Zwangsarbeit beweisen

Wie kann ein ehemaliger Zwangsarbeiter heute nach mehr als 55 Jahren seine Zwangsarbeit beweisen?

Von der Antragstellung zur Entschädigung: die Ablauforganisation

Der Ablauf von der Antragstellung bis zur Entschädigung ist grob wie folgt geregelt:

Die Verantwortung für das Entschädigungsverfahren trägt die Stiftung “Erinnerung, Verantwortung und Zukunft” (EVZ).
Die Antragsbearbeitung liegt in den Händen nationaler Partnerorganisationen, die zu diesem Zweck gegründet wurden. Der Antragsteller musste seinen Antrag bis zum 31.12.2001 bei der für ihn zuständigen Partnerorganisation eingereicht haben.
Wenn der Partnerorganisation keine ausreichenden Nachweise über die Zwangsarbeit des Antragstellers vorliegen, richtet sie eine Rechercheanfrage an den Internationalen Suchdienst (ISD) des Roten Kreuzes in Bad Arolsen.
21 % der Anfragen kann der ISD auf der Basis seiner zentralen Namenskartei positiv beantworten [2]. Die übrigen Anfragen leitet er in einen internetbasierten Online-Nachweisverbund von Landeskoordinierungsstellen und Archiven weiter, über den sie in regionaler Zuständigkeit bearbeitet werden. Die Rechercheergebnisse der Koordinierungsstellen und Archive werden den Partnerorganisationen, die ebenfalls an den Verbund angeschlossen sind, elektronisch übermittelt.
Die Partnerorganisationen entscheiden über die Bewilligung der Anträge und veranlassen die Auszahlungen. Jeder Partnerorganisation wurde ein Höchstbetrag zugewiesen (§ 9 Abs. 2 des Stiftungserrichtungsgesetzes)
Die Stiftung EVZ überprüft, ob die Entscheidungen der Partnerorganisationen den gesetzlichen Vorgaben entsprechen. Darüber hinaus überprüft sie stichprobenartig, ob die Entschädigungsleistungen bei den Berechtigten angekommen sind [3].
Die Auszahlung erfolgt in zwei Raten. Nach Abschluss der Zahlung der ersten Rate können neue Anträge nur noch über Sonderrücklagen bewilligt werden, da sich die Höhe der zweiten Rate danach bemisst, auf wie viele Antragsteller die noch verbliebenen Mittel aufgeteilt werden müssen.
Die Antragsteller können gegen einen Bescheid Beschwerde einlegen. Dafür werden bei den Partnerorganisationen unabhängige Beschwerdestellen eingerichtet.
Es ist damit zu rechnen, dass Mitte 2005 alle Partnerorganisationen die letzte Rate ausgezahlt haben werden. Die Leistungsberechtigung erlischt gem. Drittem Gesetz zur Änderung des Stiftungserrichtungsgesetzes mit Ablauf des 30. September 2006 (Nachfrist bis zum 31. Dezember 2006).
Soweit die Theorie. Die entscheidende Frage lautet:

Wie kann ein ehemaliger Zwangsarbeiter heute nach mehr als 55 Jahren seine Zwangsarbeit beweisen?

Der Nachweis der Zwangsarbeit

Wie kann ein ehemaliger Zwangsarbeiter heute nach mehr als 55 Jahren seine Zwangsarbeit beweisen?

Das Stiftungserrichtungsgesetz hat die Entschädigung an eine Bedingung geknüpft, die sich für viele ehemalige Zwangsarbeiter als unüberwindliche Hürde herausstellt: wer nicht durch Dokumente beweisen oder anders glaubhaft machen kann, dass er Zwangsarbeit leisten musste, geht leer aus. Die Nachweisrecherche ist die kritische Etappe in dem Entschädigungsverfahren.

In Berlin sind die meisten personenbezogenen Unterlagen wie Arbeitsamtunterlagen, Gestapoakten, Meldedaten, Lohnlisten, Krankenversicherungsakten verloren gegangen. So hat der Antragsteller, für den in einem öffentlichen oder Firmenarchiv ein Dokument überliefert ist, schlichtweg Glück.

Für die übrigen Anfragen kann ein positives Ergebnis nur auf dem Weg der Glaubhaftmachung erreicht werden. Idealiter teilt der Antragsteller in seinem Rechercheersuchen detaillierte Angaben zum Verfolgungsweg mit. Die Koordinierungsstelle prüft, ob diese Angaben mit den Erkenntnissen der historischen Forschung vereinbar sind. Wenn dies der Fall ist, stellt sie einen Plausibilitätsbescheid aus, auf dessen Basis die Partnerorganisation die Auszahlung bewilligt, wenn sie der Argumentation der Koordinierungsstelle folgt.

Wie kann die Koordinierungsstelle einem Antragsteller, für den kein personenbezogener Nachweis existiert, jedoch helfen, wenn ihr zum Beispiel lediglich die folgenden Angaben zum Verfolgungsweg vorliegen: “Berlin, Lager, Rüstungswerk”?

Leider stellen Angaben dieser Qualität keine Ausnahme dar: sie betreffen nach sehr grober Schätzung zwei Drittel der Anfragen, die die Koordinierungsstelle im Rahmen der vorgesehenen Ablauforganisation über den überregionalen Online-Nachweisverbund erreichen. Es gäbe nur einen Weg, das Nachfrageersuchen eventuell zu einem positiven Abschluss zu bringen: eine Rückfrage bei dem Antragsteller mit der Bitte um genauere Angaben.

Diese Rückfrage kann die Koordinierungsstelle aus einem einfachen Grund nicht leisten: die Adresse des Antragstellers wird ihr über den Online-Nachweisverbund nicht übermittelt. Danach bleibt keine andere Möglichkeit, als die Anfrage via Online-Verbund mit dem Vermerk “nicht prüfbar” zu versehen und zu hoffen – bisher leider vergeblich – über den Online-Verbund auf diesen Vermerk hin detailliertere Angaben zu erhalten. Im April 2004 stehen im Nachweisverbund bundesweit 34 700 Nachweisersuchen “nicht prüfbar” – das sind fast so viele Anfragen, wie bis zu diesem Zeitpunkt über den Verbund positiv erledigt werden konnten (38 700). [4]; die Berliner Koordinierungsstelle hat 60 % der von ihr aus dem Online-Verbund bereits bearbeiteten Anfragen als “nicht prüfbar” an die betr. Partnerorganisation zurücksenden müssen (Stand: September 2004).

Nach all dem erweist es sich als ein Glücksfall, dass die Koordinierungsstelle in Abweichung von dem zunächst vorgesehenen Verfahrensablauf auch direkt Nachweisersuchen von Antragstellern erhält. Ende September 2004 liegen 4 741 solcher Individualanfragen vor, 3 062 davon betreffen Berlin, bei dem Rest handelt es sich um Irrläufer, die die Koordinierungsstelle an das zuständige Archiv oder den ISD abgibt.

Jeden Negativbescheid zu einer Individualanfrage verbindet die Koordinierungsstelle mit der Bitte um die Mitteilung weiterer Details zum Verfolgungsweg. Wenn der Antragsteller diese Möglichkeit wahrnimmt, nimmt sie die Recherche wieder auf. Bemerkenswert ist, dass Arbeitsortangaben der Qualität wie “Berlin, Lager, Rüstungswerk” bei den Individualanfragen deutlich seltener vorkommen als bei den auf dem offiziellen Weg in den Online-Nachweisverbund eingespeisten Daten. Die Negativquote bei den bereits bearbeiteten Einzelanfragen (entspricht “nicht prüfbar”) ist folglich mit schätzungsdweise 30 % deutlich geringer als bei den im Online-Verbund geführten Anfragen.
Was genau ist nun diese Koordinierungsstelle?

Über uns - die Koordinierungsstelle

Viele ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter benötigen Dokumente, um einen Entschädigungs-Anspruch nach dem Stiftungserrichtungsgesetz nachweisen zu können. Die Koordinierungsstelle des Bundeslandes Berlin sucht entsprechend der gesetzlichen Auskunftspflicht (§ 18 des Gesetzes) für die Betroffenen nach entsprechenden Unterlagen in Archiven, Aktenbeständen bei öffentlichen Stellen und Unternehmen. Im Negativfall unterstützt sie den Antragsteller durch historische Recherchen bei der Glaubhaftmachung seiner Leistungsberechtigung. Sie wurde eingerichtet aufgrund des einstimmigen Beschlusses des Berliner Abgeordnetenhauses vom 1. Februar 2001 (S. 1291/C, 1303/D), der gleichzeitig auch die Einrichtung einer Dokumentationsstätte zur NS-Zwangsarbeit befürwortete.

In den meisten Bundesländern wurden die Landeskoordinierungsstellen bei den Staatsarchiven angesiedelt; in Berlin wurde wegen des gerade laufenden Umzugs des Landesarchivs die Koordinierungsstelle bei der Entschädigungsbehörde (Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten, Abt. I) eingerichtet. Vorausgegangen waren bundesweite Abstimmungen (Besprechung mit der Stiftung EVZ, dem Bundesarchiv, dem Internationalen Suchdienst des Roten Kreuzes (ISD) und dem Bundesverband Information und Beratung e.V. am 30. November 2000), sowie Aufrufe von mit der Thematik befassten Bürgerinitiativen in Berlin (“Berliner Appell” von Kontakte e.V. und der Berliner Geschichtswerkstatt e.V. am 22. November 2000).

Die Arbeit der Berliner Koordinierungsstelle unterscheidet sich von der der Landeskoordinierungsstellen in den Flächenländern insofern, als sich die Recherchetätigkeit hier auf die Koordinierungsstelle konzentriert, während die Koordinierungsstellen in den Flächenländern neben eigenen Recherchen die Nachfragen auf die Lokalarchive verteilen.

Die im Februar 2001 zügig eingerichtete und mit einer Gruppe von Rechercheuren für die Einzelfallbearbeitung besetzte Koordinierungsstelle wurde ab 9. April 2001 durch ein Historikerteam und eine Kooperation mit dem Verein “Kontakte e.V.” verstärkt. Damit konnte das in der langjährigen lokalhistorischen Forschung der Berliner Regionalmuseen, der Berliner Geschichtswerkstatt und anderer Initiativen erarbeitete Spezialwissen zur NS-Zwangsarbeit für die Nachweisrecherche fruchtbar gemacht werden.

In dem Verfahren der Zwangsarbeiterentschädigung gilt es, strikt zu unterscheiden zwischen der Entscheidungsebene und der Nachweisrecherche. Die Entscheidung über die Bewilligung der Entschädigungszahlung liegt bei der Stiftung EVZ und den Partnerorganisationen. Die Koordinierungsstelle ist auf der Ebene der Nachweisrecherche angesiedelt. Ihre Zuständigkeit erstreckt sich nur auf den Raum Berlin.

Die Koordinierungsstelle verfügt über ein Archiv an Nachweisersuchen ehemaliger Zwangsarbeiter, in denen Angaben zum Verfolgungsweg bis hin zu detaillierteren Berichten enthalten sind. Dieses Archiv und der durch die Recherchetätigkeit der Koordinierungsstelle entstandene Informationspool zu in Berlin eingesetzten Zwangsarbeitern, Zwangsarbeiterlagern, Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigten, und Quellenbeständen gilt es nach Beendigung der Arbeit der Koordinierungsstelle für die Forschung zu bewahren. Vor einer öffentlichen Nutzung ist ein Konzept für die Aufarbeitung und Präsentation der Materialien zu entwickeln, sind Dubletten abzugleichen, Tabellen zu bereinigen und Datenschutzfragen zu klären.
Wünschenswert wäre darüber hinaus ein zentrales Informationsportal im Internet, in dem alle Landeskoordinierungsstellen und die übrigen in Deutschland und in den Heimatländern der Antragsteller mit der Nachweisrecherche befassten Stellen ihre Erkenntnisse zugänglich machen.
Kontakt zur Koordinierungsstelle

Die Nachweisersuchen der Antragsteller [1]

Zu Beginn der Tätigkeit der Koordinierungsstelle lagen ca. tausend teilweise handschriftlich und in kyrillischer Schrift verfasste Briefe ehemaliger Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter vor, die die Koordinierungsstelle vom Landesarchiv Berlin und anderen Einrichtungen übernahm. Die Anfragen kommen aus Tschechien, Polen, der Ukraine, Russland und Weißrussland.

Einige Briefe enthalten detaillierte Schilderungen der Lebens- und Arbeitsbedingungen. Andere geben Erinnerungsfetzen wieder, die für die Recherche wertvolle Details enthalten können. Manche Antragsteller nennen lediglich einen Firmennamen, manchmal auch den Namen einer Straße oder eine Hausnummer. Bisweilen sind die Namen leider derart entstellt (z. B.: “Schokoladefabrik ‚Kermetel’”, “Militärwerk ‚Katschenik’”, “Firma Griditde”), dass sie sich trotz allen Bemühens nicht interpretieren lassen. Schließlich gehen auch Anfragen ein, die keinerlei spezifische Angaben zum Arbeitsort enthalten. Einige Antragsteller schreiben ausdrücklich, dass sie sich nicht erinnern können, andere gehen möglicherweise in Unkenntnis der schlechten Überlieferungslage von der Vorstellung aus, die deutschen Archivare brauchten lediglich Namenslisten durchzusehen.

Neben frei formulierten Briefen erreichen die Koordinierungsstelle auch ausgefüllte Formulare. Diese Formulare, die der Antragsteller von einer lokalen Behörde erhalten hat, erheben leider nur die Grunddaten zum Antragsteller, zu seinem damaligen Arbeitgeber und zur Unterbringung. Nur wenige Antragsteller berichten von sich aus darüber hinaus gehende Einzelheiten zum Verfolgungsweg.

Die Koordinierungsstelle entwickelte eine Datenbank, in der sie die wichtigsten Daten aus diesen Individualanfragen ebenso wie die zu jedem Einzelfall erfolgten Arbeitsschritte dokumentiert. Bescheide, die an die Antragsteller gesandt werden, werden direkt aus der Datenbank heraus per Knopfdruck generiert.

Herbst 2001 führten die Stiftung EVZ, das Bundesarchiv, der ISD und der Bundesverband Information und Beratung für NS-Verfolgte ein internetbasiertes, bundesweites Datenbankverfahren ein, das hauptsächlich die Funktion erfüllt, die vom ISD mit negativem Ergebnis bearbeiteten Rechercheanfragen der Partnerorganisationen an die zuständigen Landeskoordinierungsstellen und Archive zu verteilen und umgekehrt die Arbeitsergebnisse der Rechercheure den Partnerorganisationen bzw. dem ISD in Form elektronischer Bescheide online zu übermitteln. Mit diesem Online-Nachweisverbund wird das Antragsverfahren ein Jahr nach dem Inkrafttreten des Stiftungserrichtungsgesetzes auf eine organisatorische Basis gestellt. Parallel dazu erhielt die Koordinierungsstelle Anfrage-Listen von einzelnen Partnerorganisationen per E-Mail und Diskette.

Die Nachweisersuchen, die die Koordinierungsstelle über das Online-Verfahren erreichen, importiert sie in eine interne Arbeitsdatenbank, die ähnlich aufgebaut ist wie die bereits bewährte Datenbank der Individualanfragen.

Bis zum 30. September 2004 gingen 11 300 Anfragen über den Online-Nachweisverbund ein, die Entschädigungsbehörde erhielt weitere 4 700 Einzelanfragen. Zukünftig muss mit Rechercheersuchen im Zusammenhang mit dem Beschwerdeverfahren gerechnet werden.

Die Nachweisersuchen der Antragsteller [2] - Dubletten und Doppelarbeit

Da zu einem Antragsteller teilweise mehrere Individualanfragen eingehen und ein Teil der Nachweisersuchen die Koordinierungsstelle sowohl per Individualanfrage als auch über den Online-Nachweisverbund erreicht, ist eine Dublettenprüfung unverzichtbar. Auch über den Online-Nachweisverbund erhielt die Koordinierungsstelle zahlreiche Anfragedubletten, wobei erst seit Ende August 2003 ein automatischer Hinweis auf potenzielle Dubletten erfolgt.

Die Dublettenkontrolle erweist sich als aufwändiger, als man es sich bei einem EDV-basierten Verfahren vorstellen würde. Die Namen der aus Osteuropa stammenden ehemaligen Zwangsarbeiter sind aus der kyrillischen Schrift transliteriert oder transkribiert bzw. enthalten im Deutschen ungebräuchliche Sonderzeichen. Dabei können zahlreiche Schreibvarianten entstehen, die ein bloßer automatischer Namensabgleich nicht berücksichtigen würde. Um Schreibvarianten in die Dublettenprüfung einzubeziehen, verwandte die Koordinierungsstelle eine zeitlang das Daitch-Mokotoff-Soundex-System, das jedoch mit sich brachte, dass eine große Menge potenzielle Namensdubletten intellektuell überprüft werden mussten.

Im Ergebnis zeigt sich, dass für ca. 9 % der über das Online-Nachweisverfahren eingegangenen Rechercheersuchen auch Individualanfragen vorliegen, von denen ein Teil mehr Angaben zum Berlin-Aufenthalt enthält, als über das Online-Verfahren übermittelt werden.

Innerhalb der in dem Online-Nachweisverbund geführten Rechercheersuchen beträgt die Dublettenquote bei den Anfragen der Berliner Zwangsarbeiter ca. 7,5 %; die teilweise vorhandenen Drei- oder Vierfachanfragen nicht berücksichtigt. Zu dem beträchtlichen Aufwand, der der Koordinierungsstelle durch die Dublettenprüfung entsteht, kommt hinzu, dass jede einzelne in den Online-Verbund gestellte Anfrage beantwortet werden muss. Die Dubletten werden per Kopie des ursprünglichen Bescheids “erledigt”. Dabei erfolgt jeweils ein Hinweis auf die vorliegende Dublette. Wenn die Angaben zum Verfolgungsweg bei den Dubletten voneinander abweichen, muss dies ebenfalls vermerkt werden, damit der Bescheid zu der informationsärmeren Anfrage inhaltlich nachvollziehbar bleibt.

Im Zuge der Dublettenkontrolle hat sich gezeigt, dass über das Online-Verfahren auch Anfragen eingingen, die die Koordinierungsstelle bereits vor Monaten auf der Basis einer Individualanfrage positiv beschieden hatte. Dieser Befund führt logisch zu der Frage, wie viele Fälle die Koordinierungsstelle teilweise aufwändig recherchiert, obwohl sie über ein anderes Archiv oder durch Recherchen der Partnerorganisation selbst längst abgeschlossen sind. Inzwischen machen die Partnerorganisationen allerdings vermehrt von der Option im Online-Nachweisverbund Gebrauch, eine im System kursierende Anfrage ggf. als “erledigt” zu kennzeichnen.

Die Nachweisrecherche

Laut Stiftungserrichtungsgesetz muss der Antragsteller seine Leistungsberechtigung durch Unterlagen nachweisen oder auf andere Weise glaubhaft machen. Dementsprechend sind zwei Recherchewege zu unterscheiden: die personenbezogene Recherche nach Unterlagen über den ehemaligen Zwangsarbeiter und die Sachrecherche, bei der es darum geht, die Aussagen des Zwangsarbeiters über seinen Berlin-Aufenthalt zu verifizieren. Wenn ein Zwangsarbeiter spezielle und detaillierte Angaben mitteilen kann und diese mit dem Wissensstand der historischen Forschung vereinbar sind, ist seine Aussage glaubhaft.

Eine Standardquelle für die personenbezogene Recherche ist die alte Einwohnermeldekartei (EMK). Von ihr ist im Landesarchiv Berlin eine bruchstückhafte, nachträglich neu zusammengestellte Zweitüberlieferung erhalten, die mit gut zwei Millionen Karteikarten etwa ein Fünftel des ursprünglichen Umfangs besitzt, so dass nur eine Positivquote von gut 5 % erzielt werden kann. Da der ISD, der gemäß Verfahrensablauf die über den Online-Nachweisverbund übermittelten Rechercheersuchen bereits mit negativem Ergebnis recherchiert hat, die EMK bis zum Buchstaben “N” ebenfalls in seine Recherchen mit einbezieht, könnte sich die Koordinierungsstelle auf die Recherche des Alphabetteils ab “O” beschränken. Nachdem sich jedoch mehrmals herausgestellt hatte, dass angebliche Negativfälle doch in der EMK auffindbar waren, überprüft die Koordinierungsstelle generell alle Nachweisersuchen in der EMK. Hinzu kommt, dass der ISD in seinen Positivbescheiden oft nur bestätigt, dass der Antragsteller in Berlin gemeldet war; es fehlt die Aussage über den Arbeitgeber, die entscheidend für die Frage ist, ob der Antragsteller in die Entschädigungskategorie “Industriearbeiter” oder die finanziell ungünstige Kategorie “Landwirtschaft” eingestuft wird.

Auch die Landesversicherungsanstalt (LVA) wird über eine Kooperation regelmäßig in die Recherche mit einbezogen, im Falle von Geburten erfolgt eine Anfrage bei den Berliner Standesämtern. Die Nachfragen bei Nachfolgefirmen, sofern diese zu ermitteln waren, führen leider nur selten zum Erfolg: kaum eine Firma verfügt über nennenswerte namensbezogene Aktenbestände. Immerhin lassen sich über die Firmenkontakte Sachauskünfte für Plausibilitätsbescheide einholen, sofern die Angaben zum Verfolgungsweg einen Ansatz dafür bieten. Mit einigen wenigen Firmen besteht eine gute Kooperationsbeziehung.

Insgesamt ist die Quellenlage sehr schlecht. Daher war es zunächst ein wichtiges Ziel, weitere Quellenbestände aufzufinden und sie für die Einzelfallbearbeitung nutzbar zu machen. Zugleich sollten die erschlossenen Materialien sowohl für spätere Rückfragen oder Beschwerden als auch für die zukünftige Erinnerungsarbeit dokumentiert werden.

Die Dokumentensuche konzentriert sich auf zeitgenössische Namenslisten oder Namenskarteien, mit denen Betriebe, Polizeidienststellen, Standesämter, Versicherungen, Arbeitsämter oder Krankenhäuser die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter für die verschiedenen Kontrollzwecke erfasst hatten. Aber auch die unmittelbar nach Kriegsende auf Veranlassung der Alliierten entstandenen UN-Bürger-Listen stellen eine wichtige Quelle dar.

Angesichts der schlechten Quellenlage ist für den größten Teil der Antragsteller ein positiver Bescheid jedoch nur auf dem Weg der Glaubhaftmachung möglich, so dass der Sachrecherche eine hohe Bedeutung zukommt.

Die wichtigsten Arbeitsmittel für die Sachrecherche sind historische Adressbücher, Listen von Firmen, die Zwangsarbeiter beschäftigten, und Nachweise von Zwangsarbeiterlagern. Darüber hinaus werden weitere Hilfsmittel herangezogen, die die oft verschlungene Wege beschreitende Einzelfallrecherche erleichtern können: Verzeichnisse historischer Straßennamen, Ortslexika, Stadtpläne, historische Landkarten und nicht zuletzt das Internet, über das sich manch eine gesuchte Detailinformation in einer durchaus zuverlässigen Quelle auffinden lässt.

Wenn es der Koordinierungsstelle nicht selbst gelingt, einen Sachverhalt zu ermitteln, bittet sie andere Stellen, darunter insbesondere Heimatmuseen und ggf. Nachfolgeunternehmen der damaligen Firma, sowie Experten um ihre Mithilfe. Eine überregionale Plattform zur Einbeziehung von Experten bietet die von Dr. Bernhard Bremberger betreute Mailingliste “NS-Zwangsarbeit”.

Hinsichtlich der Firmen- und Lagerlisten konnte die Koordinierungsstelle auf einen lokalhistorischen Informations-Grundstock aus den Vorarbeiten des Historikerteams zurückgreifen: Dr. Bernhard Bremberger hatte ausführliche Recherchen zu Zwangsarbeiterlagern vor allem in Neukölln, Kreuzberg und Tempelhof angestellt. Die Berliner Geschichtswerkstatt hatte 1999 eine Datenbank mit gut 700 Berliner Firmen erstellt, die Zwangsarbeiter beschäftigt hatten. Von 100 Firmen wurde ein heute noch existierender Nachfolger ermittelt. Eine Standardquelle für den Nachweis von Zwangsarbeiterlagern ist der “Kubatzki” [5]. Der weitere Ausbau dieses Fundus’ und seine elektronische Erschliessung bildeten den zweiten Schwerpunkt der Quellenrecherche neben dem Bereich der personenbezogenen Quellen.

Um die neu aufgefundenen Quellen für die Einzelfallbearbeiter nutzbar zu machen, entstand eine Recherche-Datenbank mit vier Listen als den zentralen Komponenten: Namen ehemaliger Zwangsarbeiter; Zwangsarbeiterlager; Firmen, bei denen Zwangsarbeiter arbeiten mussten; Quellenbestände bzw. Ansprechpartner für die weitere Recherche.

Diese Listen enthalten je nach ausgewerteter Quelle detaillierte Angaben, die auch über eine Volltextsuche zugänglich sind. In die Lagerliste sind beispielsweise unter anderem eingetragen: genaue Lagerbezeichnung, Adresse, Betreiber, Belegung sowie diverse weitere Angaben wie Nutzung, Ausstattung, besondere Ereignisse. Dank der Volltextsuche können auch solche Lager identifiziert werden, zu denen in den Angaben zum Verfolgungsweg nur stichwortartige, teilweise kryptische Andeutungen enthalten sind, bei denen eine Recherche in einer alphabetisch geordneten Liste nicht möglich wäre.
Quellenbestände

Quellenbestände

Beispiele neu erschlossener Quellenbestände:

  • Lager-, Firmen und Personendaten aus dem “Archiv des Services des Victimes de la Guerre” (sog. Brüsseler Akten), die in Berlin nach dem Krieg vom Belgischen Nationalen Suchdienst (BNTB) erstellt wurden.
  • Vom Heimatmuseum Köpenick erhielt die Koordinierungsstelle eine Datei mit 913 Namen von Zwangsarbeitern des AEG-Transformatorenwerks Oberspree, die auf einer Kartei der Werksausweise beruht
  • Aus den noch überlieferten, handschriftlich geführten Tätigkeitsbüchern Berliner Polizeireviere wurden 615 Namen von Zwangsarbeitern erfasst
  • Mehrere Dateien mit gut 1 000 osteuropäischen Namen beruhen auf den weit umfangreicheren Listen von “Angehörigen der Vereinten Nationen”, die die Polizeireviere in Prenzlauer Berg, Weißensee und Charlottenburg 1946 auf Anordnung der Alliierten erstellten.
  • Im gleichen Kontext entstanden Listen mit fast 6 000 Namen von sowjetischen Zwangsarbeitern bei der Reichsbahndirektion Berlin, die im ehemaligen NS-Archiv des Ministeriums für Staatssicherheit, heute Bundesarchiv Dahlwitz-Hoppegarten, entdeckt wurden.
  • 1 848 osteuropäische Namen wurden den Personallisten des Generalbauinspektors für die Reichshauptstadt Berlin entnommen, die als unerschlossene Bestände über die Oberfinanzdirektion an das Bundesarchiv kamen.
  • Aufgrund einer Anordnung Heinrich Himmlers wurden 1943-44 die Personendaten neugeborener Kinder ausländischer Zwangsarbeiterinnen und ihrer Eltern in Listen dokumentiert. Eine Liste mit 1 400 Namen aus dem Landesarchiv wurde erfasst.
  • Firmenbestände aus dem Deutschen Technikmuseum Berlin konnten gesichtet und die Namen von ausländischen AEG-MitarbeiterInnen erfasst werden.
  • Von der Deutschen Bank erhielt die Koordinierungsstelle eine reichsweite Lohnkontenliste der Organisation Todt und des GBI mit 27 000 Namen.
  • Aus der Datenbank von “Memorial”, Moskau, konnten die Namen von 13 000 Berliner Zwangsarbeitern, häufig mit Angabe der Firma und/oder des Lagers, übertragen werden.
  • Aus der Personalkartei der Berliner Feuerwehr konnten die Namen und Personaldaten von über 100 Ukrainern erfasst werden.
  • Aus den Patienteneingangsbüchern des Krankenhauses Wittenau und der Wittenauer Heilstätten wurden knapp 2 000 Namen von Ausländern erfasst
  • Gegenwärtig werden aus einem Bestand von schätzungsweise 16 000 Reichsbahnversicherungskarten der BVA Bezirksleitung Münster die Geburtsjahrgänge 1924-1933 (6 Kartons, ca. 4 000 bis 5 000 Namen), soweit sie als Ostarbeiter oder Polen ausgewiesen sind, für eine Tiefenerschließung ausgewertet. Der Bestand wird im Landesarchiv aufbewahrt.
  • Aus dem Krankenbuchlager Berlin konnten Namen von erkrankten Zwangsarbeitern erfasst werden, z. B. aus dem Patientenbuch des Krankenhauses Hohengatow der Organisation Todt
  • Von der Arbeitsstelle für Zeitgeschichte des Erzbistums Berlin konnte die Koordinierungsstelle über 500 Namen von im St. Hedwigs Krankenhaus behandelten Ausländern bekommen.

Außer diesen namentlichen Listen wurden Aufstellungen von Zwangsarbeiterlagern und Zwangsarbeitsfirmen gesammelt. Eine wichtige Quelle ist die Reichsbetriebskartei Berlin. 1943/44 in der AG “Maschinelles Berichtswesen” des Reichsministeriums für Rüstung und Kriegsproduktion (RMfRuK) entstanden, erfasst sie in erster Linie diejenigen Betriebe der “Reichsgruppe Industrie”, für die ein rüstungswirtschaftliches Interesse bestand. Es handelt sich somit um Wehrwirtschaftsbetriebe, in denen zu dieser Zeit in der Regel viele ZwangsarbeiterInnen eingesetzt waren. Die Angaben zu den ca. 2 000 Betrieben und Betriebsteilen geben u.a. Aufschluss über das Produktionsprofil, die Betriebsfläche, sowie die Anzahl der Beschäftigten und die Namen der verantwortlichen Betriebsführer. Aus der Berlin-Datenbank, die im Zuge der Erarbeitung des Ehrenbuches Berliner Juden zusammengestellt worden war, konnten 1 500 Berliner Firmen erfasst werden, die jüdische Zwangsarbeiter beschäftigten. Durch einen Kooperationsvertrag mit dem “Arbeitskreis Berliner Regionalmuseen” (ARB) konnte die Koordinierungsstelle nach Bezirken erfasste Dateien und Datenbanken übernehmen, die in den Jahren 2000-2002 im Rahmen der Ausstellung “Zwangsarbeit in Berlin (1938-1945)” zusammengetragen worden waren. Auf der Seite www.zwangsarbeit-forschung.de wurden Listen von 600 Zivilarbeiterlagern aus Kreuzberg, Mitte und Tiergarten veröffentlicht. Während bisher z. B. ca. 60 Kreuzberger Lager bekannt waren, sind darin 365 Lager verzeichnet; demnach dürfte die Gesamtzahl der Berliner Lager ein Vielfaches des bisher Bekannten betragen (ca. 3 500 bis 4 000). Im Bundesarchiv in Hoppegarten wurde eine Aufstellung der bezirklichen Gesundheitsämter von 1943 entdeckt, die 1 012 Zwangsarbeiterlager in Berlin mit Anzahl und Nationalität der Insassen auflistet.
Hinweise auf ausgewählte Internetquellen

Entschädigungsbehörde nicht mehr Koordinierungsstelle für Zwangsarbeiter

Tätigkeit beendet:

Koordinierungsstelle zur Ausführung des Bundesgesetzes zur Errichtung einer Stiftung “Erinnerung, Verantwortung und Zukunft” in der Abteilung I des Landesamtes für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten

Mit dem 31.12.2006 sind die Auszahlungen an ehemalige Zwangsarbeiter/innen nach dem EVZ-Stiftungsgesetz im wesentlichen abgeschlossen.
Somit beendete auch die im Februar 2001 eingerichtete Berliner Koordinierungsstelle zum 31.12.2006 ihre Auskunfts- und Recherchetätigkeit.