Flucht ins vertraute Europa

29.01.2017 08:00

Jihad Al-Khazali ist Ansprechpartner für die Bewohner des Containerdorfs
Jihad Al-Khazali ist Ansprechpartner für die Bewohner des Containerdorfs
Bild: Publiplikator

Wenn es brenzlig wird, verwandelt sich Jihad Al-Khazali in einen spanischen Studenten. „Ich erkläre den Leuten, dass ich in Deutschland bin, um zu studieren. Dann hören sie mir zu. Die meisten sind oft nur am Anfang eher zurückhaltend.“

So wie der Mann in Hellersdorf, in der einen Hand ein Bier, an der anderen einen Hund. Als Jihad Al-Khazali auf die Straßenbahn wartete, schimpfte der Unbekannte auf ihn ein: „Wir haben uns ein bisschen unterhalten, und am Ende war er besänftigt. Man darf nicht wegrennen, sondern muss mit den Leuten reden. Sie kennen hier halt keine Fremden“, sagt Jihad.

Dolmetscher und Sozialarbeiter für das EJF

Das „Hier“ liegt in Hellersdorf, in der Zossener Straße, wo das erste Tempohome Berlins entstanden ist. Der 27-jährige gebürtige Iraker arbeitet hier seit Mitte Oktober als Dolmetscher und Sozialarbeiter für das Evangelische Jugend- und Fürsorgewerk (EJF), den Betreiber des Containerdorfs. Er spricht Arabisch, Englisch, Deutsch und ein bisschen Türkisch, übersetzt Briefe, erklärt Dinge, ist Ansprechpartner für die 250 Bewohner.

Vor anderthalb Jahren floh er mit einem gefälschten Ausweis über die Türkei und Griechenland nach Berlin. Eigentlich wollte er nach London, aber sein Geld reichte nur für ein Flugticket in die deutsche Hauptstadt.

Auf dem Weg ins vertraute Europa

In seiner Heimat Bagdad war Jihad Al-Khazali verheiratet, spielte Fußball und arbeitete in der irakischen Armee als Ausbilder. Weil er als 21-Jähriger zwei Jahre lang bei der britischen Armee in London hospitiert hatte, hielten ihn die irakischen Milizen für einen Spion, nachdem Jihad Al-Khazali zurückgekehrt war.

„Meine Mutter hat mich zur Flucht ermutigt. Sie sagte, wenn ich bleibe, würde ich sterben.“ Also machte sich der junge Mann auf den Weg zurück in das ihm vertraute Europa.

Unterschiede zwischen Deutschland und England? Sieht er eigentlich nicht. Pünktlichkeit lernte Jihad Al-Khazali ja schon bei der Armee. In Berlin hat sich der Fußballfan schnell eingelebt, gründete mit einem Freund sogar eine eigene Fußballmannschaft. Das Team von „Galaxy Wartenberg“. Jeden Dienstag trainieren sie, um irgendwann in der Amateurliga spielen zu können.

Hauptsache, er kann den Menschen helfen

Das einzige Problem: „Ich finde keine eigene Wohnung.“ Eine Wohnung in Marzahn oder Hellersdorf wäre sein Traum. Er besitzt jetzt eine dreijährige Aufenthaltserlaubnis, mit der er arbeiten, umziehen und verreisen kann.

Eigentlich wollte Jihad Al-Khazali auch in Deutschland bei der Armee oder der Polizei arbeiten, doch dafür braucht er einen deutschen Pass. „Ich möchte den Menschen helfen, egal ob als Polizist oder Sozialarbeiter“. Beim EJF hat er einen Jahresvertrag bekommen. Damit klappt es hoffentlich bald auch bei der Wohnungssuche.

Julia Raunick