Endlich angekommen

29.01.2017 08:00

Familie Al-Khalq ist in Berlin-Zehlendorf angekommen und steht nebeneinander auf einer Mauer.
Hardin und Daria Al-Khalq mit ihren Söhnen Hano (links) und Dario (rechts)
Bild: Buddy Bartelsen

War es ein Zufall oder vielleicht doch glückliche Fügung, dass es gerade Berlin werden sollte? Wahrscheinlich ein bisschen von beidem. Für Hardin und seine Familie hätte es nicht besser kommen können. Geflohen aus dem Norden des Irak, mit Stationen in Griechenland, Mazedonien, Serbien, Slowenien und Österreich kam die vierköpfige Familie im Winter 2015 nach Deutschland. Zehn Tage dauerte die strapaziöse Flucht. Über die Hintergründe möchte der 30-jährige kurdische Familienvater nicht sprechen. Sie seien sehr persönlich. Für ihn sei nur wichtig, dass es seiner Frau und seinen beiden Söhnen nun gut gehe und sie in Sicherheit seien.

Verständlich, sieht man in die glänzenden Augen des vierjährigen Dario und seines großen, aufgeweckten Bruders Hano, der Anfang November 2016 seinen neunten Geburtstag erstmals in Deutschland feierte. Genauer gesagt im bürgerlichen Zehlendorf. Hier ist die Familie, nach einem kurzen Aufenthalt in einer Unterkunft in der Turmstraße, wohnhaft. Die vier sind endlich an einem Ort angekommen und berichten glücklich, wie wohl sie sich hier bereits fühlen.

Schweres Leben in der Flüchtlingsunterkunft

Was ihnen an Berlin besonders gefalle? Einfach alles: die Museen, der Wannsee, U- und S-Bahn und vor allem die wunderbaren und freundlichen Berlinerinnen und Berliner, denen sie begegnet sind. Sie haben das Gefühl willkommen zu sein, und das sei perfekt.

Natürlich gab es Startschwierigkeiten, das Leben in der Flüchtlingsunterkunft am Teltower Damm ist beziehungsweise war kein leichtes. Aber mit Neugier und großer Aufgeschlossenheit schafften es Hardin und seine Frau Daria, schnell Anschluss zu finden, auch außerhalb der Flüchtlingsunterkunft. Einige Deutsche zählen mittlerweile zu ihrem Freundeskreis, ein paar davon aus der nahegelegenen Kirchengemeinde Zur Heimat.

Sprache ist der Schlüssel zur Integration

Ganz besonders beim Ankommen geholfen hat ihnen der Kontakt zu einer katholischen Familie aus Zehlendorf. Zwischen den Familien hat sich sogar eine enge Freundschaft entwickelt, jeder passt mal auf die Kinder des anderen auf oder hütet das Haus während eines Urlaubs. „Aber“, so berichtet der Familienvater, „wir freuen uns, noch viel mehr deutsche Freunde zu haben.“ Er weiß auch schon wie.

Für seine Frau und ihn steht fest: Die Sprache ist der Schlüssel zur Integration. Beide besuchen einen Integrationskurs. Er drückt nachmittags, seine 27-jährige Frau vormittags die Schulbank. Mit einem Lächeln berichtet er, dass es gar nicht so leicht sei, die deutsche Sprache zu lernen. Trotzdem hat er schon sehr große Fortschritte gemacht.

Praktikumsplatz in einem Zehlendorfer Kindergarten

Seine Söhne finden sich im Deutschen schon sehr gut zurecht. Der kleine Dario geht sogar in den Kindergarten und sein großer Bruder in eine zweite Klasse einer Zehlendorfer Grundschule. „Weil er so ein cleveres Kerlchen ist“, berichtet sein Vater stolz.

Auch seine Frau erzählt mit strahlenden Augen, wie glücklich sie darüber ist. Aber nicht nur darüber: Die 27-Jährige hat einen Praktikumsplatz in einem Zehlendorfer Kindergarten bekommen. Etwas ganz Besonderes, denn im Irak sind die Frauen grundsätzlich zu Hause, berichtet ihr Ehemann. Aber er freue sich sehr für seine Frau.

Was seine eigene berufliche Zukunft in Deutschland betrifft, so hat der 30-Jährige einen großen Wunsch. Wenn das Aufenthaltsrecht endgültig geklärt ist, möchte der gelernte Lkw-Fahrer eine Ausbildung zum Lkw-Mechaniker machen.

Ein großer, heimlicher Traum

Einen großen Schritt in Richtung Eigenständigkeit hat die Familie bereits unternommen. Im Sommer 2016 konnte sie in eigene vier Wände ziehen. Allerdings skeptisch beäugt, erzählt Hardin. Eine junge Familie aus dem Ausland, mit Kindern, in einem ruhigen Haus mit älteren Herrschaften sei schon etwas ganz Besonderes.

Ein Missverständnis mit einem skeptischen Nachbarn beendete er galant. Mit Schokolade und einem Blumenstrauß, dazu ein paar freundliche Zeilen, die er mithilfe eines Berliner Freundes verfasste, gewann er das Herz des Nachbarn. Mittlerweile leben alle friedlich Tür an Tür.

Und so soll es bleiben, schließlich sind er und seine Frau so unendlich dankbar, hier in Berlin leben zu dürfen. Mit Blick in die Zukunft hofft er, den Berlinerinnen und Berlinern eines Tages etwas zurückgeben zu können. Danke sagen zu können. Und wenn er sich vorstellt, er hätte das Glück gehabt, in Berlin groß zu werden, gibt es einen kleinen, vielleicht auch großen, heimlichen Traum: Fußballprofi zu sein. So wie Bastian Schweinsteiger. Aber wer weiß, verrät Hardin, vielleicht bekommen seine Söhne ja einmal die Chance.

Denise Gross