Zukunft schenken

29.01.2017 08:00

Gule Ahmad und Thaer Al Mustafa lernen gemeinsam Deutsch im Berliner Zentrum "Wilma"
Gule Ahmad und Thaer Al Mustafa lernen gemeinsam Deutsch im Berliner Zentrum "Wilma"
Bild: Buddy Bartelsen

Thaer Al Mustafa, ein Mann mittleren Alters mit grauen Haaren und ruhiger, leiser Stimme wird nachdenklich. Er wirft seiner Frau, Gule Ahmad, einen kurzen Blick zu. „Wenn wir nur zu zweit wären, wären wir wahrscheinlich in Syrien geblieben und hätten nur darauf gewartet, dass wir getötet werden. Aber wir wollten unseren Kindern eine Zukunft schenken, und so haben wir uns entschieden, nach Deutschland zu fliehen.“

Nun wohnt die Familie seit einem Jahr in Berlin. Während Gule und Thaer noch mit der Sprache kämpfen, sprechen ihre beiden Kinder, ein zehnjähriges Mädchen und ein siebenjähriger Junge, bereits fließend Deutsch. „In Syrien konnte unsere Tochter zwei Jahre lang wegen des Krieges nicht die Schule besuchen. Es ist eine Freude, zu sehen, dass sie wieder lernen kann“, sagt Thaer.

Video: Eine Familie kommt an

„Die Menschen sind ganz anders geworden“

Nachdem 2015 ihr Haus in Damaskus von einer Bombe getroffen wurde, zog die Familie nach Qamischli, in das von Kurden kontrollierte Gebiet an der türkischen Grenze. Aus dieser Gegend stammen Thaer und Gule ursprünglich. Doch auch dort fanden sie keinen Frieden. „Die Menschen sind ganz anders geworden, man musste sich plötzlich für die eine oder andere Seite entscheiden. Wir können das nicht, wir sind friedliche Menschen.“

Nun wartet die Familie auf die Entscheidung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge über ihren Aufenthaltsstatus in Deutschland. So lange dürfen Thaer und Gule nicht arbeiten und auch keinen offiziellen Integrationskurs belegen. Mit ihrer Integration haben die beiden trotzdem schon begonnen.

Gule Ahmad und Thaer Al Mustafa lernen gemeinsam Deutsch im Berliner Zentrum "Wilma"
Noch kämpfen die beiden mit der deutschen Sprache
Bild: Buddy Bartelsen

Schlafen auf dem Boden einer Erstaufnahme

Viermal die Woche besuchen sie das Ökumenische Zentrum für Umwelt-, Friedens- und Eine-Welt-Arbeit (Wilma), wo Lehrerinnen und Lehrer ehrenamtlich Deutschunterricht geben. Die Familie lebt in einer Wohnung in Charlottenburg, die ihr wie durch ein Wunder zur Verfügung gestellt wurde. Ein Berliner Ehepaar hat sie eingeladen, dort vorübergehend zu bleiben, nachdem es im Fernsehen einen Bericht über die schrecklichen Bedingungen der Geflüchteten gesehen hatte. Im niedersächsischen Friedland musste die Familie im Sommer 2015 tagelang im Flur auf dem Boden einer Erstaufnahme schlafen.

In Syrien hat Thaer im Sommer als Maurer und im Winter als Friseur gearbeitet, Gule hat sich um den Haushalt und die Kinder gekümmert. „Ich habe meinen Job gern gemacht“, sagt Thaer, „aber in Deutschland überlege ich, vielleicht als Dolmetscher zu arbeiten.“ Schon jetzt begleitet Thaer oft andere Syrer auf Behördengängen und hilft ihnen, sich zu verständigen. „Ich spreche Deutsch, mache viele Fehler und lerne dabei selbst die Sprache. Wenn ich nicht weiterkomme, wechsle ich zum Englischen. Wenn ich mich darin verbessere, könnte ich das vielleicht eines Tages zu meinem Beruf machen.“

„Die Berliner wollen immer etwas Besonderes haben“

Solange Thaer keine Arbeitserlaubnis hat, kann er kein Geld für seine Leistungen annehmen. Trotzdem geht er manchmal mit ein paar Freunden in den Friseursalon eines Freundes, um ihnen dort kostenlos die Haare zu schneiden – um eine Beschäftigung zu haben und sein Handwerk nicht zu verlernen. „Aber in Berlin ist es anspruchsvoll, als Friseur zu arbeiten“, verrät Thaer mit einem Lächeln. „Ich bin es gewohnt, einfache Haarschnitte zu machen, aber hier wollen die Menschen immer etwas Besonderes haben.“

Inga Pylypchuk