Knoten und Kontakte knüpfen

29.01.2017 08:00

Elisabeth Shahzad Alvani arbeitet im Backshop einer Berliner BioCompany-Filiale
Elisabeth Shahzad Alvani arbeitet im Backshop einer Berliner BioCompany-Filiale
Bild: Buddy Bartelsen

Shahzad heißt jetzt Elisabeth. Den Namen gab sie sich vor drei Jahren, als die damals 34-Jährige nach Deutschland gekommen war, um sich taufen zu lassen. Denn in ihrem Heimatland Iran steht auf den Übertritt von der Staatsreligion Islam zum Christentum die Todesstrafe, es gibt keine Religionsfreiheit.

Sie wollte, ja musste ihrem inneren Drang folgen und praktizierende Christin werden, nachdem sie im Alter von 18 Jahren von Jesus geträumt hatte. Eines Nachts war er ihr als strahlende Erscheinung im Traum erschienen und hatte ihr den Weg ins Licht gewiesen. Am nächsten Tag schrieb sie, wie im Rausch, 300 Lieder für Gott. Seitdem gibt es kein Zurück für Elisabeth Shahzad Alvani.

„Das Wetter in Berlin ist so schön“

In Teheran führte die Frau mit den tiefschwarzen Haaren und warmen braunen Augen ein beschauliches Leben zusammen mit ihrem Mann und ihrem Sohn, lehrte anderen Menschen das Knüpfen von Perserteppichen, einer der ältesten Handwerkskünste der Menschheit. Um ihren starken Glauben aber tatsächlich ausleben zu können, musste sie ihre Heimat verlassen. Mit einem Visum reiste die Iranerin zu ihrem Bruder nach Ulm, zog weiter nach Hamburg, wo sie es aber nur kurz aushielt, und landete schließlich in Berlin.

„Hier gefällt es mir sehr, sehr gut. Es ist toll, wie so viele unterschiedliche Kulturen friedlich zusammenleben können. Und das Wetter ist so schön“, sagt Elisabeth Shahzad Alvani, während an diesem grauen Novembertag feiner Sprühregen auf die Straßen fällt und den Passanten durch Kleidung und Schuhe dringt.

Interessante deutsche Worte wie Dinkelroggenbrot

Gleich beginnt ihre Schicht im Backshop einer Schöneberger BioCompany-Filiale. Ihr gefalle die Arbeit im Handel, der Kontakt zu den Menschen. Nachdem sie über den gemeinnützigen Verein FairWelcome ein Praktikum bei dem Berliner Unternehmen gefunden und einen guten Eindruck bei ihren Vorgesetzten hinterlassen hatte, fängt Elisabeth Shahzad Alvani im Februar eine Ausbildung zur Verkäuferin an.

Bis dahin arbeitet sie als Aushilfe im Backshop der BioCompany. Und lernt jeden Tag neue interessante deutsche Wörter dazu ‒ so wie Dinkelroggenbrot, Sauerteig oder Hirse. „Es gibt in Deutschland so viele Brotsorten. Im Iran haben wir nur drei: hell, mittel und dunkel“, sagt sie und lacht. Dass sie sich in Deutschland einen Job gesucht hat, ist für Elisabeth Shahzad Alvani eine Selbstverständlichkeit: „Ich muss arbeiten, um den Leuten zu zeigen, dass ich ihnen nicht ihr Geld wegnehme.“

Im Chor singen, kochen und Teppiche knüpfen

Wenn sie nicht gerade die deutsche Sprache übt oder Backwaren verkauft, geht die 37-Jährige in die Evangelisch-Lutherische Dreieinigkeits-Gemeinde in Berlin-Steglitz. Zwei- bis dreimal die Woche betet sie hier, schreibt Liedtexte für den Chor und kocht für die Gemeinde. Oder sie knüpft in ihrer Wohnung in Berlin-Lichtenberg, wo sie gemeinsam mit Mann und Sohn lebt, Teppiche am Webstuhl. Momentan arbeitet sie am letzten Abendmahl von Jesus und seinen Jüngern.

Schlechte Erfahrungen habe sie hier bisher kaum gemacht. Nur einmal habe ihr eine Frau im Bus deutlich zu verstehen gegeben, dass sie in diesem Land unerwünscht sei. Ein andermal habe ein junger Mann kein Erinnerungsfoto von ihr und einer Freundin machen wollen. Heute kann Elisabeth Shahzad Alvani darüber lachen und die unangenehmen Erinnerungen mit einer Handbewegung wegwischen.

Unsere gemeinsame Zeit ist vorbei, ihre Schicht im Backshop fängt an. Elisabeth Shahzad Alvani bindet sich eine Schürze um und wirbelt zwischen den vielen Broten hin und her, deren Namen ihr mittlerweile kaum noch ein Rätsel sind.

Julia Raunick