„Deutschland etwas zurückgeben“

29.01.2017 08:00

Gamal Abou Agwa flüchtete aus Homs nach Berlin
„Ohne Sprache keine Integration, ohne Integration keine Arbeit, ohne Arbeit keine Zukunft“, sagt Gamal Abou Agwa
Bild: Michael Klein

Gamal Abou Agwa schaut nach vorne. Er schaut immer nach vorne, denkt man, wenn man ihm zuhört. Er spricht bedächtig, fast ein bisschen zu leise, aber sehr deutlich. Gamal ist 32 Jahre alt, er kommt aus Homs, einer Hochburg des Horrors im syrischen Krieg.

Im September vergangenen Jahres fiel die Entscheidung, das dortige Chaos zu verlassen. „Ich wollte vor allem Sicherheit für unser Kind“, sagt Gamal und untermauert dies mit seinen Händen, die er schützend vor sich hält. Der Sohn, heute knapp drei Jahre alt, sollte „es gut haben und nicht ohne Mutter oder Vater aufwachsen“, schildert der junge Mann einen nur zu verständlichen Wunsch.

Windige Geschäftemacher helfen bei der Flucht

In Syrien hatten sie recht gut gelebt. Eine Wohnung, die dem Schwiegervater gehört, hatte Gamal für seine Familie gemietet, ganz in der Nähe der Universität. Finanziell schien die dreiköpfige Familie abgesichert. Der 32-Jährige war in seinem Unternehmen, einem Siemens-Ableger in Damaskus, Abteilungsleiter. Software ist sein Spezialgebiet. Aber die allgegenwärtige Angst vor dem Krieg ließ sich nicht unterdrücken oder leugnen.

Doch selbst die Flucht baute immer neue Hürden auf. „Wir sind Palästinenser“, betont Gamal. „Da darfst du das Land nicht verlassen, du musst dort bleiben und dort sterben“, erklärt er. Und so bedarf es vieler Helfer. Diese sind jedoch keine Unterstützer, die es ehrlich meinen, sondern harte Geschäftemacher.

Innovationsmotor Deutschland

Und so kostete die innersyrische Flucht schon über 2.000 Dollar für die drei. Es folgte eine waghalsige Tour durch das Land, über das Mittelmeer und die Ägäis und dann im Auto quer durch Südeuropa. Allein für die menschenunwürdige (Tor-)Tour über das Mittelmeer mussten sie noch einmal 1.250 Dollar pro Person berappen. Gamal kennt diese Summen wie aus dem Effeff, er wird sie nicht vergessen.

Deutschland sollte das Ziel sein. Nicht einfach ausgedacht, sondern wohl geplant: „Ich habe Verwandte in Deutschland, ich weiß, dass hier große Chancen bestehen“, macht Gamal deutlich. Als er noch in Syrien lebte, war Deutschland für ihn der Innovationsmotor schlechthin. „Alles, was neu ist, was neu entwickelt wird, kommt aus Deutschland, das war meine Überzeugung“, sagt er über das Land der Dichter und Denker.

Kaum Kontakte nach außen

In Berlin angekommen gab es zunächst ein herzliches Treffen mit Verwandten. Sein Schwager riet ihm sofort, er müsse sich beim Sozialamt melden. „Das war nicht leicht, wir mussten lange auf einen Termin, auf viele Termine warten.“

Schließlich fanden er und seine Familie eine Unterkunft in einem Wohnheim in Marzahn. Acht Menschen mussten sich fortan einen überschaubar großen Raum teilen, darunter drei kleine Kinder. „Das war eine sehr anstrengende Zeit“, berichtet der 32-Jährige. Die ungewisse Zukunft, das Warten auf Bescheide und Termine ‒ eine Situation, die mürbe macht. Kontakte nach außen gab es kaum, fast alles spielte sich im Wohnheim ab.

Neues Zuhause in Köpenick

Doch Gamal jammert nicht, er versucht, die Situation positiv zu nutzen. Tagsüber schläft er, nachts, man mag es kaum glauben, setzt er sich vor den PC und lernt Deutsch. Er lächelt und zieht die dunklen Augenbrauen nach oben: „Die Arbeitsagentur hatte mir einen Code für ein Lernportal gegeben. Den habe ich genutzt, in der Nacht hatte ich die Ruhe dazu“, betont er. „Ohne Sprache keine Integration, ohne Integration keine Arbeit, ohne Arbeit keine Zukunft“, lautet sein fester Dreiklang.

Fast ein Jahr lang leben sie in dem Wohnheim, dann endlich kommt die Botschaft, dass eine Wohnung frei ist. Die Familie zieht nach Köpenick. Ehrenamtliche haben sie bei der Suche und der Organisation des neuen Zuhauses unterstützt. Unweit der Spree in einem Altbau schlagen die drei nun ihr Quartier auf. Mit den Nachbarinnen und Nachbarn verstehen sich Gamal und seine Familie sehr gut. „Vor allem die, die direkt nebenan wohnen, helfen uns sehr viel, dafür bin ich sehr dankbar“, beteuert er.

„Gebt uns ein bisschen Zeit!“

Zurzeit besucht der 32-Jährige einen weiteren Deutschkurs, seine Frau nimmt an einem Integrationskurs teil. Er hofft, dass seine in Syrien erworbene Qualifikation auch hierzulande von den Behörden anerkannt wird. „Ich träume von der Zeit, in der ich endlich arbeiten gehe und keinen Cent mehr von den Behörden bekommen muss“, umreißt er seine Ziele. Im März wird das zweite Kind auf die Welt kommen. Dann will er in Ruhe mit seiner Familie hier leben.

Und auch das ist ihm wichtig, er öffnet dazu seine Hände, als ob er eine Einladung aussprechen will: „Ich will Deutschland etwas von dem zurückgeben, was Deutschland mir gegeben hat.“ Mit einem Funkeln in den Augen appelliert er an seine neuen Landsleute: „Gebt uns ein bisschen Zeit, dann funktioniert das!“

Michael Klein