30 Jahre Mauerfall: „Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen“

Erinnerung an den Mauerfall von Reinhard Höfer

  • September 2019

Am Abend des 9. November saß ich über einer Abrechnung – zu Hause in Berlin-Lichtenberg in meinem Arbeitszimmer.

Als meine damalige Lebensgefährtin hereinkam und etwas vom Mauerfall erzählte, erwiderte ich nur: „Lass mich in Ruhe arbeiten.“ Es war ja auch nicht zu glauben. Es war nicht zu fassen. Es konnte eigentlich gar nicht sein. Aber: Es geschah doch. Und so ist mir diese historische Nacht entgangen.

Am nächsten Morgen fuhr ich mit dem Auto zur Arbeit und hörte dabei im Radio die neusten Nachrichten, stürmte ins Büro zu Siegfried, meinem befreundeten Kollegen, und rief: „Ich fahre jetzt sofort nach West-Berlin, diese Chance kommt vielleicht nie wieder. Kommst Du mit?“

Er kam mit. Denn wenn ich dieses historische Ereignis verpasst hätte, würde ich mir heute noch Vorwürfe machen. Auf der Fahrt zum Grenzübergang an der Baumschulenstraße war mir nicht ganz geheuer. Erst einmal mussten wir anstehen. Das waren wir als DDR-Bürger gewöhnt.

Dann der große Augenblick: Wir fuhren über die Grenze. Noch immer standen West-Berliner Spalier und klopften auf die Wagendächer der langsam vorbeifahrenden Autos. Es war überwältigend. Es war ein seltsames, bis heute fast unbeschreibliches Gefühl: Schauer liefen mir den Rücken hinunter. Ich war den Tränen nahe. Und noch Jahre danach versagte mir beim Erzählen an dieser Stelle fast immer die Stimme.

Graffiti an der Berliner Mauer
Bild: Peter Kersten / www.peter-kersten.de

Ich fuhr rechts ran, hielt und sah Siegfried an: „Kannst Du das glauben?“ Er: „Nein, unglaublich.“

Andererseits wurde mir nun auch bewusst, dass dieser Schritt unumkehrbar sein konnte. Was sollte werden? Ich kannte hier keinen. Niemanden. Das und weiteres hatte mich unter anderem auch immer davon abgehalten, „abzuhauen“.

Mit der U-Bahn fuhren wir in die City, reihten uns in die Schlange für das Begrüßungsgeld ein – und zogen dann zum KaDeWe. Eine Frau steckte mir in der Feinkostetage, in der ich überwältigt dastand, einen 5-D-Mark-Schein zu und sagte: „Kaufen Sie sich was Schönes“.

Dann gingen wir den KuDamm rauf. Wir schauten in fast alle Geschäfte, waren beim VW-Händler, der uns eine Deutschland-Kartenmappe schenkte, waren auch im Bauhaus. Dort kaufte ich Kugelkettchen für unsere Waschbeckenstöpsel. Ich wusste, dass meine damalige Lebensgefährtin schon lange danach suchte. In der DDR waren diese Stöpsel mit einer Art Angelsehne befestigt. Das Werkzeug und sonstige Angebot in diesem Baumarkt – für uns damals war es unfassbar.

Den ganzen Tag über versuchte ich übrigens meine Lebensgefährtin auf ihrer Arbeit aus Telefonzellen anzurufen, um ihr zu sagen, wo ich sei. Hoffnungslos: Die wenigen Telefonleitungen waren total überlastet, es gab keine Verbindung.

Ich kaufte noch einige Leckereien, denn ich konnte und wollte doch nicht ohne Trophäen nach Hause kommen.

Gegen 16 Uhr waren wir mit unseren Kräften am Ende, machten uns auf den Heimweg und passierten unbehelligt die Grenze. Stolz betrat ich unsere Wohnung, ich fühlte mich heldenhaft.

Es war ein langer Tag mit einmaligen und unvergesslichen Eindrücken. Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen.

Graffiti an der Berliner Mauer
Bild: Peter Kersten / www.peter-kersten.de