Hinter Friedenauer Türen

20.02.2016

Kiezspaziergang vom 20.02.2016 mit Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler und der der Friedenau-Kennerin Gudrun Blankenburg

Sehr geehrte Damen und Herren,

bevor wir mit unserem Kiezspaziergang beginnen, möchte ich noch etwas Organisatorisches ansagen.

Bisher haben wir Ihre E-Mailanschriften immer den Ihnen bekannten Listen entnommen. Manchmal haben sich dann im Übertrag doch kleine Fehler eingeschlichen und Einzelne haben keine Einladung erhalten. Daher haben wir jetzt umgestellt und bieten Ihnen die Möglichkeit, sich im Internet bei unserem Kiezspaziergang-Newsletter anzumelden, um eine Einladung per E-Mail zu erhalten. Alle uns bisher bekannten E-Mailadressen haben wir bereits im Verteiler des Newsletters aufgenommen. Sie bekommen die Einladungen automatisch zugeschickt! Wer aber bisher noch keine Einladungen per E-Mail erhalten hat, dies aber möchte, kann sich gerne anmelden. Meine Mitarbeiterinnen haben die Visitenkarten mit der entsprechenden Internetadresse dabei!

Wer über keinen Internetzugang verfügt, bekommt die Einladungen natürlich gerne weiterhin per Post. Neuanmeldungen für Einladungswünsche per Post, nimmt mein Büro natürlich auch gerne entgegen.

So jetzt geht es aber mit dem Kiezspaziergang richtig los!

Liebe Kiezspaziergängerinnen und Kiezspaziergänger,

ich begrüße Sie alle ganz herzlich zu unserem ersten Treffen in 2016. Ich hoffe, Sie hatten alle eine gute Zeit und blicken hoffnungsvoll in das junge Neue Jahr. Ich bin sicher, dass wir auch dieses Jahr wieder gemeinsam viele schöne Orte in Tempelhof-Schöneberg näher kennenlernen werden.
Ich freue mich, dass wir die Friedenau-Kennerin Gudrun Blankenburg für den heutigen Spaziergang gewinnen konnten. Viele Jahre hat Frau Blankenburg Gruppen durch den Kiez geführt und ihr Buch „Künstlerort und Wohnidyll – Die Geschichte eines Berliner Stadtteils“ liest sich wirklich spannend. Aus ihrem Erfahrungs- und Wissensschatz wird sie heute berichten und mit uns auch „hinter einige Türen Friedenaus“ schauen.

In Friedenau ist die Literatur zuhause. Man könnte meinen, dass hier die Luft „Kultur atmet“. Über das Wirken und Leben der Künstlerinnen und Künstler hier im Kiez gibt es vieles zu erfahren.
Bevor wir uns auf den Weg machen, möchte ich Ihnen aber ein paar Eckdaten zu Friedenau und dem hiesigen Rathaus historisch und heute benennen.

Die Entstehung von Freidenau

Friedenau ist noch ein junger Bezirk, er wurde erst in wilhelminischer Zeit begründet.
Es war die Vision des Kaufmanns Johann Anton Wilhelm von Carstenn, dem wir die Besiedelung des heutigen Friedenaus zu verdanken haben. Seine Idee von einem lebenswerten Ort ging auf und hat noch bis heute Bestand.
Im Jahre 1865 kaufte er das Rittergut Deutsch-Wilmersdorf und Ländereien,
um eine Landhauskolonie nach seinen Vorstellungen zum Leben zu erwecken. Mithilfe des am 9. Juli 1871 gegründeten „Landerwerb- und Bauverein auf Aktien“, der sich aus siedlungswilligen Bildungsbürgern zusammensetzte, konnte seine Idee von Landhäusern mit viel Grün und großstädtischem Flair umgesetzt werden.

Das Rathaus Friedenau

Durch den rasanten Bevölkerungsanstieg und der damit wachsenden kommunalen Aufgaben wurde der Bau des Rathauses Friedenau notwendig.
Das vom Architekten Hans Altmann 1913 entworfene Rathaus Friedenau wurde
1916 fertig gestellt und 1917 – also noch während des Ersten Weltkrieges – feierlich eröffnet. Stilistisch greift der historisierende Baustil vor allem Elemente des Neo-Barock auf. Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Rathaus erheblich beschädigt und zwischen 1950-1956 wieder aufgebaut.
Bisher wurde es, wie Sie wissen, vom Bezirk Tempelhof-Schöneberg für die Erfüllung kommunaler Aufgaben genutzt. Aufgrund der hohen Kosten hat der Bezirk das Rathaus Friedenau, an dem wir historisch natürlich auch hängen, 2013 bereits an das Land Berlin abgegeben. Bis Ende Januar wurde es noch vom Jugendamt genutzt. Ich selber habe in meiner Zeit als Stadträtin für Jugend, Sport und Quartiersmanagement hier von 2002 bis 2011 gearbeitet und weiß die tolle Anbindung hier im Friedenauer Kiez zu schätzen.

Wie Sie wahrscheinlich wissen, wird das Rathaus Friedenau ab sofort als neuer Standort für eine Flüchtlingsunterkunft genutzt.Anfänglich soll es als Notunterkunft genutzt werden und dann als Gemeinschaftsunterkunft für 400 Menschen zur Verfügung gestellt werden. Wer hier einzieht, wird vom Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) festgelegt. Geplant ist hier, besonders schutzbedürftige Personen unterzubringen. Zunächst werden auch Familien einziehen. Ich weiß, dass sich für die Anwohnerinnen und Anwohner hieraus viele Fragen ergeben, dass Ängste da sind, aber auch viele Menschen helfen wollen. Die Not der Geflüchteten ist groß und Berlin verfügt einfach über zu wenig Standorte, sodass es gut ist, dass das Rathaus Friedenau hier Obdach bieten kann.

Der Breslauer Platz

Aktuell ist natürlich auch der lang ersehnte Umbau des „Breslauer Platzes“ vor dem Rathaus Friedenau. Es war ein langer Prozess und kein einfacher.
Politischer Wille und die Umsetzung dessen, sind manchmal eine schwierige Aufgabe und es war ärgerlich, dass der Bau des Platzes so schleppend vorangegangen ist. Auf Einzelheiten will ich hier an dieser Stelle nicht eingehen.
Im Ergebnis ist jedenfalls festzustellen, dass der Breslauer Platz einschließlich der Lauterstraße jetzt nun fertig gestellt ist und die ursprüngliche Planung der Büger_innen und „Initiative Breslauer Platz“ endlich umgesetzt wurde.
Hierüber freue ich mich sehr.

Der Markt auf dem Breslauer Platz

Endlich ist nun ein geschlossener Platz ohne Stolperkanten für Fußgängerinnen und –gänger und für den Markt entstanden. Es ist ein schöner Markt, der hier dreimal in der Woche – am Mittwoch, am Donnerstag und am Sonnabend – stattfindet. Er bildet das Herz von Friedenau. Der Platz kennt eine lange Markttradition, auf die Gudrun Blankenburg nun nochmal näher eingehen wird und anschließend hier mit uns in das Friedenau der Literaten und Künstlerinnen startet.

Gudrun Blankenburg stellte als erstes die Geschichte des Wochenmarktes auf dem Breslauer Platz dar. Seit 1881, als Friedenau noch eine kleine, gerade gegründete Landhauskolonie war und es an Läden, Schulen und sonstiger Infrastruktur mangelte, stoppten die Gemüsebauern, die aus Brandenburg auf ihrem Weg über die Reichsstraße 1 (heute B1) in die Reichshauptstadt zogen, um dort ihre Ware loszuwerden, schon am Lauterplatz (heute Breslauer Platz) und fanden im jungen Friedenau reißenden Absatz für ihre Waren. Somit ist der Wochenmarkt vor dem Rathaus Friedenau heute einer der ältesten Wochenmärkte von Berlin. Alle bekannten Persönlichkeiten, die in Friedenau gelebt und gearbeitet haben, kauften ihr Obst und Gemüse auf diesem Markt: Rosa Luxemburg, der junge Theodor Heuss, Erich Kästner, Hans Magnus Enzensberger, Günter Grass, Uwe Johnson, Max Frisch und viele andere mehr.

Start des Spazierganges in der Niedstraße

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Haus 5

Vor dem Haus Niedstraße 5 erfuhr die Besuchergruppe, dass Erich Kästner in diesem Haus in der Wohnung seiner Sekretärin Elfriede Mechnig ein Arbeitszimmer hatte. Dort lief seine Korrespondenz zusammen und Elfriede Mechnig tippte seine Texte in die Schreibmaschine.

Haus 6

Die Hauseigentümerin der Niedstraße 6 ließ die vielen Besucher sehr gern in ihren Hausflur eintreten. Das historisch gut erhaltene Treppenhaus symbolisiert noch heute die typische Ausgestaltung eines großbürgerlichen Mietshauses um 1900. Als das Wohnen in der selbständigen Landgemeinde Friedenau außerordentlich attraktiv wurde, erlaubte man auch das Bauen von drei- und vierstöckigen Mietshäusern. Viele Backsteinvillen wurden darauf hin zugunsten höherer Rendite abgerissen und ertragreiche Mietshäuser auf demselben Grundstück gebaut.

Haus 8

Vielen war der Spielplatz und der Garten mit kleinem Tiergehege in der Niedstraße 8 unbekannt. Auf diesem Grundstück befand sich bis in die 1970er Jahre die 1. Gemeindeschule von Friedenau. Als diese zu klein und abgerissen wurde, bekam Friedenau einen Ersatzschulbau in der Illstraße, die Fläming-Grundschule.

Haus 13

Die Landhausvilla Niedstraße 13 war seit 1963 bis zum Anfang der 1980er Jahre Wohn- und Arbeitsort des Literaturnobelpreisträgers Günter Grass und seiner Familie. Das Haus von 1881 ist eines der frühesten Friedenauer Bauwerke und steht unter Denkmalschutz.

Haus 14

Gleich drei prominente Persönlichkeiten wohnten im Haus Niedstraße 14. Um 1910 lebte der sozialdemokratische Theoretiker und Herausgeber der ‘Neue Zeit’ Karl Kautsky mit seiner Frau Luise Kautsky und seinen drei Jungen in dem mehrstöckige Wohnhaus. 1911 zog der Gründer der Künstlergemeinschaft ‘Die Brücke’, der expressionistische Maler Karl Schmidt-Rottluff, in das Atelier unterm Dach. Uwe Johnson, der Schriftsteller, machte sich 1959, nur mit einer Schreibmaschine und dem Buchmanuskript ‘Mutmassungen über Jakob’ unterm Arm, aus der DDR auf nach West-Berlin und bezog das Maleratelier mit seiner Familie. Im selben Jahr wurde der Roman der Bestseller auf der Frankfurter Buchmesse.

Weiter geht es in der Handjerystraße

Haus 85

Und wieder wurde der Gruppe auf freundliche Weise eine weitere Haustür in der Handjerystraße von einem Bewohner geöffnet. Der liebevoll gestaltete Gartenhof, der nach den Schäden des Krieges wieder von den Hausbewohnern in seinen Originalzustand versetzt wurde, ist eine Oase mit Blick auf den Rathausturm. Hier befindet sich die schönste Dachterrasse von Friedenau, auf der im Herbst sogar Weintrauben und Äpfel geerntet werden.

Gedenkschwelle

An der Gedenkschwelle für die segensreiche Arbeit der Gossner Mission in der Handjerystraße, die in der Zeit der großen Bedrängnis durch das Hitler-Regime auch Juden geholfen hat, wurde inne gehalten.

Haus 94

Große Begeisterung rief die außergewöhnliche Gestaltung des Gartenzauns um das Haus Handjerystraße 94 hervor. Der Bildhauer Jörg Funhoff, Bewohner des Hauses, hat ihn gestaltet. Durch die freundlich geöffnete Haustür trat die Gruppe in einen nach historischem Vorbild bemalten Hausflur ein und stand staunend im Hof, der an allen Fassadenseiten außergewöhnlich geschmückt ist. Scherben, Kachelstücke, Spielzeugfiguren und bunter Abfall sind hier in genialer Weise zum Kunstwerk an den Hofwänden zusammengesetzt und zeigen den künstlerischen Geist der Hausgemeinschaft, die das schwer kriegsbeschädigte Haus zu neuem Leben erweckt hat.

Endpunkt des Spazierganges

Der Endpunkt der Führung war die Friedrich-Bergius-Schule am Perelsplatz, der benannt ist nach dem Friedenauer Widerstandskämpfer Friedrich Justus Perels. Den Geist des 1. Friedenauer Gymnasiums erkennt man heute noch an der Inschrift über dem Schultor: ‘Wie die Saat, so die Ernte’. Gudrun Blankenburg wies auf das einmalige Schul- und Stadtteilmuseum Friedenau hin, das 2010 von der Schülerschaft in der Friedrich-Bergius-Schule ins Leben gerufen wurde und mit wertvollen Exponaten, wie Postkarten, Briefen, Akten und Alltagsgegenständen die Geschichte von Friedenau erstehen lässt.
Nach dem Hinweis auf die Gedenkstele, die sich in der Handjerystraße auf dem Grundstück der Schule befindet und sowohl Martin Luther als auch Bismarck darstellt, endete der Kiezspaziergang mit Frau Blankenburg und Frau Schöttler übernimmt noch einmal das Wort.

Danksagung und Verabschiedung durch Frau Schöttler

Ich bedanke mich recht herzlich bei Frau Blankenburg für diesen spannenden und informativen Kiezspaziergang.
Ich denke hier spreche ich im Namen aller – Danke liebe Gudrun Blankenburg.

Das Ziel des nächsten Kiezspazierganges steht noch nicht ganz fest, aber Sie werden natürlich rechtzeitig darüber informiert.

Zum Abschluss möchte ich Sie gerne auch noch auf die Veranstaltungsreihe „Frauenmärz in Tempelhof-Schöneberg“ aufmerksam machen. Es wird wieder viele interessante und unterhaltsame Veranstaltungen unter dem Motto „Weibs Bilder“ geben. Die Veranstaltungen sind alle kostenfrei und ein Besuch lohnt sich wirklich!
Ich würde mich freuen, Sie auch dort begrüßen zu können.
Informationen hierzu finden Sie auch hier im Internet. Wir haben aber auch Flyer dabei.

Ich werde nun anschließend zum Kiezspaziergang in das angenehme Restaurant Medusa gehen und würde mich freuen, wenn auch sie Lust haben mich zu begleiten, um den Nachmittag schön ausklingen zu lassen.

Ansonsten kommen Sie gut nach Hause. Bis bald und auf Wiedersehen.