Die Künstlerin aus Damaskus

29.01.2017 08:00

Narine Ali kommt aus Damaskus
„Ich bin sehr glücklich, dass ich mein Leben in Berlin neu anfangen kann“, sagt Narine Ali
Bild: Mario Firyn

Narine Ali hat in Berlin ihr zweites Zuhause gefunden. „Die Stadt ist offen und freundlich. Und die Menschen in Berlin und Damaskus haben viel gemeinsam. Zum Beispiel sind sie hier wie dort Extremisten im Feiern“, sagt die 24-jährige Syrerin. Narine lächelt, dabei strahlt sie übers ganze Gesicht.

Narine kam im April 2016 nach Deutschland, um an der Humboldt-Universität Kulturwissenschaften zu studieren. Ihre Eltern finanzieren ihren Lebensunterhalt in Berlin. „Sie wollten unbedingt dafür sorgen, dass ich eine Zukunft habe. Deswegen haben sie das ermöglicht.“ Ihre Eltern wollen Damaskus aber nicht verlassen.

Viele weinen im Museum

Eine Zulassung zum Studium hat Narine schon, doch eine Sprachprüfung muss sie noch bestehen. Sie hofft, im Sommersemester 2017 mit dem Studium beginnen zu können. „Am liebsten lerne ich Sprachen selbstständig. Ich habe schon Englisch und Französisch gelernt, ich weiß, wie das geht.“ Narine liest Bücher auf Deutsch, die sie schon früher in ihrer Muttersprache gelesen hat, und schaut sich Videos auf YouTube an.

Obwohl Narine in Berlin relativ neu ist, hat sie schon eine Beschäftigung gefunden. Sie macht beim Projekt „Multaka” („Treffpunkt“) mit. Dort werden Geflüchtete als Museumguides ausgebildet, die kostenlose Führungen für andere Geflüchtete oder auch für deutsche Gruppen anbieten.

Narine arbeitet meistens im Museum für Islamische Kunst im Berliner Pergamonmuseum. Dieser Ort ist für sie zu einer Brücke zwischen ihrer alten und neuen Heimat geworden. „Es macht mir richtig Spaß, dort Leute zu treffen und ihnen Geschichte nahezubringen“, sagt die 24-Jährige. Manchmal werden Menschen dort sehr emotional. Sie hat schon viele weinen gesehen, vor allem in einem Zimmer, das einen syrischen Haushalt zeigt. Das Haus, aus dem dieses Zimmer stammt, wurde im Krieg zerstört.

Narine Ali vor einem unscharfen Großstadt-Straßenzug im Hintergrund
"Ich verliere die Hoffnung nicht", sagt Narine Ali
Bild: Mario Firyn

Ihre Kunst war auf der Biennale in Venedig

Für Narine selbst ist das kulturelle Erbe von sehr großer Bedeutung. In Damaskus hat sie visuelle Kommunikation studiert und war als Künstlerin tätig. Ihr Video „Baal“ („Gottheit“) hat es 2015 auf die Biennale in Venedig geschafft. In dieser Arbeit thematisiert sie die Ereignisse von 2014 im irakischen Mossul, als die Terrormiliz IS jahrtausendealte Statuen des Assyrischen Reiches zerstörte.

Narine ließ in ihrer Videokunst-Arbeit mithilfe eines rückwärts laufenden Films die Werke wiederauferstehen. „Eine solche Barbarei darf einfach nicht geschehen. Das ist unsere Geschichte, sie beeinflusst uns unbewusst bis heute, wir sollten sie schützen und aufbewahren.“ Narine wünscht sich, auch in Zukunft als Künstlerin arbeiten zu können.

Man kann einem Menschen fast alles nehmen

„Wenn der Krieg zu Ende ist, gehe ich sicher nach Syrien zurück, um beim Wiederaufbau zu helfen. Aber wir wissen nicht, was passiert. Ich verliere die Hoffnung nicht“, sagt sie. Zu den Ereignissen, die ihr Leben am meisten verändert haben, zählt sie heute den Krieg und den Umzug nach Deutschland. „Ich bin sehr glücklich, dass ich mein Leben hier neu anfangen kann.“

Wenn Narine in die Vergangenheit zurückblickt, fällt ihr aber noch ein Ereignis ein. „Das war der Moment, in dem mir mein Großvater den Stift in die Hand gedrückt hat.“ Ihm verdanke sie, dass sie Schreiben und Lesen gelernt hat und sich dadurch das Wissen über die Welt aneignen konnte. „Das hat mich zu der gemacht, die ich heute bin.“ Man kann einem Menschen alles nehmen – Geld, Kleidung, Zuhause –, aber das Wissen nicht. Da ist sich Narine sehr sicher.

Inga Pylypchuk