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Von Altenbourg bis Zickelbein.

Die Kabinettpresse Berlin 1965 - 1974

Unsere Geschichte beginnt am Kreuzpfuhl in Weißensee. Ort der Erinnerung ist die Woelckpromenade 38, ein Gymnasium, erbaut in den ersten Jahren des vorigen Jahrhunderts von Carl James Bühring, zu meiner Zeit Domizil einer Erweiterten Oberschule sowie eines Instituts für Weiterbildung von Lehrern, das sich der Pflege der Musen, zumal der Musik, widmete. Für die Kursanten war der Aufenthalt in ihm ein Stück des Weges zur eigenen Vervollkommnung. In späteren Jahren traf ich einige von ihnen als Doktoren der Philosophie, als Museumsmitarbeiter, Galeristen, Kulturmanager, Journalisten, gar als Schriftsteller wieder. Die meisten aber waren an ihre Schulen zurückgegangen, waren Lehrer geblieben. An diesem Institut nahm ich ab November 1958 eine Dozentur für Ästhetik wahr ... In Berlin erhielt ich die reizvolle Gelegenheit, ein intermediales Studium zu entwickeln, dessen Ästhetikvorlesungen und Seminare eine philosophische Propädeutik im Sinne von Hegel zur Grundlage hatte. Mein Lehrprogramm, das übrigens nicht der Kontrolle des Ministeriums unterlag, genügte mir jedoch bald ebenso wenig wie der gelegentliche Besuch von Konzerten, Theateraufführungen und Ausstellungen gemeinsam mit den Studenten. Ich wollte den direkten Kontakt mit den Künsten. Zum Vehikel dazu wurde das 1962 von mir eröffnete Kunstkabinett, zu dem handwerklich versierte Studenten einen Hörsaal umgewandelt hatten. Um das Vorhaben politisch zu neutralisieren, gaben wir bekannt, die »Produktivität der Studienarbeit erhöhen zu wollen«, was der Wirklichkeit entsprach. Das Unternehmen wurde als ein Beitrag zu der seinerzeit propagierten Kampagne eines »Produktionsaufgebotes« begrüßt, was einen der leitenden Funktionäre der SED jedoch nicht abhielt, das Kabinett als eine Neuauflage der Berliner Galerie Konkret zu betrachten, die als Keimzelle eines Protestes gegen die Kulturpolitik geschlossen worden war. Unser Kabinett veranstaltete zunächst Einzelausstellungen. Begonnen wurde mit Horst Zickelbein und Ronald Paris. Es folgten Mucchi, Tucholski, Mohr, Sandberg, Knebel und viele andere. Die Ausstellungseröffnungen gestalteten sich bald zu einem Treffpunkt eines Teils der Ostberliner Künstler-Elite. Zum Programm des Kabinetts gehörten auch Dichterlesungen und Komponistengespräche. Den Anfang hatte Wolf Biermann übernommen. Es schlossen sich Bobrowski, Arendt, Fühmann, Heym, Hermlin und andere an. Von den Komponisten sei auf Alois Hába verwiesen, den tschechischen Meister der Vierteltonmusik, und auf Reiner Bredemeyer, einen Vertreter der musikalischen Avantgarde, aber auch Wagner-Regeny, Schwaen und Medek gaben uns die Ehre. Im Laufe der Zeit bildete sich ein Freundeskreis, zu dem in den besten Zeiten etwa 500 Leute gehörten. Sie waren die Abonnenten unserer Faltblätter und Kataloge und lebten in allen Regionen des Landes. Einige Absolventen des Instituts trugen die Idee des Kabinetts weiter und gründeten an ihren Schulen vergleichbare Einrichtungen, so in Bad Dürrenberg, Hötensleben, Brandenburg. In der Erinnerung wird deutlich, dass die musische, künstlerisch offene Atmosphäre des Kabinetts die Voraussetzung dafür gewesen ist, dass das verlegerische Unternehmen der Kabinettpresse überhaupt gegründet werden konnte. Die Aufnahmebereitschaft, sich mit selbst erworbener Kunst zu umgeben, war 1963 mit einzelnen grafischen Blättern von Horst Zickelbein und Hanfried Schulz getestet worden, und mit Erfolg. Die Idee eines Grafikkreises, die zu den Mappendrucken führte, entstand dann im Februar 1965 im Altköpenicker Kietz bei Dieter Goltzsche in dem ärmlichen Hofgehäuse eines ehemaligen Fischeranwesens. ...
Anerkennung wurde in hohem Maße von den Grafikspezialisten unter den Kunsthistorikern ausgesprochen. So schrieb Werner Timm am 9. Juni 1970: »Ich sah neulich den Vorzugsdruck der von Ihnen herausgegebenen Altenbourg-Mappe. Wirklich ein Meisterstück. Das hätte Vollard nicht anders machen können.« Aber auch Kritik blieb nicht aus. Nachdem die 2. Mappe am 9. August 1966 seiner Ankaufskommission vorgelegen hatte, schrieb mir Werner Schmidt: »Zu meinem Bedauern ist jedoch die Ablehnung erfolgt. Herr Uhlitzsch kritisierte, dass in der Mappe die junge sozialistische Literatur der DDR nicht berücksichtigt ist. Darauf konstatierte Generaldirektor Seydewitz: ›abgelehnt‹.« Ich weiß nicht, ob ich den Sammelmappen oder den monografischen den Vorzug geben soll. Immerhin waren 53 Künstler an den Editionen beteiligt. Die monografischen Mappen wurden in jedem Falle Hauptwerke des jeweiligen Künstlers. Die Sammelmappen boten Entdeckungen. So wurde zum Beispiel Theodor Rosenhauers schmales Radierwerk ans Licht geholt und Heinrich Ehmsens druckgrafisches Werk der Vergessenheit entrissen. Willy Wolff wurde zur Lithografie geführt, Carlfriedrich Claus erkundete die Technik der Lithografie, die ihm alsbald den Offsetdruck auf Metallfolie erschloss, und Hans Vent empfing Impulse zur Entwicklung seines Radierwerkes. ... Wilhelm Rudolph hatte seinem fein geschnittenen, reich strukturierten Stock eine Maschinenauflage von 115 Exemplaren nicht zumuten mögen und lieferte einen Umdruck des Holzschnitts auf Stein, was er mir zu verheimlichen versuchte. Ich sehe noch heute sein verschmitztes Lächeln. ... Meine Erinnerung an die folgenschweren Jahre 1968/69 sind nicht gut, obgleich wir - das Institut war mittlerweile nach Pankow umgezogen - immerhin vier Mappen vorlegten. Die Tunesien-Mappe von Wieland Förster bot den engstirnigen, bornierten Funktionären von Künstlerverband und Ministerium für Volksbildung den willkommenen Anlass zur Schließung des Kunstkabinetts. ... Die Arbeit wurde als »Revisionismus am Bitterfelder Weg« bezeichnet, man witterte »Konterrevolution«, wir waren plötzlich »illegal«. ... Altenbourgs Bobrowski-Mappe (konnte) 1969 unbeschadet erscheinen, jedoch außerhalb des nicht mehr bestehenden Kunstkabinetts. Ich gab nunmehr die Mappe »im Auftrag der Freunde Gerhard Altenbourgs« heraus, eines Freundeskreises, den es organisatorisch nie gegeben hat. Alle späteren Mappen sind ausschließlich unter meinem Namen erschienen. Die Kabinettpresse arbeitete somit ohne das Kunstkabinett weiter, gestützt auf die Solidarität der Sammler und auf das Vertrauen der Künstler. Ende der siebziger Jahre war die Zeit der Kabinettpresse abgelaufen. Mittlerweile gab es Nachahmer, und es existierte der Staatliche Kunsthandel. Ich hatte meine selbstgestellte Aufgabe erfüllt. Aufzuhören war mein eigener Entschluss. Altenbourg schrieb mir anlässlich der Vorbereitung der 20. und letzten Mappe: »Für Ihre Editionen zu arbeiten, das war immer eine gute Sache, befruchtend und durch die Freiheit auch wohltuend.«
Auszug aus: Lothar Lang. Auftauchend aus der Erinnerung a.a.O.

Ausführliche Informationen zur Geschichte der Kabinettpresse, den an den einzelnen Mappen beteiligten Künstlern, Künstlerbiographien und Literaturhinweise finden sich in der Publikation: Von Altenbourg bis Zickelbein.
Die Kabinettpresse Berlin 1965 - 1974.- hrsg. Hans-Georg Sehrt.- Verlag Faber & Faber Leipzig.- Leipzig 2003

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