Ahmad Ghaiyad hat seinen Weg gefunden

29.01.2017 08:00

„Die Berliner sind sehr freundlich“, sagt der Syrer Ahmad Ghaiyad
„Die Berliner sind sehr freundlich“, sagt der Syrer Ahmad Ghaiyad
Bild: Buddy Bartelsen

Im November 2015 kommt der heute 19 Jahre alte Ahmad Ghaiyad aus der Nähe von Damaskus nach Berlin. Geflüchtet vor Bomben, die auf sein Dorf niederhageln, täglich sterben dort Menschen. „Nur raus, nur weg“, das war sein Ziel. Mit zwei Cousins entkommt er dem Terror, landet in der Hauptstadt mit tausend anderen Geflüchteten. „In Berlin war es zunächst hart. Ich habe zwei Tage auf der Straße vor dem LAGeSo geschlafen, bis ich endlich angemeldet war.“ Dann folgen acht Monate in einer Flüchtlingsunterkunft, zusammen mit 20 anderen. „Hier kannst du nur schlafen, essen und warten, dass der Asylantrag genehmigt wird“, sagt Ahmad.

Da er zunächst nicht zur Sprachschule gehen kann, entschließt sich der Syrer, auf eigene Faust Deutsch zu lernen. Und dabei hilft ihm ein ebenfalls geflüchteter Landsmann: Deiaa Al-Abdullah. Ein kleiner Star im Internet, auf YouTube. Al-Abdullah studiert Medizin und bringt seinen Landsleuten Deutsch bei. „Alle lernen von ihm. Dem kannst du auch Fragen stellen, wenn es ein Problem mit der Grammatik gibt.“ Von Dativ bis Akkusativ – Deiaa Al-Abdullah gibt an einer Tafel im Internet Deutschkurse. Und das so gut, dass Ahmads Lehrerin auf der Berlitz-Schule, auf die er nach fünf Monaten in Berlin endlich gehen kann, ihm schon sehr gute Sprachkenntnisse bescheinigt.

Hannah ist seine Mentorin, Ahmad ihr Mentee

Trotzdem habe er noch so seine Probleme mit der Grammatik, es sei schon schwierig, die deutsche Sprache zu lernen, mit der er eines Tages spielerisch leicht umgehen möchte. Der 19-Jährige arbeitet jeden Tag dafür, immer besser zu sprechen und zu schreiben. Denn er hat ein großes Ziel. „Ich möchte Bauingenieur werden“, sagt Ahmad, und man spürt, wie groß dieser Berufswunsch, den er schon in Syrien hatte, ist.

Um zum Studium in Deutschland zugelassen zu werden, braucht er den Nachweis des Sprachniveaus C 1, das ist die Voraussetzung für den Sprung an die Universität. Unterstützt wird er dabei von Hannah, einer 24-jährigen Deutsch-Französin, die seit drei Jahren in Berlin lebt und bereits studiert, auch sie möchte Bauingenieurin werden. Den Kontakt vermittelt hat ihm das „Schritt für Schritt“-Projekt des Integrationsbetriebs Integra, der verschiedene Initiativen für bürgerschaftliches Engagement ins Leben gerufen hat. Auf einer Infoveranstaltung knüpfte Ahmad Kontakte. Hannah wird seine Mentorin, er ihr Mentee.

Lernen von einer Deutsch-Französin

Wöchentlich treffen sich die beiden, sprechen nur Deutsch miteinander. Hannah hilft Ahmad mit dem anfallenden bürokratischen „Papierkram“, unterstützt ihn bei der Orientierung im Alltag. „Das erleichtert schon vieles, wenn da jemand ist, den ich bei Problemen fragen kann. Gerade auch beim Zusammentragen der ganzen Unterlagen, die man bei der Bewerbung um einen Studienplatz braucht“, sagt Ahmad.

Bei INTEGRA engagiert er sich als Übersetzer für die arabische Sprache, so kann er wiederum helfen, was wichtig für ihn ist. Mittlerweile hat er einen dreijährigen Aufenthaltsstatus, der mit Aufnahme des Studiums verlängert wird. In Berlin hat er sich gut eingelebt. Er teilt sich nun eine Wohnung mit einem anderen Syrer, der fünf Sprachen spricht und für ihn ein Vorbild ist, sowie einem Peruaner, der bereits seit Jahrzehnten in Berlin lebt.

Beeindruckt vom Berliner Nahverkehr

Die Stadt und ihre Menschen mag er. „Die Berliner sind sehr freundlich“, findet Ahmad. Was ihn beeindruckt, ist der öffentliche Nahverkehr, die Infrastruktur der Stadt. Und er übt schon seine beiden Lieblingssportarten in seiner neuen Heimat aus: Fußball und Taekwondo.

Er hat seinen Weg gefunden, ist zufrieden in Berlin. Er vermisse nur die Familie, mit der er ständig in Kontakt ist. Eines Tages, wenn der Krieg vorbei ist in Syrien, kann er sich aber auch vorstellen, wieder zurückzukehren. Dann als studierter Bauingenieur, der mithelfen kann, sein Land wiederaufzubauen.

Daniel Gäsche