Der Schöneberger Regenbogenkiez

Kiezspaziergang mit Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler vom 18.06.2016

Am Nollendorfplatz begrüßte Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler die Teilnehmer_innen ihres 33. Kiezspaziergangs. An diesem Sonnabend ging es durch den Schöneberger Regenbogenkiez.

Schon in den 1920er Jahren gab es hier im Gebiet um den Nollendorfplatz die ersten „Tanzlokale für Herren“. Trotz der gesetzlichen Verbote in der Weimarer Republik und der damaligen Moralvorstellungen war hier vieles möglich, und so fanden lesbische, schwule, bisexuelle und trans- und intergeschlechtliche (LSBTI-) Menschen in der Schöneberger Szene zusammen.

Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten fand diese „Freiheit“ ein jähes Ende. Die von den Nationalsozialisten als „anrüchig” eingestuften Lokale wurden geschlossen, Schwule und Lesben verfolgt und in Konzentrationslager deportiert.

Nach den Schrecken des Nationalsozialismus konnte die Szene im gleichen Kiez wieder Fuß fassen. Trotz des noch bis 1994 geltende Paragraphen 175 des Strafgesetzbuches entwickelte sich hier mit stetig wachsendem Selbstbewusstsein der uns heute bekannte Regenbogenkiez mit seinen schwul-lesbischen Lokalen, Friseuren, Blumenläden, Boutiquen, Buchhandlungen, Reisebüros und Hotels, die sich gezielt an ein LSBTI Publikum richten.

Das Ziel für diesen Kiezspaziergang wurde – zumindest indirekt – durch die Europameisterschaft beeinflusst. An diesem Wochenende hätte üblicherweise am Nollendorfplatz das traditionelle Lesbisch-Schwule-Stadtfest stattgefunden. Es findet immer in der „Pride Week“ gekoppelt mit der Parade zum Christopher-Street-Day (CSD) statt.
Es bildet immer den Auftakt der „Pride Week“, deren Abschluss die Parade zum Christopher-Street-Day (CSD) bildet. Da aber die Straße des 17. Juni, über die die CSD Parade regelmäßig führt, durch die EM-Fanmeile belegt war, wurde die gesamte „Pride Week“ und damit auch das Stadtfest um einen Monat in den Juli 2016 verschoben.

Wo sonst hunderttausende Besucher_innen aus der ganzen Welt zusammenkommen, bot sich nun für die Kiezspaziergänger_innen die Möglichkeit, in Ruhe auf alten und neuen Spuren der LSBTI-Szene Berlins zu wandeln.

Begleitet wurde Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler von einem absoluten Fachmann, was den Regenbogenkiez angeht: Florian Filtzinger führt eigene Stadtspaziergänge durch den Regenbogenkiez durch und wusste die eine oder andere spannende Anekdote zu erzählen.

MANEO – das schwule Anti-Gewalt Projekt

Herr Filtzinger ist jedoch nicht nur Stadtführer sondern auch verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit beim Berliner Anti-Gewalt-Projekt MANEO. Er gab interessante Einblicke in die Arbeit von MANEO.

Seit 1990 besteht MANEO als eigenständiges Projekt von Mann-O-Meter e.V. und ist das erfahrenste und bekannteste schwule Anti-Gewalt-Projekt in Deutschland.
Die Mitarbeiter beraten jährlich über 300 Betroffene von Gewalt, erfassen gegen Schwule gerichtete Gewalttaten und leisten gewaltpräventive Öffentlichkeitsarbeit. MANEO gehört zu den ganz wichtigen Organisationen der LSBTI Community, die hier im Regenbogenkiez ihren Sitz haben.

Am Fenster des Sitzes von MANEO erinnerten Bilder der Opfer an das Attentat auf die Diskothek „Pulse Club“ in Orlando/Florida, das sich erst wenige Tage zuvor am 12. Juni 2016 ereignet hatte. Der Anschlag auf den vorwiegend von Homosexuellen frequentierten Club, bei dem 50 Menschen getötet und mindestens 53 Menschen verletzt wurden, zeigt, wie wichtig der Kampf gegen Homophobie und Transphobie ist. Auch hier im Regenbogenkiez reagierten viele Menschen mit Bestürzung auf das Attentat, das sich gezielt gegen Mitglieder der LSBTI-Community richtete.

Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler rief die Kiezspaziergänger_innen auf, am Abend zur Mahnwache an der US-amerikanischen Botschaft am Pariser Platz zu kommen, um gemeinsam mit ihr ein Zeichen gegen Homophobie und Transphobie zu setzen.

Karl-Heinrich-Ulrichs-Straße

Auf Initiative der Bezirksverordnetenversammlung von Tempelhof-Schöneberg wurde die Einemstraße am 17. Dezember 2013 in Karl-Heinrich-Ulrichs-Straße umbenannt.
Der bisherige Namensgeber der Straße war Karl von Einem, Königlich Preußischer Kriegsminister von 1903 bis 1909. Nach den neuesten Erkenntnissen sind sein berufliches Handeln und Wirken sowie seine Grundeinstellungen zur Demokratie mit den heutigen Vorstellungen nicht mehr vereinbar. So forderte er in seiner Amtszeit u.a. die Vernichtung von homosexuellen Männern. Mit seinen Ansichten gilt er auch als Wegbereiter des Nationalsozialismus. Mit der Umbenennung wurde diesem Umstand Rechnung getragen.

Mit Karl Heinrich Ulrichs (1825-1895) erhielt die Straße den Namen des ersten bekannten Vorkämpfers für die rechtliche Gleichstellung von Homosexuellen. Der Jurist, Journalist und Verleger forderte bereits 1867 auf dem Deutschen Juristentag die Abschaffung antihomosexueller Gesetze.

Zurzeit bezieht sich die Umbenennung lediglich auf den Schöneberger Teil der Straße. Der andere Teil fällt in die Zuständigkeit des Bezirks Mitte. Dort haben Bürger_innen Widerspruch gegen die Umbenennung eingelegt. Über die Widersprüche ist noch nicht entschieden.

Gedenkstein „Rosa Winkel“

Nächster Halt des Kiezspazierganges war der Gedenkstein „Rosa Winkel“ am Gebäude des U-Bahnhofes Nollendorfplatz. Gastmoderator Florian Filtzinger machte einige Ausführungen dazu.

Der Gedenkstein erinnert an die Verfolgung schwuler Männer durch die Nationalsozialisten und wurde auf Initiative der Allgemeinen Homosexuellen Arbeitsgemeinschaft (AHA) und der Ökumenischen Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) 1989 am Bahnhofgebäude angebracht.

Die Aufschrift des Gedenksteins lautet:
„Totgeschlagen / Totgeschwiegen – Den homosexuellen Opfern des Nationalsozialismus“

1993 wurde unterhalb des Gedenksteins eine Bronzetafel mit folgender Erläuterung hinzugefügt:
„Der “Rosa Winkel” war das Zeichen, mit dem die Nationalsozialisten Homosexuelle in den Konzentrationslagern in diffamierender Weise kennzeichneten.
Ab Januar 1933 wurden fast alle rund um den Nollendorfplatz verteilten homosexuellen Lokale von den Nationalsozialisten geschlossen oder zur Anlegung von “Rosa Listen” (Homosexuellen-Karteien) durch Razzien missbraucht.“

Form und Farbe der Tafel aus rotem Granit, sind dem Rosa Winkel nachempfunden, den die KZ-Häftlinge als Stoffaufnäher auf der linken Brust ihrer Kleidung tragen mussten.

In der europäischen Schwulenbewegung der 1970er Jahre entwickelte sich der Rosa Winkel dann zu einem Symbol für Emanzipation und Selbstbewusstsein. 1975 gründete sich in Berlin der Verlag Rosa Winkel. Es war der erste Verlag, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg im deutschsprachigen Raum auf schwule Themen spezialisierte. Auch Regisseur und Autor Holger Mischwitzky soll bei der Wahl seines Künstlernamens von diesem Zeichen inspiriert worden sein: Rosa von Praunheim.

In den 1990er Jahren begann sich dann in Europa die Regenbogenfahne als Symbol der LSBTI-Bewegung gegen den Rosa Winkel durchzusetzen. Mit Erfolg muss man sagen: der Kiezspaziergang würde sonst nicht im „Regenbogenkiez“ stattfinden.

Weitere Stationen des Kiezspazierganges

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