Schöneberger Insel

20.06.2015

25. Kiezspaziergang am 20.06.2015

Bildvergrößerung: Die Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler begrüßt die Teilnehmer_innen zum 25. Kiezspaziergang
Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler begrüßt die Teilnehmer_innen zum 25. Kiezspaziergang

Sehr geehrte Damen und Herren,
Liebe Bürgerinnen und Bürger,

ich freue mich Sie zum 25. Kiezspaziergang begrüßen zu dürfen. Schön zu sehen, dass wieder so viele bekannte Gesichter dabei sind. Einige von Ihnen werden sich sicherlich noch an den 3. Kiezspaziergang erinnern.

Auf unserer Route über die Rote Insel haben wir damals im März 2013 die „Lebenslinien“ einiger Frauen kennengelernt, wie Annedore Leber, Hildegard Knef, Rosa Luxemburg, Hertha Block und Marlene Dietrich.

Weitere Ziele des damaligen Kiezspazierganges waren unter anderem das EUREF-Gelände (ehemaliger Gasometer) und der Gedenkort für Annedore und Julius Leber, an dem unser heutiger Kiezspaziergang enden wird. Der Bahnhof Berlin Südkreuz befindet sich gleich in der Nähe.

Wie Sie bei unserem heutigen Kiezspaziergang sehen werden, hat sich in dem Kiez, den wir heute besuchen, in den vergangen zwei Jahren einiges getan. Das EUREF-Gelände wächst stetig und zieht mehr und mehr innovative Unternehmen an.

Erst vor kurzem ist der Grünzug zwischen Cheruskerdreieck und Torgauer Straße eröffnet worden. Ich freue mich, Ihnen diese positiven Entwicklungen in unserem Bezirk in den kommenden zwei Stunden zeigen zu dürfen.

Torgauer Straße / Schöneberger Gasometer / EUREF-Gelände

Bildvergrößerung: Der Gasometer
Der Gasometer

Die markanteste Landmarke der Roten Insel und ihr architektonisches Wahrzeichen ist der 1910 errichtete Riesengasometer. Er ist über 50 Meter hoch und konnte ursprünglich bis zu 160.000 m³ Stadtgas speichern, das seinerzeit zur Beleuchtung von Straßen und Wohnungen sowie zum Heizen und Kochen genutzt wurde.
Das Außengestell des Gasometers wurde nach seiner Stilllegung (Anfang der 1990er Jahre) unter Denkmalschutz gestellt.

Nachdem viele Jahre lang erfolglos nach einer sinnvollen Nachnutzung des Geländes gesucht wurde, verkaufte die GASAG das Gelände an die EUREF AG.

Der Investor entwickelt, auf dem EUREF-Campus die Vision der „Intelligenten Stadt“ der Zukunft.

Der ca. 5,5 Hektar große EUREF-Campus um den Gasometer in Berlin-Schöneberg ist Impulsgeber für die Energiewende in Deutschland und Standort für Unternehmen aus den Bereichen Energie, Nachhaltigkeit, Umweltschutz und Mobilität. Das mehrfach ausgezeichnete intelligente Stadtquartier erfüllt bereits heute die Klimaziele der Bundesregierung von 2050.

Im Frühjahr 2013 wurde der Neubau „EUREF-Campus 12-13” fertig gestellt. Das LEED-Platin-zertifizierte Green Building steht exemplarisch für die hohe Büroqualität auf dem EUREF-Campus und verfügt über energiesparende Dämmstoffe, dreifach verglaste Fenster mit integriertem Sonnenschutz und intelligente Fassaden.

Die Bürobeleuchtung wird nach Anwesenheit und Tageslicht automatisch geregelt. Bei der Auswahl der Materialien wurde auf eine möglichst große Gesundheits- und Umweltverträglichkeit geachtet.

LEED, oder auch Leadership in Energy & Environmental Design, ist das international meistgenutzte Programm für nachhaltiges Bauen, das täglich mehr als 1,5 Millionen qm Geschossfläche in 135 Ländern zertifiziert.

Im Februar 2014 haben die Bautätigkeiten für EUREF-Campus 14 begonnen. Direkt neben EUREF-Campus 12-13 entstehen hier bis Ende 2015 rund 7.000 qm Geschossfläche für Büronutzung.

Auch dieser Neubau wird zukünftig an das “Micro Smart Grid” des EUREF-Campus angeschlossen. Die durch moderne Baustoffe und fortschrittliche Gebäudetechnologien optimierte Energienutzung gewährleistet niedrige Betriebskosten für den Mieter.

Das gesamte Gebäude ist übrigens voll an die Deutsche Bahn vermietet. Genutzt werden die von der Deutschen Bahn AG angemieteten Flächen von der Konzerntochter DB International GmbH, dem internationalen Ingenieur- und Beratungsbüro der Deutschen Bahn.

Und auch der weltweit führende IT-Anbieter Cisco hat sich für den EUREF-Campus als Standort für sein neues Innovationszentrum entschieden. Der Technologieriese aus San Francisco investiert rund 27 Mio. EUR in den neuen Berliner Standort und wird voraussichtlich noch in diesem Jahr mit seiner Ideenschmiede für das “Internet of Everything” und insgesamt 150 Arbeitsplätzen in das innovative Stadtquartier um den Schöneberger Gasometer ziehen.

Seit dem Wintersemester 2012/13 bietet die Technische Universität Berlin international anerkannte Masterstudiengänge für bis zu 180 Studierende auf dem TU-Campus EUREF an.

Die Studiengänge beziehen sich auf die Bereiche Energie, Bauen, Architektur, Immobilien, Verkehr, Technik und Wirtschaft.

Und natürlich ist der Gasometer der Ort, von dem jeden Sonntag der ARD-Polit-Talk mit Günter Jauch ausgestrahlt wird. Sie werden sicherlich alle wissen, dass Günter Jauch zum Jahresende seinen Rückzug angekündigt hat.

Ich bin mir jedoch sicher, dass der Gasometer auf dem Berliner EUREF-Campus auch nach dem Rückzug von Günter Jauch ein gefragter Veranstaltungsort bleibt.

Ost-West Grünzug

Bildvergrößerung: Der Ost-West Grünzug
Der Ost-West Grünzug

In einem dicht bebauten Innenstadtbezirk mit einem gewachsenen Gebäudebestand ist es naturgemäß schwer, die urbane Qualität der Wohnquartiere aufzuwerten.
Für neue Grünanlagen fehlen in der Regel die notwendigen Flächen.

Aber auch kleine oder sehr schmale Flächen können grün gestaltet werden. Solche Grünzüge haben viele Vorteile. Sie verbinden nicht nur größere Grünflächen, sondern auch voneinander getrennte Stadtquartiere. Sie laden zum Verweilen ein oder bieten Radfahrern gute Möglichkeiten.

Vor etwa drei Wochen wurde der Grünzug zwischen Cheruskerdreieck und Torgauer Straße eröffnet. Dieser Teilabschnitt des Grünzuges Schöneberger Schleife verbindet den Ost-West-Grünzug über den Anschluss an dem nördlich gelegenen Cheruskerpark und dem Wannseebahngraben mit dem Park am Gleisdreieck.

Die südliche Begrenzung bildet die Torgauer Straße entlang der Ringbahn zwischen Cheruskerpark und Naumannstraße. Von hier führt ein geschwungener Weg bis zur Kreuzung Torgauer, Naumann- und Wilhelm-Kabus-Straße.

Bildvergrößerung: Hier ist der Radweg mit begleitendem Fußweg zu erkennen
Hier ist der Radweg mit begleitendem Fußweg zu erkennen

Einzelne Aktivitätsbereiche mit Geräten zum Training von Balance und Mobilität sind in eine modellierte Rasen- und Wiesenlandschaft eingebettet.
Ein kleines Plateau mit Sitzplatz markiert den ehemaligen Abzweig einer Bahntrasse. Im Westen, mit größtmöglichem Abstand zur Wohnbebauung, endet der Mobilitätsparcours mit einem Streetballplatz.

Zwischen Cheruskerstraße und der geplanten Zufahrt zum EUREF-Campus, dem ehemaligen GASAG-Gelände, wurde die Straße aufgehoben und zu einem Radweg mit begleitendem Fußweg umgebaut.

Als Erweiterung des Cheruskerparks ist hier wegbegleitend auf früher versiegelten Gewerbeflächen eine großzügige Wiese entstanden. Sie ist durch einen sanft ansteigenden Hang mit dem alten Teil des Parks verbunden. Der Hang mündet in einem kleinen Aussichtsplatz mit Schachtischen.

Bänke und Schmuckpflanzungen bieten Erholung. Eine Reihe von Bewegungstrainern lädt zum Fitnesstraining ein. Der vorhandene Kinderspielplatz an der Cheruskerstraße wurde durch Stichwege mit dem neuen Parkteil verbunden und um weitere Angebote am Rand der großen Wiese ergänzt. Dazu gehören Tischtennisplatten, eine Boulebahn und ein Hängemattenhain.

Mobilitätseingeschränkte Besucher können sich auf den Hauptwegen sicher bewegen. Alle Querungen von Straßen und Radwegen sind durch taktile Elemente betont und gut einsehbar.

Begonnen hat die Maßnahme 2012 mit dem Rückbau der Gewerbeflächen und dem Aushub des kontaminierten Bodens. Bei unserem Kiezspaziergang im März 2013 haben wir noch Teile der Gewerbeflächen gesehen. Heute können wir Parkflächen mit einem hohen Freizeit- und Aufenthaltswert bestaunen.

Wir werden unseren Kiezspaziergang jetzt fortsetzen und zur Königin-Luise-Gedächtniskirche laufen. Dort wird uns Pfarrer Hansen empfangen und uns die Kirche zeigen. Auf dem Weg dorthin werden wir an den beiden Gedenktafeln für Hildegard Knef und Marlene Dietrich Halt machen.

Leberstraße 65/ Marlene Dietrich

Bildvergrößerung: Das Geburtshaus von Marlene Dietrich
Das Geburtshaus von Marlene Dietrich

Hier am Geburtshaus von Marlene Dietrich hängt eine Tafel des Berliner Gedenktafel-Programms.

Diese Gedenktafeln sollen vor allem an Menschen erinnern, deren Wirken untrennbar mit der Geschichte der Stadt Berlin verbunden ist.

Die Tafeln werden durch die GASAG gesponsert und wissenschaftlich begleitet von der Historischen Kommission Berlin.

Die Porzellantafeln werden nach einem prämierten Entwurf des Grafikdesigners Wieland Schütz exklusiv von der Königlichen Porzellan Manufaktur (KPM) angefertigt.

Bildvergrößerung: Eine weitere Gedenktafel zu Marlene Dietrich
Eine weitere Gedenktafel zu Marlene Dietrich

Geboren 1901 begann sie ihre Karriere als Schauspielerin am Theater und in Stummfilmen in den „goldenen Zwanzigern“ in Berlin.

Der Aufstieg zur international bekannten Künstlerin gelang ihr 1930 durch die Hauptrolle in dem Film „Der Blaue Engel“. Anfang der 1930er Jahren ging sie in die USA, wo sie an der Seite von Gary Cooper das Drama „Marokko“ (1930) drehte.

Für diese Rolle erhielt sie eine Oscar-Nominierung als beste Hauptdarstellerin.
Damit war und ist sie ist eine der wenigen deutschsprachigen Künstlerinnen, die auch international Ruhm erlangten.

Typisch für sie waren ihre langen Beine, ihre tiefe und rauchige Stimme. Nicht zu vergessen die von ihr getragenen Hosenanzüge, wodurch dieses Kleidungsstück in den 1930er Jahren für Frauen salonfähig wurde.
Während der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland weigerte sich die Schauspielerin, die NS-Propaganda zu unterstützen.

Stattdessen engagierte sie sich während des Zweiten Weltkrieges bei der amerikanischen Truppenbetreuung, indem sie für die amerikanischen Soldaten sang und verwundete in Lazaretten besuchte.

Im Jahr 1947 verlieh ihr der damalige Präsident der Vereinigten Staaten Harry S. Truman die Freiheitsmedaille.

Marlene Dietrich starb am 06. Mai 1992 in Paris.

Wir gehen jetzt weiter bis zur Leberstraße 33. Dort erinnert eine Gedenktafel an Hildegard Knef.

Leberstraße 33/ Hildegard Knef

Über Hildegard Knef muss ich nicht so viel erzählen, ihr Leben und Wirken ist allgemein bekannt.

Lassen Sie mich aber soviel berichten:
Sie wurde 1925 in Ulm geboren und zog als Kleinkind mit ihrer Mutter nach Berlin.

Ihre künstlerische Karriere begann 1945 mit Auftritten im Kabarett sowie im Theater.
1946 spielte sie in dem ersten deutschen Nachkriegsfilm „Die Mörder sind unter uns“ und wurde damit international bekannt. Sie wurde zum ersten deutschen Nachkriegsstar.

Am 01. August 1948 war sie das Titelmädchen auf der ersten Ausgabe der neuen Illustrierten Stern.

Anfang 1948 ging sie in die USA. Dort lernte sie auch Marlene Dietrich kennen.
1950 wurde sie US-amerikanische Staatsbürgerin.

Um den Film „Die Sünderin“ zu drehen, kam sie im Jahr 1950 zurück nach Deutschland.
Dieser Film verursachte aufgrund einer Nacktszene einen öffentlichen Skandal.

Als Sünderin geächtet floh sie umgehend nach Hollywood zurück, um für die Filmfirma 20th Century Fox, bei der sie unter Vertrag stand, eine Reihe von Filmen zu drehen.

1955 debütierte sie am Broadway in dem Musical „Silk stockings“.
Hildegard Knef erhielt viele Ehrungen und Anerkennungen für ihr Lebenswerk.
Sie starb am 01. Februar 2002.

Und nun gehen wir weiter zur Königin-Luise-Gedächtniskirche.

Königin-Luise-Gedächtnis-Kirche

Die Königin-Luise-Gedächtniskirche ist die einzige evangelische Kirche auf der „Roten Insel“.

Mit dem achteckigen Grundriss und der markanten neobarocken Kuppel prägt der Kirchenbau das Bild des gesamten Gustav-Müller-Platzes. Vor allem wegen der Kuppel wird die Kirche„Käseglocke“ genannt.

Die Kirche wurde 1912 anlässlich des 136. Geburtstages der Königin Luise von Preußen eingeweiht. Die Namensgebung war, zeitgenössischen Quellen zufolge, in den ersten Jahren der neuen Kirchengemeinde unter deren Mitgliedern nicht unumstritten.

Das lag daran, dass sich in der Gemeinde zwei Parteien gegenüber standen:
Auf der einen Seite eher konservative und kaisertreue Mitglieder, auf der anderen Seite eher liberale Mitglieder.

Dies entsprach der sozialen Struktur der „Roten Insel“ zur Kaiserzeit:
Der Kiez war einerseits Standort einer preußischen Armeeeinheit, auf der anderen Seite sympathisierte ein großer Teil der Bevölkerung offen mit der Sozialdemokratie.
Heute sind in der Königin – Luise – Gedächtniskirche die beiden evangelischen Gemeinden Königin-Luise-Gemeinde und Silas-Gemeinde beheimatet.

Friedrich Naumann / Naumannstraße 24 - Gedenktafel

Bildvergrößerung: Die Gedenktafel von Friedrich Naumann
Die Gedenktafel von Friedrich Naumann

Friedrich Naumann lebte von 1860 bis 1919.
Er war evangelischer Theologe und ein liberaler Politiker zur Zeit des Kaiserreichs.
Naumann war der Mittelpunkt eines liberalen Gesinnungs- und Freundeskreises, zu dem unter anderen Max Weber, Lujo Brentano, Theodor Heuss und dessen Ehefrau Elly Knapp gehörten.
Er ist Namensgeber für die der FDP nahestehende Friedrich-Naumann-Stiftung.

Wir gehen weiter zur Naumannstraße 78!

Naumannstraße 78/ Gedektafel für Paul Zech

Paul Zech wurde am 19.2.1881 geboren und starb am 7.9.1946.

Hier wohnte er von 1925 – 1933.

Er war ein Arbeiterdichter,Dramatiker und Übersetzer der französischen Lyrik.

Zech, der seit 1912 in Berlin lebte, schrieb auch unter den Pseudonymen Paul Robert und Timm Borch. Nach der Machtübernahme der Nazis wurde Zech sofort inhaftiert und bis August 1933 festgehalten.

Er emigrierte dann über Prag und Paris nach Buenos Aires. Noch in Deutschland begann er seinen Tatsachenroman “Deutschland, dein Tänzer ist der Tod”, in dem er sehr genau über die Verfolgungen von Nazigegnern und die Folterungen in den sogenannten “wilden” KZ der SA berichtet, und der erst 1984 erschien.

Die Bronzetafel wurde am 22.8.1983 vom damaligen Volksbildungsstadtrat Ottokar Luban gemeinsam mit der Schwie­gertochter Hella Zech enthüllt.

Rote Insel

Die Rote Insel, auch Schöneberger Insel genannt, ist eine Ortslage im Berliner Ortsteil Schöneberg.

Die Rote Insel ist ein Gebiet im Osten des Alt-Bezirkes Schöneberg und wird von mehreren Bahnstrecken begrenzt. Durch die Bahnstrecken entstand die „Insellage“ und aus ihr entwickelte sich mit der Zeit ein eigener Kiez im sozialen Geflecht.

Erst in der späten Kaiserzeit zwischen 1890 und 1914 verbesserte sich die Verkehrsanbindung nach Alt-Schöneberg und Berlin.

Das lag zum einen am rasanten Wachstum der Hauptstadt in das Umland hinein, zum anderen daran, dass der nördliche und östliche Teil der Insel intensiv durch das preußische Militär genutzt wurden.

Insgesamt vier Brücken verbinden seit dem frühen 20. Jahrhundert die Rote Insel mit der Stadt: Julius-Leber-Brücke (früher Sedan-Brücke) Langenscheidt-Brücke (früher Siegfried-Brücke) nach Westen sowie die Monumenten- und Kolonnenbrücke nach Osten in Richtung Kreuzberg bzw. Tempelhof.

Am 08. November 2012 wurde eine nach Alfred Lion benannte Fußgängerbrücke im Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg eröffnet. Der Alfred Lion Steg verbindet die Rote Insel mit dem Norden Tempelhofs.

Zum Namen „Rote“ Insel existiert folgende Anekdote

„Als im Jahre 1878 – die SPD war zu dieser Zeit durch das Sozialistengesetz verboten – Kaiser Wilhelm I. nach zwei Attentaten von einer mehrmonatigen Kur nach Berlin zurückkam und die Stadt im „Hurra-Patriotismus“ und einem schwarz-weiß-roten Fahnenmeer versank, hatte der Schöneberger Bierverleger Bäcker aus der Sedanstraße (heute: Leberstraße) die rote Fahne aus dem Fenster gehängt. Für diese unerhörte Tat wurde er des Landes verwiesen. Das Sedanviertel wurde von da an die Rote Insel genannt.“

Unabhängig von dieser Anekdote gab es in der Weimarer Republik einen hohen Anteil von Wählern „roter“ Parteien (SPD, USPD, KPD).

Aber auch – durch die Offiziersfamilien des Eisenbahnregiments bedingt – einen hohen Anteil von Wählern deutsch-nationaler Parteien.

Wahrend der Zeit des Nationalsozialismus war die Rote Insel eine wichtige Stätte des Berliner Widerstandes. Dazu werden wir später mehr hören.

Die wichtigsten Plätze im Straßengeflecht sind der Leuthener Platz, auf dem wir stehen und der Gustav-Müller-Platz. Die bedeutendsten Bauwerke sind die Königin –Luise-Gedächtniskirche sowie der Schöneberger Gasometer – auch jetzt nicht zu übersehen.

Franz Hessel, der insbesondere durch sein Buch „Ein Flaneur in Berlin“ bekannt geworden ist, schreibt 1929:

„Dann lieber über den Kaiser-Wilhelm -Platz – wie soll er auch sonst heißen -? ins sozusagen offiziell traurige Viertel von Schöneberg gehen, die Insel, wie die Einwohner es nennen:
Straßen, die den Schienensträngen der Ringbahn benachbart sind. Dort kann man morgens und abends zwischen den beiden Bahnhöfen Schöneberg und Großgörschenstraße, die nicht miteinander verbunden sind, eiliges armes Volk durch den ‚polnischen Korridor’ laufen sehen. Hinter den traurigen Fassaden ahnt man die sonnenlosen Hinterhöfe, die Rasenanlage, in der die Kinder nicht graben dürfen, Müllkästen und das ungewollte Duett eines Radiolautsprechers im Fenster und einer Drehorgel unten, keifende Nachbarinnen und die dünne Stimme des Bettelsängers. Das rot verhangene Gestell dort an der Ecke der absteigenden Nebenstraße, welches ein Werbebüro der KPD birgt, kann hier auf guten Zuspruch rechnen.“

Torgauer Straße / Kohlenhandlung Meyer / Annedore und Julius Leber

Es ist noch nicht lange her, dass hier, am Rande der Bahn kleine Kfz-Werkstätten und Gebraucht Warenhändler angesiedelt waren. Sie sehen, dass sich eine Menge getan hat.

Die Abräumarbeiten für den neuen Grünzug haben jedoch an dem hier noch stehenden Gebäude halt gemacht.

Hier folgt eine Rede von Annette Maurer-Kartal vom Stadtteilverein Schöneberg.

Annedore und Julius Leber

Bildvergrößerung: Die Gedenkstelle von Annedore und Julius Leber
Die Gedenkstelle von Annedore und Julius Leber

Der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Julius Leber (nach ihm ist auch die Leberstraße benannt) wurde 1933 auf der ersten Sitzung des neuen Reichstages von den NS-Behörden verhaftet und bis 1937 im KZ Sachsenhausen eingesperrt.

Nach seiner Haftentlassung wurde er Teilhaber an der Kohlenhandlung Meyer und arbeitete hier mit seiner Frau, Annedore Leber.

Er nahm die Kontakte zu alten Parteifreunden aus dem politischen Untergrund auf und ab 1943 unterhielt er immer engere Kontakte zu Mitgliedern des Kreisauer Kreises, zum militärischen Widerstand und zu Goerdeler.
Er schloss sich dem aktiven Widerstand der Verschwörer des 20. Juli an, wobei die Kohlenhandlung wiederum als konspirativer Treffpunkt diente.

Welch wichtige Rolle Leber im Widerstand spielte zeigt die Tatsache, dass er nach einem erfolgreichen Attentat auf Hitler für den Posten des Innenministers vorgesehen war.

Aufgrund der Denunziation eines Gestapospitzels wurde er am 5. Juli 1944 auf dem Kohlenplatz in Schöneberg festgenommen.
Drei Monate nach dem gescheiterten Versuch vom 20. Juli wurde Leber mit anderen Verschwörern zum Tode verurteilt.

Der Schauprozess des Volksgerichtshofes unter dem Vorsitz von Freisler fand im Gebäude des Kammergerichts am Schöneberger Kleistpark statt.
Am 5. Januar 1945 wurde Julius Leber in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Das Leben Julius Lebers hat die persönliche Entwicklung und den Weg seiner Ehefrau, Annedore Leben stark beeinflusst und geprägt.

Nach der ersten Verhaftung Julius Leber im Jahr 1933 bündelte sie alle Energie, um seine Freilassung zu erreichen.

Nach vielen Bittbriefen an die obersten NS-Führerpersönlichkeiten und mehrfachem Vorsprechen bei der Gestapo gelang es ihr schließlich, dass Julius Leber 1937 aus dem Konzentrationslager entlassen wurde.

Nach der Verhaftung Julius Lebers 1944 wurde Annedore Leber wurde mit ihren Kindern zwei Monate in Sippenhaft genommen und in das Untersuchungsgefängnis Moabit eingeliefert; ihre Kinder kamen nach einigen Wochen Zwangsaufenthalt in Dessau wieder frei.

Die zwölf Jahre der ständigen Verfolgung ihrer Familie durch die Nationalsozialisten blieben für die Witwe Annedore Leber nicht ohne Folgen. Aus der früher eher unpolitischen Frau war im Verlauf dieser Zeit eine überzeugte und kämpferische Sozialdemokratin geworden.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde sie ab Oktober 1945 zur Leiterin des Frauensekretariats und in den Zentralausschuss der SPD gewählt.

Nach der Zwangsvereinigung von SPD und KPD zur SED im April 1946 erklärte Annedore Leber ihren Austritt aus der Partei. Und wechselte wenig später in die Partei von Kurt Schumacher (Westzonen-SPD).

Für die neue Partei wurde sie in die Berliner Stadtverordnetenversammlung während der ersten Legislaturperiode 1946 entsandt.

1947 gründete sie den Mosaik Verlag (1961 umbenannt in Verlag Annedore Leber), in dem vorwiegend politische und pädagogische Bücher herausgegeben wurden.

Als Berliner Stadtverordnete hielt Annedore Leber im Juni 1948 eine eindrucksvolle Rede zur Lage Berlins während der Blockade, mit der sie die Vereinten Nationen zur Unterstützung bei der Bewältigung dieser Krise aufrief.

Der erste Band ihrer Sammlung von Widerstandsbiographien, die sie zusammen mit Willy Brandt und Karl Dietrich Bracher seit Kriegsende zusammengetragen hatte, erschien 1953 im Mosaik Verlag.

In dieser Sammlung schildert sie die Schicksale all derer, die einen ähnlichen Lebensweg wie ihre eigene Familie durchgemacht hatten.
Annedore Leber blieb auch weiterhin politisch aktiv. Von 1954 bis 1962 war sie Bezirksverordnete von Berlin-Zehlendorf und von 1963 bis 1967 Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin.

Darüber hinaus hatte sie weitere politische Funktionen.
Sie starb 1968 und wurde auf dem Waldfriedhof Zehlendorf in einem Ehrengrab der Stadt Berlin beigesetzt.

Ich möchte Ihnen für Ihr Kommen danken und Ihnen eine schöne Sommerzeit wünschen.