Vom Baudenkmal Bärensiedlung bis zum Franckepark

Kiezspaziergang vom 19.03.2016 mit Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler

Tempelhof-Schöneberg ist ein lebendiger Bezirk zwischen Großstadt und Idylle. Bei dem März-Spaziergang zeigte Frau Schöttler eine weitere Facette dieses vielfältigen Bezirkes: Den Wirtschaftsstandort Tempelhof-Schöneberg.

Startpunkt des Kiezspazierganges war das Baudenkmal Bärensiedlung um den Oberlandgarten und den Germaniagarten. In unmittelbarer Nähe schließt sich das Industriegebiet Teltowkanal an. Der Streifzug durch das Industriegebiet führte dann in Richtung Tempelhofer Damm und endete am Franckepark.

Treffpunkt am Gedenkstein für Hatun Sürücü

Der 7. Februar 2005 hat sich in unser Gedächtnis gebrannt.
An diesem Tag wurde Hatun Sürücü an der Ecke Oberlandstraße/ Oberlandgarten von ihrem damals 18-jährigen Bruder Ayhan auf offener Straße mit drei Schüssen in den Kopf kaltblütig ermordet.

Hatun Sürücü musste sterben, weil sie ein eigenständiges und westlich orientiertes Leben führen wollte. Als Tochter einer streng religiösen und patriarchalisch geführten Familie wuchs sie in Berlin-Kreuzberg auf.

Sie wurde mit 16 Jahren von ihrer Familie in die Türkei zwangsverheiratet.
Die Ehe scheiterte und Hatun kehrte schwanger nach Berlin zur Familie zurück. Dort kam es immer wieder zu Konflikten, da sie das Kopftuch ablegen und das ganz normale Leben einer jungen westlichen Frau führen wollte. Hatun zog in eine eigene Wohnung, beantragte die deutsche Staatsangehörigkeit und begann eine Ausbildung als Elektroinstallateurin.

Für ihr freies Leben wurde sie von ihren Brüdern immer stärker bedrängt und beschimpft.

Seit Juni 2008 erinnert uns nun dieser Gedenkstein an Hatun Sürücü.

Start des Spazierganges in der Wohnanlage Germania- und Oberlandgarten

Errichtet wurde die Wohnanlage Germania- und Oberlandgarten 1929 bis 1931 von Gustav Hochhaus. Ursprünglich war das Gelände für Industrieansiedlungen bestimmt. In den 1920iger Jahren wurde sie dann für Wohnzwecke freigegeben.

Der Vorteil der Wohnanlage liegt in der städtebaulichen Disposition und rationellen Flächenausnutzung.
Gustav Hochhaus gelang es trotz hoher Bebauungsdichte, wohnliche Hofräume und Freiflächen zu schaffen. Insgesamt umfasst die Wohnanlage 882 Wohnungen unterschiedlicher Größen.

Keramikfiguren und der Bärenbrunnen

Über den Tordurchfahrten erblickt man männliche und weibliche Keramikfiguren, welche dunkelblau glasiert sind und symbolisch “Heim und Arbeit” darstellen.

Mitten in der Wohnanlage befindet sich der aus Muschelkalk bestehende Bärenbrunnen, der mit einem hübschen Zierplatz umpflanzt ist.
Entworfen wurde der Brunnen 1930 vom deutsch-amerikanischen Bildhauer Lipmann-Wulf.

Märchenbrunnen

Ein Hof weiter befindet sich im Germaniagarten 1-3 der Delphinbrunnen. Dieser 1930 entworfene Brunnen wird heute als Märchenbrunnen bezeichnet.
Zu den Schöpfern in der expressionistischen Brunnenarchitektur gehören der Architekt Gustav Hochhaus und der Bildhauer Hans Lehmann-Borges.

Wirtschaftsstandort Tempelhof-Schöneberg

Beim März-Kiezspaziergang stellte die Bezirksbügermeisterin eine ganz neue Seite des Bezirkes vor – den Wirtschaftsstandort Tempelhof-Schöneberg.

Der Bezirk Tempelhof-Schöneberg gehört zu den wichtigsten Industriestandorten Berlins und versucht diese dauerhaft weiter zu entwickeln.

Entlang der Oberlandstraße lernten die Spaziergänger_innen einige Wirtschaftsunternehmen genauer kennen.

Berliner Union Film

Der nächste Halt war die in der Oberlandstraße 26-35 sitzende Berliner Union-Film GmbH & Co. KG, mit anschließender Führung des Geschäftsführers über das Gelände.

Das Gelände wurde 1925 von der Ufa übernommen. Es war das Zentrum der Ufa-Produktion, bevor diese nach Babelsberg gegangen ist.
Hier wurden u.a. auch einige Szenen für „Der blaue Engel“ mit Marlene Dietrich und Emil Jannings aufgenommen.

Der ZDF produzierte ab 1964 Sendungen wie „Kennzeichen D“, ,„Aspekte“ oder „Hitparade“ auf dem Areal.
Heute werden die insgesamt 5 Studios von dem jetzigen Betreiber, der Berliner Union-Film GmbH, an Produzenten von Spielfilmen, TV-Formaten oder Werbespots vermietet.

Bahlsen Produktionsstandort Berlin

Weiter ging der Kiezspaziergang zum Bahlsen Produktionsstandort in der Oberlandtraße 91.

Hermann Bahlsen hat die Hannoversche Cakes-Fabrik H. Bahlsen im Jahr 1889 gründet. Heute arbeiten weltweit 2.599 Angestellte für das Unternehmen.

Das Wort “Keks” wurde von einem Mitglied der Familie Bahlsen erfunden.
Der berühmte Leibnizkeks der Firma Bahlsen kam im Jahr 1891auf den Markt und wurde nach dem Universalgenie Wilhelm Gottfried Leibniz benannt.

Das Werk in Berlin wurde 1967 eröffnet. Produziert werden in diesem Werk jedes Jahr rund 29.000.000 kg Gebäck, das entspricht mehr als 407.000.000 Kekspackungen.

Gillette Werk Berlin

Nur ein paar Schritte weiter befindet sich in der Oberlandstraße 75 das Gillette Werk Berlin.

Wer sich mit einer Rasierklinge von Gillette rasiert, kann sich sicher sein, dass die Klinge aus diesem Werk stammt. Denn dies ist das bedeutendste Produktionszentrum für Gillette-Systemklingen in Europa.

Der Rasierklingenhersteller Roth-Büchner wurde 1932 von der damaligen Gillette Company übernommen.
Procter & Gamble übernahm das Werk im Jahr 2005. Heute wird hier die beeindruckende Zahl von einer Milliarde Klingen pro Jahr hergestellt.

Gillette ist mit knapp 1.000 Beschäftigten einer der bedeutendsten Arbeitgeber und wichtigsten Exporteure Berlins.

Chemische Fabrik Tempelhof

Der nächste Halt befand sich in der Oberlandstraße 52 bei der Chemischen Fabrik Tempelhof, welche 1992 ihre Produktion von medizinischen Präparaten und den Betrieb von Arzneimittelversand einstellen musste.

Heute beherbergt das Gebäude kleine Gewerbebetriebe und das Bahlsen-Outlet.

Portalkran in der Teilestraße

Ein Stück weiter die Komturstraße runter befindet sich der Portalkran in der Teilestraße.
Die Anlage diente, in der damaligen wirtschaftlichen Nutzung des Teltowkanals als Wasserstraße, dazu Kohle von den Schiffen umzuladen.

1935 wurde der Portalkran von der Demag AG Duisburg nach Plänen des Ingenieurs Appenzeller errichtet.
Voraussetzung für den Erbau des 22 Meter hohen Krans war ein stabiles Fundament für die vordere Schiene. Für diese war ein etwa 12 Meter hoher Betonunterbau parallel zum Ufer des Teltowkanals notwendig.
Die Krananlage konnte anschließend auf Schienen von einer Länge von 233 Meter parallel zum Teltowkanal bewegt werden.

Weiter geht es in Richtung Wenckebach-Krankenhaus

Kiezspaziergänger

Wenckebach-Krankenhaus

In der Albrechtstraße befindet sich der Seiteneingang des Wenckebach-Krankenhauses.

Entworfen wurde das heutige Krankenhaus um 1875 als Militärlazarett.
Das Kriegsministerium befürwotete den Bau des Lazaretts an dem heutigen Standort, da es verkehrstechnisch gut erreichbar war und durch einen Anschluss an die Berliner Pferdebahn die erkrankten und verletzten Soldaten mit eigens eingerichteten Pferdebahnwagen zum Lazarett gebracht werden konnten.

Die schönen Backsteinbauten ergeben zusammen mit den parkartig gestalteten Außenanlagen ein harmonisches Bild.

1945 wurde aus dem im Zweiten Weltkrieg kaum beschädigte Lazarett ein städtisches Krankenhaus.
Benannt wurde es 1951 nach dem bedeutenden niederländischen Kardiologen Karel Frederik Wenckebach. Vor dem Verwaltungsgebäude erinnert heute eine Büste an ihn.

1981-98 entwarfen Friedrich Karl Borck, Mathias Boye und Dietrich Schaefer mehrere Untersuchungs- und Behandlungsgebäude, die heute ergänzend um die alten Gemäuer vorzufinden sind.

Franckepark

Der großzügige Park ist ungefähr sechs Hektar groß und wird durch die Albrechtstraße und die Templerzeile begrenzt.

Ursprünglich gehörte das Gelände Theodor Francke, dem Kaufmann und Besitzer einer Elfenbeinbleicherei, der sich dort einen Park anlegen ließ. 1924 verkauften seine Erben den Park an die Stadt Berlin.

Da der Park im zweiten Weltkrieg zahlreiche Schäden erlitt, wurde er von 1954 bis 1955 wiederhergestellt.

Heute gibt es auf dem hügeligen Gelände einen Rosengarten mit Taxushecken, Sitzmöglichkeiten, einen Pavillon mit der Plastik eines sitzenden Knabens und einen Kinderspielplatz.

Die besondere Attraktion des Francke-Parks ist ein Tiergehege für Dammwild mit zwei Aussichtspunkten, das viele große und kleine Tierfreunde_innen anzieht.
Die Tiere im Damwildgehege dürfen jedoch nicht gefüttert werden!
Im vergangenen Jahr verstarb trotz tierärztlicher Behandlung unerwartet ein Hirsch wegen falscher Fütterung.

Verabschiedung

Bezirksbügermeisterin Angelika Schöttler veranschiedete sich von allen Kiezspaziergängern:

“Wir sind am Ende des Spazierganges und ich danke, dass Sie mich bis hierher begleitet haben. Der nächste Spaziergang findet wie immer am 3. Samstag im Monat, also am 16. April statt. Der Spaziergang wird uns voraussichtlich durch den Ortsteil Lichtenrade führen. Die Einzelheiten dazu werden Ihnen natürlich wie immer rechtzeitig per Email oder per Post mitgeteilt.

Kommen Sie gut nach Hause! “