrum (FEZ) Wuhlheide – und gerade erst hat Berlin sechs neue ausgebildete Rettungsschwimmer begrüßen können. Denn neben Hussein Maher haben auch Ziad Kzzool, Ramadan Alzaher, Ezzat Mardini, Ahmad Hasan und Mohammad Mahmoud die intensive Ausbildung geschafft.

Video: Auf neuen Bahnen schwimmen

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Die Männer legen den Arm um den Hals ihrer Schwimmpartner und schleppen sie zum Beckenrand
Die Männer legen den Arm um den Hals ihrer Schwimmpartner und schleppen sie zum Beckenrand Bild: Publiplikator

Inspiration von der eigenen Tochter

Szenenwechsel: Im Mittelmeer ertrinken immer wieder Menschen auf ihrem Weg nach Europa, viele, weil sie nicht schwimmen können. Im Sommer 2015 rettete die damals 18 Jahre alte Yusra Mardini mit ihrer Schwester Sarah 18 Flüchtenden das Leben. Der Motor ihres Schlauchboots war ausgefallen. Die beiden Frauen sprangen ins Wasser zogen das Boot neun Kilometer und drei Stunden lang durchs Mittelmeer bis zur griechischen Insel Lesbos. Ein Jahr später wurde Yusra Mardini als Schwimmerin des Refugee-Teams bei den Olympischen Spielen weltbekannt.

Ezzat Mahardin steht in der Schwimmhalle
Ezzat Mahardin trainierte in Syrien die Nationalmannschaft im Wassersport Bild: Publiplikator

Verliebt in das Wasser

Nun steht der Vater der beiden Frauen am Beckenrand des FEZ und wird selbst Rettungsschwimmer. Zumindest offiziell, denn in Syrien trainierte Ezzat Mardini schon die Nationalmannschaft im Wassersport. Schwimmen kann er, doch ein entsprechender Nachweis fehlte bislang.

„Ich bin mehr als verliebt in das Wasser“, sagt der 46-Jährige. „Wäre das Wasser eine Frau, hätte ich sie geheiratet.“ Zu seiner Zeit in Deutschland sagt er: „Es ist ein neues Kapitel in meinem Leben. Ich fühle mich wieder sicher.“ Für seine Familie und ihn haben sich neue Möglichkeiten ergeben.

Die zukünftigen Rettungsschwimmer springen vom Beckenrand
Frisch ausgebildet und bereit, Menschen aus dem Wasser zu befreien: die sechs zukünftigen Rettungsschwimmer Bild: Publiplikator

Der Gesellschaft etwas zurückgeben

„Ich möchte etwas für die Gesellschaft tun“, sagt Ahmad Hasan. Hussein Maher legt noch eins drauf und sagt: „Ich will die ganze Erde retten.“ Was alle sechs Männer eint, ist die Dankbarkeit dafür, hier zu sein, und das Bedürfnis, der Gesellschaft etwas zurückgeben zu wollen.

Mit dem leitenden Schwimmmeister René Moegelin, den sie alle Charlie nennen, verständigen sich die Lernenden mithilfe eines Dolmetschers, der aber auch mit ins Becken steigt.

„Von unserem Trainer Charlie haben wir viel Neues gelernt“, sagt Mohammad Mahmoud. „Dadurch werden wir zu guten Rettungsschwimmern. Wenn wir nach Syrien zurückkehren, werden wir die Hilfsbereitschaft der Deutschen nie vergessen!“ Erst mal hoffen jetzt aber alle Projektbeteiligten, dass Schwimmvereine oder die Berliner Bäderbetriebe den frisch ausgebildeten Männern eine Chance geben, damit sie das Gelernte auch in der Praxis anwenden können.

Matthias Bannert