Drucksache - 0365/XX  

 
 
Betreff: Planungen des Senats eine Absage erteilen: keine Bündelung sog. Profil-Willkommensklassen in Schöneberg
Status:öffentlich  
 Ursprungaktuell
Initiator:Frakt. GRÜNE und LINKEBezirksamt
Verfasser:Herr Schworck, OliverSchöttler, Angelika
Drucksache-Art:DringlichkeitsantragMitteilung zur Kenntnisnahme
Beratungsfolge:
Bezirksverordnetenversammlung Tempelhof-Schöneberg von Berlin Entscheidung
19.07.2017 
10. öffentliche Sitzung der Bezirksverordnetenversammlung Tempelhof-Schöneberg von Berlin ohne Änderungen in der BVV beschlossen (Beratungsfolge beendet)   
Bezirksamt Erledigung
Bezirksverordnetenversammlung Tempelhof-Schöneberg von Berlin Entscheidung
18.10.2017 
13. öffentliche Sitzung der Bezirksverordnetenversammlung Tempelhof-Schöneberg von Berlin überwiesen   
Ausschuss für Schule Kenntnisnahme
07.11.2017 
9. öffentliche Sitzung des Ausschusses für Schule      

Sachverhalt
Anlagen:
Dringlichkeitsantrag
Mitteilung zur Kenntnisnahme

Die BVV fasste auf ihrer Sitzung am 18. Juli 2017 folgenden Beschluss:

 

Die Bezirksverordnetenversammlung ersucht das Bezirksamt, weiterhin den Schulstandort am Tempelhofer Weg, wie in der BVV beschlossen, als Grundschule zu entwickeln und ans Netz zu nehmen.

 

Für die vom Bezirk offenbar angestrebte Nutzung als sog. Bildungszentrum ist unverzüglich ein detailliertes Raum- und Zeitkonzept vorzulegen, das erkennbar macht, wie die weitere Nutzung des Gebäudes vom Bezirk gedacht ist. Dabei hat der Umbau der Schule zu einer dringend benötigten Grundschule absoluten Vorrang. Umbaupläne und Nutzungskonzepte sind mit den dafür vorgesehenen bezirklichen Gremien rechtzeitig zu diskutieren und der Zeitplan darzustellen.

 

Die Bezirksverordnetenversammlung empfiehlt dem Bezirksamt, sich bei den zuständigen Senatsverwaltungen dafür einzusetzen, dass mit sofortiger Wirkung von den Plänen Abstand genommen wird, an diesem Standort ab September 2017 sog. Profil-Willkommensklassen für ca. 200 geflüchtete Jugendliche zwischen 15 und 16 Jahren mit geringen schulischen Vorkenntnissen einzurichten.

 

Die Bezirksverordnetenversammlung empfiehlt dem Bezirksamt fermer, sich bei den zuständigen Senatsverwaltungen dafür einzusetzen, in Abstimmung mit den Bezirken nach dezentralen fachlichen und räumlichen Lösungen für die schulische Integration dieser geflüchteten Jugendlichen zu suchen, dabei sind Alternativen und auch erfahrene Jugendhilfeträger und deren Angebote einzubeziehen. Ferner sind entsprechende Konzepte zu entwickeln, die Bildungsbegleitung und Bildungsberatung mit Spracherwerbskonzepten verbinden und Perspektiven für einen Schulabschluss und andere weiterführende Bildungsgänge wohnortnah verbinden.

 

Der BVV ist bis zur September-Sitzung 2017 Bericht zu erstatten.

 

 

Das Bezirksamt teilt hierzu mit der Bitte um Kenntnisnahme mit:

 

Das Bezirksamt hat sich zur Beantwortung des im Betreff genannten Beschlusses an die zuständige Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie gewandt und von dort folgende Stellungnahme erhalten:

 

  1. Belegung: Es werden maximal 5 Willkommens-Profilklassen à 17- 20 Schülerinnen und Schüler im Bildungszentrum Tempelhofer Weg eröffnet. Dies bedeutet eine Gesamtzahl von maximal 85 – 100 Schülerinnen und Schülern. Die Erhöhung der Klassenfrequenz ist gewollt und pädagogisch sinnvoll. Alle Schülerinnen und Schüler haben bereits eine Willkommensklasse besucht, ergo bereits Erfahrungen mit dem deutschen Schulsystem gewonnen. Es gilt, sie auch auf die Klassenfrequenzen des Regelschulsystems bzw. der Oberstufenzentren vorzubereiten. Es handelt sich um eine zeitlich begrenzte Maßnahme, die in keinem Falle einer anderweitigen zukünftigen Nutzung des Gebäudes entgegensteht.

 

  1. Zielgruppe und Anmeldeverfahren: Jugendliche, die sich im Alter 15-16 Jahre befinden (im Ausnahmefall bis 17 Jahre) und bereits mindestens ein Jahr eine Willkommensklasse besucht haben, aber aufgrund fehlender oder geringer Alphabetisierung bzw. fehlender oder geringer schulischer Kenntnisse nicht die Voraussetzungen für den erfolgreichen Besuch von Regelklassen in der Klassenstufe 9 bzw. für den einjährigen Besuch von berufsqualifizierenden Lehrgängen an Oberstufenzentren mitbringen, können sich seit Mitte Juli 2017 für die Profil-Willkommensklassen anmelden. Der Besuch der Profil-Willkommensklassen im Bildungszentrum ist freiwillig und kann erst erfolgen, wenn die abgebende Schule ein Beratungsgespräch mit dem Schüler/ der Schülerin und den Erziehungsberechtigten geführt hat. Die abgebende Schule schickt einen umfangreichen Anmeldeantrag sowie den Bogen zum Arbeits- und Sozialverhalten und den aktuellen Lernstandsbericht über die Koordinierungsstellen der Regionen an die Koordinierungsstelle der Region Tempelhof-Schöneberg. Die Koordinierungsstelle Tempelhof-Schöneberg prüft die Anmeldungen auf Richtigkeit und Vollständigkeit und lädt dann die Schülerinnen und Schüler sowie deren Erziehungsberechtigte zu einem Informationsgespräch ein, in dem unter anderem auch die Bereitschaft der Schülerinnen und Schüler zum schulischen Engagement als notwendige Zugangsvoraussetzung abgefragt wird.

 

  1. Zielsetzung der Profil-Willkommensklassen: Mit diesen Klassen soll der Anschluss an die Regelbildungsgänge für eine Zielgruppe erreicht werden, die sonst Gefahr läuft, genau diesen Anschluss zu verlieren, da ein Übergang in altersadäquate Regelklassen aufgrund fehlender oder geringer Alphabetisierung bzw. fehlender oder geringer schulischer Vorkenntnisse nicht möglich ist. Durch spezifische Förderung, neben Deutsch insbesondere auch in Mathematik und Englisch (angelehnt an die Stundentafel der Integrierten Sekundarschulen), werden die Voraussetzungen geschaffen, um erfolgreich berufsqualifizierende Lehrgänge an Oberstufenzentren zu absolvieren oder in die allgemeinbildenden Schulen überzugehen. Damit wird der Erwerb von Schulabschlüssen möglich.

 

  1. Konzept: Die Profil-Willkommensklassen im Bildungszentrum sind Teil der  Hugo-Gaudig-Schule am Standort Tempelhofer Weg. Das detaillierte pädagogische Konzept wird aktuell erarbeitet. An der Erarbeitung des Konzeptes sind die Schulaufsicht der Region 07, die Lehrkräfte für die Profil-Willkommensklassen, die Schulleitung der Hugo-Gaudig-Schule, das SIBUZ Tempelhof-Schöneberg, Vertreterinnen aus der Abt. I der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie, das Zentrum für Sprachbildung beteiligt. Des Weiteren sollen im Bereich Bildung und Geflüchtete aktive zivilgesellschaftliche Gruppen aus Tempelhof-Schöneberg einbezogen werden. Die Lehrkräfte wurden so ausgewählt, dass sie die für diese Zielgruppe notwendigen Kompetenzen sowohl im DAF-DAZ Bereich als auch fachspezifisch mitbringen.

In jedem Falle findet eine enge Verzahnung mit den Regelklassen der Hugo-Gaudig-Schule statt, zum Beispiel durch den gemeinsamen Besuch von Wahlpflichtunterricht und gemeinsame Arbeitsgemeinschaften. Projektorientierter Unterricht in Kooperation mit dem Oberstufenzentrum Lotis und weiteren Oberstufenzentren wird ebenfalls erfolgen. Die Schülerinnen und Schüler profitieren zudem von einem neuen Projekt zur Förderung der Berufswahlkompetenz in Willkommensklassen, finanziert  von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie und der Arbeitsagentur Süd (Projektbeginn am 26. bzw. 27.09.2017). Durch intensive Berufsorientierung, unter anderem durch "Werkstatttage", sollen so weitere Anschlussperspektiven hergestellt werden. Zudem befinden sich im Gebäude selbst verschiedene Bildungsanbieter und Organisationen, mit denen ebenfalls enge Kontakte und Kooperationen geplant sind (Musikschule, Volkshochschule, Schule des Zweiten Bildungswegs, "Schöneberg hilft", "Jakus").

 

Die sozialräumliche Einbindung wird über die Kontaktaufnahme mit Sportvereinen und verschiedenen Angeboten von Jugendgruppen vorbereitet. Die Bündelung von Schülerinnen und Schüler dieser Zielgruppe sowie von den sie unterrichtenden Lehrkräften ermöglicht eine zielgenaue individuelle Förderung und Nutzung der Synergieeffekte, die durch die unterschiedlichen Fachkompetenzen der Lehrkräfte entstehen. Zudem werden diese Schülerinnen und Schüler schulpsychologisch und sozialpädagogisch betreut. Eine Schulsozialarbeiterin oder ein Schulsozialarbeiter wird ab dem 01.10. 2017 im Bildungszentrum tätig werden. Die Einbindung freier Träger über "Fit-für-die-Schule"-Angebote wird voraussichtlich zum 01.01.2018 erfolgen.

Eine Sporthalle im Hause steht den Schülerinnen und Schülern zur Nutzung zur Verfügung.

Des Weiteren ist beabsichtigt, gerne auch zusammen mit verschiedenen zivilgesellschaftlichen Gruppen des Bezirkes, Projekt- und Werkstatttage, Aktionen zur Erkundung des Sozialraums inklusive des Besuchs von ortsansässigen Jugendgruppen anzubieten. Projektiert ist des Weiteren ein Schüler*innencafé.

 

Der Unterricht in den Profil-Willkommensklassen ist an die Stundentafel der ISS angelehnt und wird sich unter anderem am Curriculum für  

          Willkommensklassen  an beruflichen Schulen orientieren.. Die Stundentafel

           umfasst 31 Stunden. Davon sind:

 

- 10 Stunden Deutsch

- 10 Stunden Mathematik

-  4 Stunden Englisch

-  2 Stunden Ethik/ Gesellschaftswissenschaften

-  2 Stunden Kunst/ Musik/Sport

-  3 Stunden berufliche Orientierung

 

Eine pädagogische Steuerungsgruppe begleitet den Prozess kontinuierlich und steuert bei Bedarf nach.

 

  1. Profilklassen in den Bezirken: Die Bezirke prüfen selbst, ob sie vergleichbare Förderangebote für diese Zielgruppe einrichten wollen. Dies ist jederzeit möglich. 

 

  1. Baulicher Zustand: Die ehemalige Teske-Schule wurde in den letzten Monaten hergerichtet und lt. Aussage der zuständigen Stellen im Bezirk ist „mit der Erfüllung der brandschutzrechtlichen Anforderungen durch die Baumaßnahme der Schulbetrieb unabhängig des Inhaltes und der zu beschulenden Personengruppen möglich".

 

  1. Fazit: Das Angebot im Bildungszentrum eröffnet der oben genannten Zielgruppe neue Chancen und Perspektiven des schulischen Anschlusses und führt perspektivisch zu Inklusion und Teilhabe. Durch die spezifische Förderung erhalten die jungen Menschen die Möglichkeit, zu Schulabschlüssen zu gelangen. Damit öffnen sich neue Wege und Perspektiven in die Berufsausbildung bzw. in Berufe. Müssten diese jungen Menschen am altersadäquaten Regelunterricht teilnehmen, wäre Schulverdrossenheit aufgrund der fehlenden Vorkenntnisse voraussichtlich die Folge und der Schulabbruch prädestiniert. Würde man sie analog zu ihren Vorkenntnissen zusammen mit zehn- bis zwölfjährigen Kindern unterrichten, hätte dies voraussichtlich ähnliche Folgen – ganz abgesehen davon, dass dann von einer gelungenen Integration sicherlich nicht die Rede sein kann. Die heterogene Zielgruppe kann durch die Bündelung im Bildungszentrum bestens individuell gefördert und unterstützt werden, zumal die Zusammenführung mehrerer fachlich kompetenter Lehrkräfte positive Synergieeffekte sowohl für die betroffenen Schülerinnen und Schüler als auch für die Lehrkräfte selbst mit sich bringt.

 

 
 

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