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Kunst am Bau - Tanz der Kontinente

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kunstfreunde und -freundinnen!

Kunst im öffentlichen Raum ist Teil unserer Kultur. Sie strukturiert und markiert Stadträume und Gebäude. Sie setzt visuelle Akzente und begleitet Funktionen. Indem der Künstler, die Künstlerin eingreift, einwirkt auf Stadtraum und Architektur, können Orte des Nachdenkens und des Dialogs entstehen. Eine Auseinandersetzung, die nicht im geschützten und abgeschirmten Raum von Museen oder eben auch Galerien stattfindet, sondern für jedermann sichtbar geschieht.
Kunst am Bau setzt sich mit Ort und Raum, Inhalt und Funktion der Bauaufgabe auseinander. Sie kann einen Bau unterstreichen oder auf ihn reagieren, Akzeptanz und Identifikation fördern, Öffentlichkeit herstellen und Standorten ein zusätzliches Profil verleihen.

Wir freuen uns, dass sich mit „Tanz der Kontinente“ die Möglichkeit geboten hat, eine unserer Ausstellungen nach außen zu tragen. Aus den Galerieräumen hinauszugehen und Ester Fabregats Arbeit nun auch im öffentlichen Raum zu zeigen.
Ermöglicht wurde das Projekt durch das Förderprogramm „Aktive Stadtzentren“, mit dem das Stadtplanungsamt Mitte gezielt zur kulturellen Aufwertung des Bezirks beiträgt. Es geht um Nachhaltigkeit, um Lebensqualität, um Kunst- und Kulturförderung. So wurden in diesem Jahr bereits die Fete de la Musique und die Fashion Week hier im Bezirk unterstützt. Das Stadtplanungsamt, das Anfang November ins alte Rathaus umzieht, sieht den „Tanz der Kontinente“ als Auftakt, im nächsten Jahr weitere Akzente mit Kulturschaffenden und Künstlern zu setzen. Nebenbei wird auch der Neubau der Schiller-Bibliothek finanziert. Wir hoffen, dass es noch viele weitere solche Projekte im Bezirk geben wird.

Ester Fabregat hat mit ihrem Tanz der Kontinente einen unübersehbaren visuellen Akzent gesetzt und dabei direkt Bezug auf die Bibliothek und ihre Funktion genommen. Denn was ist eine Bibliothek letztendlich? Doch nichts anderes als ein Behälter – hier zusätzlich durch Fritz Bornemanns prägnante geometrische Linienführung betont -: ein Füllwürfel des Wissens und der Kultur. Vieler oder aller Kulturen der Welt, die hier sozusagen Rücken an Rücken, Seite an Seite stehen, wiederum allen Menschen jedweder Kultur, jedweder Herkunft zugänglich. Darauf Bezug nehmend, tragen die drei menschlichen Silhouetten, die an dem Gebäude entlang zu schwimmen scheinen, verschiedenste Farben. Farben, die das multikulturelle des Bezirks widerspiegeln und auch daran erinnern, aus wie vielen Details und Farben sich ein Mensch zusammensetzt.
Ester Fabregat hat schon eine ganze Reihe von Kunst-am-Bau-Projekten durchgeführt. Vor allem in Spanien, wo sie geboren ist. Mit Performances und ihren fantastischen Windskulpturen war sie in Athen, Paris, Kopenhagen, Brüssel und auch in Berlin zu sehen. Stoffliche Skulpturen machen einen Großteil ihrer künstlerischen Arbeit aus. Die Künstlerin, die mittlerweile so etwas wie eine Plastikexpertin ist – sie wird irgendwann dazu ihren Doktor machen -, verwendet dafür ausschließlich umweltverträgliche, wiederverwertbare polymerische Materialien, die extrem leicht, flexibel und widerstandsfähig sind. Materialien, die auf ihre Umgebung reagieren. So bewegt sich auch diese Arbeit hier, vibriert, lebt mit dem Wind. Allerdings auf reduziertere Art und Weise. Denn schweben sonst Fabregats hauchdünne Plastikobjekte schwerelos in der Luft oder im Wasser, sind die Schwimmer der Schillerbibliothek doch mehr eindimensional, oder lassen Sie es mich so sagen, nicht ganz so flatterhaft. Auch wenn ich persönlich die fliegende Form bevorzugt hätte, von der man ja im September anlässlich der Einzelausstellung bei uns in der Galerie einen Eindruck bekommen konnte, war es wahrscheinlich schon aus statischen und sicherheitstechnischen Gründen nicht möglich, daraus eine dauerhafte Installation zu machen, schade...

„Schwimmer“ hieß die Ausstellung im September, die die wichtigsten Arbeiten der letzten zehn Jahre von Ester Fabregat umfasste und auch die Körper auf der Gebäudefassade scheinen sich auf dem Netz schwimmend zu bewegen. Ein Netz, das an die Heimat der Künstlerin, an die am Mittelmeer gelegene Hauptstadt der gleichnamigen katalonischen Provinz Tarragona erinnert, wo Netze eine wichtige Rolle beim Sardinenfang spielen. Aber im Gegensatz zu den Fischen sind die Schwimmer nicht gefangen, sondern bewegen sich vielmehr mit Leichtigkeit und Anmut auf dieser Oberfläche von 25 x 5 Metern. Mit einer Leichtigkeit und Anmut, die den Betrachter wünschen lässt, auf gleiche Art und Weise in die Welt des Wissens und der Bücher einzutauchen oder einfach in den darüber liegenden Himmel hineinzugleiten....Ester Fabregat schafft neben – vom Maßstab her gesehen - großer Kunst auch kleine. Aber fast immer sind ihre Arbeiten als Versuch einer neuen Identität zu verstehen. Sie sind so etwas wie Larven, wie eine zweite Haut. Oder - in Form einer Art Prothese - eine Möglichkeit, den eigenen Körper zu verändern, ihm eine andere Form zu geben. So wie etwa die Arbeit „Skin of Breasts“, für die der Künstlerin auf der Biennale in Tarragona in diesem Jahr der Julio-Antonio-Skulpturen-Preis verliehen wurde.

Ester Fabregat lässt uns in neue Welten eintauchen, in schwerelose und luftige und in solche, in denen alles möglich ist, bis hin zur Metamorphose in Quallen, Sackträger oder Insekten. Neben der neuen Hülle, dem neuen Kleid, in das die Bibliothek geschlüpft ist, weisen die Schwimmer aber noch weiter hinaus. Sie machen darauf aufmerksam, dass der Besucher selber eine Verwandlung erfährt, wenn er den Wissenscontainer, die Bibliothek betritt. Denn es gibt zig Möglichkeiten, sich neue Erfahrungen, neue Lebensmöglichkeiten zu „erlesen“. Und noch für mehr steht die Kunst: für die Gelegenheit zum Dialog. Ja, fast könnte man sagen, dass sie nicht nur die Gelegenheit dafür bietet, sondern dazu geradezu herausfordert. Sich dafür in aller Öffentlichkeit zu begeistern, sie abzulehnen oder sie zu ignorieren. Aber was immer man auch tut, an der Wahrnehmung als solcher kommt keiner vorbei. Das Kunstwerk ist bunt, es ist groß, es ist prägnant. Und wir hoffen einfach mal, dass der „Tanz der Kontinente“ noch eine ganze Weile in Symbiose mit der Schiller-Bibliothek diesem grauen Vorplatz ein bisschen mehr Farbe, ein bisschen mehr Kunst und kreatives Denken verleiht. Und das er Ausgangspunkt für konstruktive Dialoge ist.
Leider war es nicht möglich, den „Tanz der Kontinente“ zeitgleich mit Ester Fabregats Ausstellung „Schwimmer“ zu zeigen. Sozusagen als ein Hinübergleiten der Ausstellung in den Galerieräumen hinaus in den öffentlichen Raum. Aber wir haben zur Zeit die Finnen mit der überaus sehenswerten Ausstellung Earth Remembers zu Gast. Vielleicht kann Ihnen das ein kleines Trostpflaster sein...

Berlin, den 30. Oktober 2010

Dr. Katia David

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