Über die Jahrestagung

Wohnstadt Carl Legien
Wohnstadt Carl Legien
Bild: Wolfgang Bittner

»Zwischen Welterbe und Denkmalalltag – Erhalten, Erschließen, Engagieren«

Denkmalschützer und Denkmalpfleger überall in Deutschland trainieren den Spagat: zwischen der öffentlichkeitswirksamen Rolle als Welt- und Europaerbe-Hüter und einer Alltagspraxis als Denkmalanwälte, die sich der Bewahrung des Denkmalerbes in seiner ganzen Breite verschrieben und in 16 Bundesländern als Pflichtverteidiger weit mehr als eine Million denkmalrechtlich geschützte Objekte in ihrer Obhut haben. Denkmalpolitische Rahmenbedingungen und divergierende gesellschaftliche Erwartungen verlangen Bau-, Boden- und Gartenkonservatoren zusätzliche Geschicklichkeit in der Wahrnehmung ihres extrem gespreizten Aufgabenspektrums ab: Gesetzesnovellen der Bundesländer, wie vorletztes Jahr in Schleswig-Holstein, schwächen die Durchsetzung konservatorischer und archäologischer Interessen; Fördermittel der Länder für Denkmaleigentümer stagnieren trotz kontinuierlich steigender Baukosten oder werden sogar rabiat zusammen gestrichen, wie jüngst in Nordrhein-Westfalen; anhaltende Personalkürzungen dezimieren seit Jahren Denkmalbehörden in Kommunen und Ländern, die Halbierung der Stellen im Landesdenkmalamt Berlin markiert einen Tiefpunkt dieser negativen Personalentwicklung.

Im Gegenzug stehen die Ämter steigenden Erwartungen aus Politik und Öffentlichkeit gegenüber, die verstärkte Denkmalkommunikation und vorbeugendes Denkmalmanagement anmahnen, mehr Denkmalkooperation und verstärkte Teilhabe in Denkmalprozessen einfordern und neue Prioritätensetzungen verlangen. Und kein Monat vergeht, in dem nicht weitere Welterbevorschläge aus bundesdeutschen Landen mediale Aufmerksamkeit erregen.

Andererseits hat das Umfeld der von Amts und Gesetzes wegen tätigen Konservatoren in den letzten Jahren wichtige neue Impulse erfahren. Erheblich zugenommen hat die Bereitschaft von Bürgerinnen und Bürgern, sich persönlich für die Erhaltung und Restaurierung von Denkmalen zu engagieren. Nie zuvor war die Zahl von ehrenamtlichen Förderinitiativen und Fördervereinen oder Netzwerken zur Mobilisierung der Öffentlichkeit und Medien zur Rettung von Denkmalen in Deutschland so hoch wie heute, nie zuvor die Rolle von öffentlichen und privaten Stiftungen oder verständnisvollen Stifterpersönlichkeiten, von vermögenden Mäzenen und engagierten Spendern stärker ausgeprägt als in der Gegenwart.

Leitfragen für die Sektionen

Kompetenzen erwerben – Kapazitäten ausbauen?

  • Haben wir zu viele Denkmale oder haben wir zu wenige Personalressourcen? Sind die öffentlichen Denkmalerwartungen zu hoch oder die Denkmalgesetze zu schwach? Amputiert die Denkmalpflege sich und ihr Anliegen selbst, wenn sie aufgabenkritisch auf schwindende Kapazitäten und Einsparungen reagiert? Welche Vorteile hat eine hierarchische Kategorisierung des Denkmalbestands (Klassement)?
  • Setzt die Denkmalpflege keine Prioritäten und versäumt die Definition und Vermittlung von konservatorischen und archäologischen Schwerpunktaufgaben? Fördern Denkmalprogramme zu viel Welterbe, „National wertvolle Kulturdenkmäler“ oder Dehio-Objekte – zu Lasten der Alltagsdenkmalpflege? Vernachlässigen wir den breiten Denkmalbestand, kommen einzelne Denkmal-Kategorien zu kurz?
  • Brauchen wir ein einheitliches Bundesdenkmalgesetz, oder wenigstens ein kulturföderales Musterdenkmalgesetz für alle Länder? Stärken oder schwächen EU-Initiativen und -Normierungen die Position und das Anliegen der Denkmalpflege?

Voneinander lernen und kooperieren

  • Was können Baudenkmalpflege und Bodendenkmalpflege voneinander lernen? Was von der Gartendenkmalpflege oder von der Industrie- und Technikdenkmalpflege? Wo und wie agieren Bau- und Bodendenkmalpflege zusammen? Wie stellt sich die Kooperation mit wissenschaftlichen Hochschulen dar? Wie mit Freiberuflern in der Denkmalrestaurierung?
  • Was können die Boden- und Baudenkmalpflege in Deutschland von der Denkmalpflege und Denkmalorganisation in unseren europäischen Nachbarländern lernen? Welche Regelungen und Verfahren wären übertragbar, welche Partner stehen dafür zur Verfügung? Welche Regelungen und Partner wären erforderlich?
  • Was können wir von anderen Schutzdisziplinen und Bewegungen lernen? Was von der Umweltbewegung? Was von Naturschutzverbänden und anderen Organisationen? Welche Möglichkeiten für strategische Allianzen bieten Ressorts des kulturellen Erbes (Museen, Archive, Sammlungen, Bibliotheken etc.) für die Denkmalpflege?

Eine Zukunft für unsere Vergangenheit – wieder kampagnenfähig werden

  • Brauchen wir ein neues europäisches Denkmalschutzjahr? Was erwartet die Denkmalpflege von der Welterbekonvention? Was vom Europäischen Kulturerbe-Siegel?
  • Wie können Bürgerinnen und Bürger besser eingebunden, wie Bürgerinitiativen gestärkt werden? Wo sich engagieren? Wie lassen sich die Kommunikation und Kooperation zwischen Denkmalämtern und ehrenamtlichen Aktivitäten verbessern, wie bürgerschaftliches Engagement mobilisieren?
  • Wie können Denkmalorganisationen schlagkräftiger werden? Getrennt marschieren, vereint schlagen? Oder sind wir nur gemeinsam stark, in einem Netzwerk, in einem Dachverband? Gemeinsam mit allen Denkmaldisziplinen und Denkmalinstitutionen, mit Denkmalvereinen und Denkmalstiftungen, Hochschulen und wissenschaftlichen Einrichtungen?