Gartenstadt Neu-Tempelhof

16.05.2015

Kiezspaziergang vom 16.05.2015 mit Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler

Sehr geehrte Damen und Herren!
Liebe Bürgerinnen und Bürger!

Herzlich willkommen zu unserem 24. Kiezspaziergang. Der heutige Kiezspaziergang wird uns durch die Gartenstadt Neu-Tempelhof führen.

Das Viertel, das offiziell Gartenstadt Neu-Tempelhof heißt und dessen Straßen nach Piloten des Ersten Weltkriegs benannt wurden, gilt bei vielen Berlinerinnen und Berlinern als Oase inmitten der Großstadt Berlin.

Nachdem das Tempelhofer Feld bis zum Ende des 19. Jahrhunderts für Militärübungen, aber auch zur Naherholung genutzt wurde, erwarb die Gemeinde Tempelhof 1910 eine Fläche von 145 ha zur Bebauung. Ursprünglich geplant war eine sehr dichte, fünfgeschossige Bebauung, wie sie am Tempelhofer Damm und am Platz der Luftbrücke umgesetzt wurde.

Nach dem ersten Weltkrieg änderte sich jedoch die städtebauliche Anschauung. So entstanden nach den Entwürfen von Friedrich Bräuning und dem Engagement des Staatssekretärs Prof. Dr. Adolf Scheidt 1.000 Eigenheime.

Beim genauen Betrachten der Siedlung ist auffällig, mit wie wenigen Gestaltungsmitteln ein derart abwechslungsreicher Straßenraum geschaffen wurde. Durch das leichte Zurücksetzen einzelner Bauten öffnet sich die Straße an vielen Stellen zu kleinen Plätzen. Man findet vor- und zurückspringende Fassaden, kleine Erkerchen und Putten.

Dieser raumbildende Städtebau ist typisch für Gartenstädte und findet sich immer wieder in der Siedlung Neu-Tempelhof

Ich freue mich sehr, dass uns dieses Wechselspiel von Symmetrie und Vielfalt in der Gartenstadt heute von einem echten Experten näher gebracht wird. Ich begrüße Herrn Christoph Götz, der seit vielen Jahren im Parkring e.V. aktiv ist und sicherlich zu Recht als Experte für die Gartenstadt Neu-Tempelhof bezeichnet werden kann.

Auf unserem Weg durch die Gartenstadt Neu-Tempelhof werden wir uns aber nicht nur der städtebaulichen Geschichte Berlins widmen. Wir werden auch einen Ort besuchen, der einen ganz besonderen Platz in der Geschichte Berlins einnimmt.

Einige von Ihnen werden bereits wissen, wovon ich spreche! Unser Spaziergang führt uns am Schulenburgring 2 vorbei, an dem Haus, in dem vor über 70 Jahren – genauer gesagt am 02. Mai 1945 – der Kapitulationsbefehl für die Berliner Garnison unterzeichnet wurde. Aber dazu später mehr!

Haus am Schulenburgring

Am frühen Morgen des 2. Mai 1945 erhielt das Wohnhaus Schulenburgring 2 seinen Platz im Buch der Geschichte. Im Erdgeschoss des Hauses wurde der Kapitulationsbefehl für die Berliner Garnison unterzeichnet.

Heute erinnert eine Gedenktafel am Haus Schulenburgring 2 an den historischen Tag. „In diesem Haus befand sich der Gefechtsstand des Befehlshabers der 8. Sowjetischen Gardearmee, General Tschuikow.
Hier unterzeichnete am 2. Mai 1945 General Weidling als Befehlshaber des Verteidigungsbereiches Berlin den Befehl an die deutschen Truppen in Berlin, sofort die Kampfhandlungen einzustellen. Für Berlin bedeutete dies das Ende des Krieges.“

Dass sich heute überhaupt noch jemand an diesen historischen Ort erinnert, ist den Bewohnerinnen und Bewohnern des Hauses am Schulenburgring 2 zu verdanken.

Daher freue ich mich auch, dass einer der Bewohner uns die Geschichte dieses Haus heute etwas näher bringen wird. Vielen Dank Herr Müller für Ihre Bereitschaft, uns heute hier zu empfangen!

In vergangenen Jahrzehnten hat die Hausgemeinschaft um Jürgen Müller und Joachim Dillinger immer wieder Gedenkveranstaltungen
und Feste organisiert. Es braucht Menschen wie Sie, um die Erinnerung wach zu halten!

Für Ihren Einsatz möchte ich mich an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich, bei Ihnen Herr Müller, bei Herrn Joachim Dillinger und den anderen engagierten Mitgliedern der Hausgemeinschaft, bedanken. Das von Ihnen zum 70. Jahrestag der Befreiung organisierte Straßenkonzert und die Lesung mit Margot Friedländer haben mich tief bewegt.

Adolf-Scheidt-Platz

Der Adolf-Scheidt-Platz wurde in den Jahren 1924 – 1931 von Fritz Bräuning und Rudolf Fischer im Stile der Berliner Schmuckplätze der 1920er Jahre gestaltet. Er bildet das Zentrum der Neu-Tempelhofer Siedlung. Der Platz erhielt zunächst den Namen “Paradeplatz” in Erinnerung an den hier vormals befindlichen Exerzierplatz auf dem Tempelhofer Feld.

Der Platz wurde 1925 dem Politikers Adolf Scheidt zu Ehren gewidmet, der eine herausragende Rolle beim Berliner Siedlungsbau spielte und ein Förderer des Gartenstadt-Konzeptes sowie des genossenschaftlichen Wohnungsbaus war.

Während des dritten Reiches wurde der Adolf-Scheidt-Platz 1934 in “Paradeplatz” zurück benannt, da die weltanschaulichen Ansichten von Adolf Scheidt den Nationalsozialisten widersprachen. 1955 erhielt er wieder den Namen “Adolf-Scheidt-Platz”.

In den 1990er-Jahren erfolgte dann eine denkmalpflegerische Rekonstruktion der Platzanlage einschließlich des Durchgangs zur Boelckestraße. Die wieder hergestellte Bepflanzung konnte einige Jahre auf einem guten Niveau erhalten werden, fiel ab ca. 2005 aber den Sparmaßnahmen zum Opfer.

Seit 2007 übernimmt der Parkring e.V., den wir später noch näher kennenlernen werden, die Pflege der Schmuckbeete des Rondells.

Storchenbrunnen

In der Mitte des Adolf-Scheidt-Platzes befindet sich der Storchenbrunnen, eine etwa sieben Meter hohe Brunnenanlage aus Muschelkalk mit vergoldeter Bronze, der 1931 von Ernst Seeger entworfen wurde.

Aus dem Brunnenbecken erhebt sich auf einem Sockel mit vier bronzenen Wasserspeiern ein Postament, das mit Skulpturen von Tieren und spielenden Kindern verziert ist. Über dem Postament erhebt sich eine Säule, auf der ein Storchennest mit zwei Störchen angeordnet ist.

Der verspielte “Storchenbrunnen” von Ernst Seger, der im Jahr 1931 entstand, spielt auf den Kinderreichtum an, der damals in der jungen Siedlung herrschte. Westlich des Tempelhofer Damms lebten anfangs zumeist junge Angestellte ihren Traum vom unabhängigen Familienleben im erschwinglichen Eigenheim. “Eigener Herd ist Goldes Wert” versprach schließlich schon eine Verkaufsbroschüre aus den 1920er-Jahren.

Knapp 90 Jahre nachdem die ersten Bewohner hier einzogen, ist heute jede Generation im Viertel vertreten: vom Säugling bis zum Greis.

Und auch heute übt der Storchenbrunnen wohl noch eine gewisse Wirkung auf die Bewohner aus. Im vergangenen Jahr sind über 140 Kinder in der Siedlung geboren worden.

Rosengarten

1926 entstand am Rumeyplan ein Rosengarten als formaler Sondergarten im Parkring Neutempelhof. Auf acht Beeten ließ Rudolf Fischer weiße und rote Rosen anpflanzen. Zur Mitte hin blühten Rosenbäumchen. Rosenbögen mit Kletterrosen umgaben die Bronzeskulptur einer `Eva`.
Gemeinsam mit den angrenzenden Vorgärten, kleinkronigen Bäumen, Säulenpappeln sowie der rahmenden Bebauung entstand so ein elegantes Ensemble.

Leider sind die Verwüstungen des zweiten Weltkriegs auch am Rosengarten nicht spurlos vorbeigegangen. In seinen wichtigsten Teilen war der Rosengarten nach dem Krieg verschwunden.
Bereits zu Kriegsbeginn wurde die “Eva” vermutlich für Rüstungszwecke eingeschmolzen. Einige Jahre bestanden zwar noch vereinfachte Schmuckbeete, die später ebenfalls verloren gingen. Im Jahr 2000 zeugte nur ein einziger verbliebener Rosenstock von der einstmals eindrucksvollen Anlage.

Mit der Gründung des Parkring e.V. im Jahr 2006 wurde die Idee für einen Wiederaufbau des Rosengartens geboren. Zunächst war an eine einfache Wiederherstellung in nachbarschaftlicher Selbsthilfe gedacht. Schnell wurde aber deutlich, dass eine komplette Neuanlage erforderlich wird.
Zunächst wurde der Gartenarchitekt Hartmut Teske mit der historischen Recherche beauftragt. In einem weiteren Schritt entwarf er auf dieser Grundlage den neuen Rosengarten mit kleinen Vereinfachungen.

Zwischen Bezirk und Landesenkmalamt wurde ein Finanzierungsmodell entwickelt, bei dem sich die Beteiligten die Kosten für das Vorhaben teilten.
Der Parkring e.V. übernahm die Bepflanzung im bürgerschaftlichen Engagement. Seit dem Jahr 2010 pflegt der Parkring e. V., als engagierter Bürgerverein den Rosengarten.
Aber dazu kann uns Herr Stockschlaeder vom Verein Parkring e.V. sicherlich mehr erzählen. Herr Stöckschlaeder, ich freue mich, dass wir den Einsatz der Vereinsmitglieder heute hautnah miterleben dürfen und bedanke mich bei ihnen allen nochmal für ihr bürgerschaftliches Engagement.