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Zeichnen als Lebensform

EGMONT SCHAEFER (1908 – 2004) zum 100. Geburtstag

[…] Die zu einer Aussage verpflichtete, absichtsvolle Imagination war Schaefer nicht gegeben, auch wenn er in einer Tradition wurzelt, bei der Zeichnung als Bild noch selbstverständlich in den Dienst der Darstellung genommen wird. Das berührt die nicht von der Hand zu weisende Schwierigkeit der Zu- und Einordnung dieser Art der Zeichnung und des Verständnisses dafür. Schaefers Zeichnungen sind unverkennbar und souverän im Formalen, in Duktus und Strich, aber man kann sie nicht – nicht allein – formal und stilistisch auffassen. Sie zielen doch auf eine inhaltliche Pointe, die allerdings durch die zeichnerische Pointierung entsteht. Die Neigung zum Fabulösen und Phantastischen, das Motivfeld, die zeichnerische Erzählung haben einen Bildbegriff zur Grundlage, den es sonst kaum noch gibt und der an Schaefers Generationszugehörigkeit erinnert. Der Ausgangspunkt in den 20er Jahren war zweifellos noch davon geprägt, dass die Zeichnung als Bild vom außerkünstlerischen Bezug bestimmt bleibt. Auch bei der autonomen freien Zeichnung, wie der von Schaefer, ist eine Lebensvorstellung ausgedrückt und gemeint, oder ein Verhältnis dazu, eine Wahrnehmung und die eigene Haltung. Das Phantastische ist immer aufgeladen mit Realitätserfahrung und gebrochen durch das Bewusstsein der Anomalien dieser Wahrnehmung, und eine Überhöhung ins Poetische und Künstlerische ergibt sich daraus. Bei Egmont Schaefer ist ein persönlicher und historischer Erfahrungshintergrund zumindest zu ahnen. Aber natürlich liegt die Poesie seiner Zeichnungen nicht in der Bildgeschichte, sondern in der Ausdrucksmotorik und Empfindung des Strichs – der zeichnerischen Mittel. […]
aus: Jens Semrau, Zeichnung als Lebensform a. a. O.


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