Nachruf auf Ingeborg Hunzinger

Pressemitteilung vom 07/22/09

Ingeborg Hunzinger
geboren am 03.Februar 1915
gestorben am 19. Juli 2009

Über 50 Jahre ist die Bildhauerin Ingeborg Hunzinger in Köpenick zu Hause. Sie liebte ihr schönes, damals mit ihrem Mann noch selbst hergerichtetes Reich; das Jugendstilhaus, dort – mit dem Atelierraum, der in einer besonderen Mischung aus Opernsaal und purer Werkstatt einen Charme in sich vereinte, der offensichtlich ebenso anregend wie poetisch wirkte – nicht nur auf die Künstlerin selbst, – sondern auch auf die vielen Gäste, Besucher und Freunde…; Dazu der Arbeitsgarten: Bäume, Sträucher, Blumen, Kräuter und Gräser – dazwischen stehen, liegen – leben ihre Skulpturen; Sandstein, Marmor, Granit, – vorzugsweise roter Porphyr, – und warten darauf, den Platz ihrer Bestimmung einzunehmen, – dort, wo die Menschen etwas von denen haben können – und so daselbst mitten im Leben stehen dürfen.
Das war der Künstlerin der schönste Lohn: in Mitte, Marzahn, Köpenick und anderswo. Lange schon übrigens, – ist dieser Ort in Rahnsdorf zur Legende geworden: In allererster Linie natürlich, weil dort die Kunst von Ingeborg Hunzinger weit über die Grenzen Berlins hinaus bekannt und geschätzt wird; Dort entstanden und von da aus die Reise nahmen an die vielen Orte baugebundener Kunst: als die sandsteinerne ´Sphinx´ am Berliner Dom, das Luxemburgrelief am Mehringplatz, die ´Erde´ ….
Eines ihrer wichtigsten Werke ist ohne Zweifel der ´Block der Frauen´ in der Rosenstraße, das so eindringlich erinnert an jenen Protest, an den Widerstand der Frauen, die 1943 gegen die Verhaftung ihrer jüdischen Männer, gegen Goebbels Befehl demonstrierten und tatsächlich, wie ein Wunder, damit Erfolg hatten; ein Mahnmal, das berührt weil es mit ihrer Kunst an unsere Sinne appelliert. So lange hatte sie an diesem großen steinernen Bild gearbeitet, bis sie die Botschaft für immer in die Seelen schreiben wollte; Zivil courage, Wachheit und Ermunterung zum Mut, die eigene Position zu wahren. Genau das waren nämlich ihre Tugenden, und dazu nutzte sie ihr Talent, ihren Fleiß und eben jenes feingeistige Gefühl, den eigenen Möglichkeiten, die jeder hat, zu trauen; im großen Welttheater mitzusprechen- gleich an welche Grenzen Du auch stößt, welche Diktatur auch immer Dich Kleinmachen will. Gestern oder Heute; Gegenhalten, widerstehen, unterlaufen.
Kunst- und Lebensauffassung waren bei Ingeborg Hunzinger eins; nicht prinzipiell oder pauschal und schon gar nicht auf einer – wie auch immer gearteter Linie. Die Begegnung mit Käthe Kollwitz, gleich nach der Beendigung ihrer Steinmetzlehre in Süddeutschland war sicherlich prägend: Viele Anregungen, vor allem was Kunst im Klassenkampf betrifft, aber doch auch gegenseitiges Lernen, künstlerische Befruchtung. Denn, so erzählte sie selber gerne, habe sie nicht nur von der Kollwitz gelernt, sondern Ingeborg Hunzinger hat ihr auch zeigen können, wie man mit dem Stein umgeht.
Ein Hohelied auf den Eigensinn, das ist es, was sie in den 30-er Jahren, in ihrer Kunst zu jener Symbolik führt, die sich zuforderst einem politischen und sozialen Inhalt verschrieben hatte. Aber es ist auch der Humor, die Lebenskunst, die Freude am Spiel, die Häme auf die Eitelkeit der Mächtigen, die für sie zum ´Jungbrunnen´ geriet. Wie konnte sie so lebhaft erzählen, und wie schön war ihr Gesicht dabei anzusehen – bis ins hohe Alter hinein – so erfüllt und so in schöpferischer Unruhe und schon mit dem Nächsten beschäftigt – in aller Freude am kreativen Tun – ungeachtet der tagtäglichen Schinderei, die sie gern auf sich nahm…
Der legendäre Ort in Rahnsdorf, das ist er darüber hinaus auch deshalb, weil dort Zeitgeschichte, Kulturgeschichte geschrieben wurde. In den 50-er Jahren des letzten Jahrhunderts konnte sich dort eine Art Freiraum für freiheitliche sozialistische Gedanken etablieren: Nicht nur weil Havemann, mit dem sie auch befreundet war und Biermann, dort ‘aufkreuzten’und deren Kreise; Durchdiskutierte Nächte,… wohl beobachtet! (In den 60-ern – Rudi Dutschke, Fritz Teufel, Rainer Langhans- aber wohl nur sporadisch und quasi nebenbei)
Ingeborg Hunzinger war wegen ihrer Biografie als Jüdin und Kommunistin deswegen in der DDR natürlich auch etwas geschützt. Das wusste sie und das nutzte sie.
Aber im Grunde waren es die Diskussionsrunden mit Künstlerkollegen und jungen Oppositionellen, die erstens viel häufiger und zum zweitens auch intensiver und nachhaltiger waren -mit dem Resultat gegenseitiger Wichtigkeit.
Später brüskierte sie das System übrigens mit ihrer Entscheidung, den Vaterländischen Verdienstorden und den Nationalpreis schlichtweg abzulehnen. Diese Auszeichnungen anzunehmen, hätte weniger ´Wellen gemacht´…
Ein trickreiches Kalkül, dass zum einen entwaffnete, zum anderen Mut machte. Es gibt so wenig Menschen von diesem Format. Ihre absolut linke Gesinnung war ihr Herzenssache. Und solche ernsthaften Humanisten wie Ingeborg Hunzinger, sind zu allen Zeiten unbequeme Zeitgenossen. Auch darauf legte sie wert. Die bewegte und bewegende Biografie: geborene Franck, die Eltern, Mutter Jüdin, Vater ´arisch´.
Als Jugendliche wird sie Jungkommunistin, “Geburtsfehler“, wie sie so schön sagte…
Deshalb natürlich hatte sie in jener Zeit große Schwierigkeiten: 1935 – 1938 Studium an der Kunst- Hochschule Charlottenburg. Der Abschluss wurde ihr verwehrt. Geht auf ´eigene Faust´ nach Italien, ´verliebt´ sich in Michelangelo, kehrt nach Deutschland zurück. Dort erwartet sie striktes Arbeitsverbot.
Ihren Ersten Mann, den Vater von Anna, durfte sie nicht heiraten, weil das bei den Nazis als Rassenschande galt. Sie hat im Nachhinein alles daran gesetzt und versucht den Kindern,( der Sohn verstorben)- einen `ehelichen Status` zu geben. Aber das war absolut unmöglich. Damals.
Ihr zweiter Mann, Adolf Hunzinger war Spanienkämpfer und Kommunist, von dem sie sich scheiden ließ, ebenso von ihrem dritten Gatten, dem Bildhauer Robert Riehl; schwierige persönliche Verhältnisse.
Aber- die ihrige Familie war ihr viel wert, mit Liebe und Interesse und mit Stolz verfolgte und kommentierte sie die Werdegänge…
Die Kunst ist ihre Verbündete.
Nach Gründung der DDR kommt sie nach Berlin und bekommt die Möglichkeit an der Kunsthochschule Weißensee zu lehren. Anfang der 50-er wird sie Meisterschülerin von Fritz Cremer und Gustav Seitz an der Akademie der Künste der DDR.
Seit 1953 arbeitet sie im Grunde freiberuflich.
Bis kurz vor ihrem Tod arbeitete sie – so gut es noch ging, mit äußerster Hingabe an ihrer Rosa-Luxemburg-Skulptur. Sie konnte nicht anders!
Wir sind in großer Dankbarkeit um diese, langwährende künstlerische Nachbarschaft, hier in Treptow-Köpenick und in der Gewissheit, dass das große Werk von Ingeborg Hunzinger bleiben und noch weitere Generationen berühren wird.
Auf dass sie nicht allein Ihrer gedenken, sondern ihren Botschaften Zugang zur eigenen Seele gewähren.
Das würde ihr gefallen.

Petra Hornung, im Auftrag des Kulturamtes Treptow-Köpenick