Josef Kloppenborg gelangte 1987, nachdem er sich systematisch auf einem seiner Tagesausflüge nach Ostberlin die Ausstellung zur 750-Jahrfeier im Alten Museum vom Anfang bis zum Ende angeschaut hatte, an die Tür der provisorischen Unterkunft der damaligen Galerie Rotunde. Er war sehr erstaunt, an diesem Ort zeitgenössische originale Kunst aus dem Osten zu finden, die nichts mit der für ihn uninteressanten offiziellen Kunst zu tun hatte. Abstrahierte Formulierungen auf den Bildern rings um ihn herum erzeugten augenblicklich Resonanzen in ihm. Viele Tagesausflüge folgten, ich führte ihn in die Ostberliner Abstraktion ein, die sich seit Anfang der 80er Jahre hier, in dem sich unmerklich öffnenden Teil der Großstadt, entwickelt hatte. Der passionierte Sammler Kloppenborg nahm die Spur auf. Sein Interesse konzentrierte sich schnell auf die Arbeit von Joachim Böttcher, Volker Henze, Hanns Schimansky und Harald Toppl. Gemeinsame Ausflüge nach Ostdeutschland führten in den Huy (Vorharz) zu Olaf Wegewitz, dem Antagonisten der Leipziger Schule (ab Mitte 1970) und ins traditionsreiche Kunstzentrum Dresden zu Eberhard Göschel und dessen abstrakten Landschaftsbildern.
Nach der Wende erhielt wiederum ich Einblick in die Sammlung von Herrn Kloppenborg. Die Kunst im Osten nach 1945 bis 1989 kannte ich gut. Jetzt wurden mir grundlegende Kenntnisse der abstrakten Kunst, konzentriert auf Malerei nach dem Kriegsende bis zur Wende im Westteil Berlins und Deutschlands vermittelt.
Mich beeindruckten die Bilder des deutschen Informel in der Sammlung. Karl-Otto Götz, Fred Thieler, Emil Schumacher, Karl Fred Dahmen, Bernard Schultze waren bis dahin für mich Namen, deren Bilder ich im besten Fall von Abbildungen her kannte. Die Farbfelder auf dem Bild von Fritz Winter, der Tanz der Farblinien von Peter Brünings Bild prägten sich in mein Bildgedächtnis ein.
In westlicher Richtung kannte das Interesse des Sammlers Kloppenborg natürlich keine Grenzen. Bilder von George Noël aus Paris und von Albert Irvin aus London haben wichtige Plätze in der Sammlung inne. Doch die Konzentration auf Sammelgebiete erschien ihm aus finanzieller Sicht immer wieder notwendig. Josef Kloppenborg gehört bestimmt nicht zu den Sammlern, die ihr Geld auf schöne Weise anlegen. Er ist eher einer von den Besessenen, für die Kunst Lebensbereicherung ist. Interessiert unterwegs, schaut er sich ständig Ausstellungen und einige Bilder genau an, plötzlich verweilt er länger vor einer Arbeit - ein optisches Zwiegespräch beginnt, und wenn er später zurückkehren muss, dann lädt er das Bild (falls bezahlbar) zu sich nach Hause in seine Sammlung ein.
Es fing damit an, dass Josef Kloppenborg, Jahrgang 1935, als er 30 Jahre alt war, sich ihm auffällige Kalenderblätter rahmte. Ab 1969 nutzte er die Artothek des NBK am Kurfürstendamm. Die Nummer 25 auf seiner Ausleihkarte verrät, dass er zu den ersten Interessenten gehörte. Er kauft sich als erste Grafik eine von Bernd Berner in der modern art galerie. Es folgt eine Grafikmappe von Heinz Trökes bei Anja Bremer. Den eigentlichen Schritt ins Leben eines Kunstsammlers besiegelt er mit dem Kauf des ersten Bildes im März 1971 von Bernd Berner „Flächenraum rot“ 1970, wieder in der modern art galerie. Als Verwaltungsangestellter und Familienvater kaufte er Kunst von dem kleinen Budget das übrigblieb. Großen Einfluss auf das Sammeln von Josef Kloppenborg hatte der Altmeister der Westberliner Galeristen Walter Schüler. Er eroberte sich durch dessen Anleitung bemerkenswerte Bilder des Deutschen Informel. Das bereits erwähnte Bild von Peter Brüning kaufte er Anfang der achtziger Jahre günstig auf einer Auktion bei Christies. Durch einen – auch damals schon möglichen - Billigflug nach London (Flug hin und zurück mit Notunterkunft im Männerheim) bewerkstelligte er den Transport des Bildes. Das Glück war ihm zudem beim Transport hold, trotz leichter Verpackung - und auch bei späteren waghalsigen Transporten von Bildern mit seinem Polo.
Zunehmend wird Josef Kloppenborg die persönliche Begegnung mit den Künstlern wichtig. Ab Ende der 80er Jahre konnte man ihn im Ostteil Berlins bei Volker Henze, Joachim Böttcher oder Hanns Schimansky antreffen. Deren Arbeit begleitet er bis heute aufmerksam. Im Westteil Berlins richtet er sein Augenmerk auf Künstler wie Frank Michael Zeidler, Claudia Busching, Reinhard Pods, ter Hell, Angelik Riemer oder Martin Assig. Nach Ausstellungsbesuchen oder in den Ateliers findet er seine Bilder, mit Vorliebe für Einzelstücke zwischen den Werkgruppen (manchmal wirklich in beiseite gelegten Mappen), in denen sich bereits herausgebildete, gefundene Gestaltungsprinzipien mit sich ankündigendem Neuen verbindet.
Wie kommt ein Mensch dazu, Kunst zu sammeln? Josef Kloppenborg sagt: „Kunstwerke sind für mich das Ergebnis von Erfahrungen, die ein Künstler in seinem Leben macht. Vielleicht ist er auf der Suche nach Wahrheit, vielleicht findet er einen Zipfel davon. Vielleicht begegnen ihm auf seinen Fahrten durchs Leben ganz andere Erscheinungen. Ich möchte an diesen Erfahrungen, die vielleicht Wahrheiten sind, teilhaben.“ Als Verwaltungsmensch hatte er das Glück, auch in solchen Verwaltungsbereichen zu arbeiten, „... für die keine Regeln vorgegeben sind, in denen also nicht nur Gesetzesvollzug stattfindet, sondern Gestaltung möglich ist, und in dem daher Erfindung und Kreativität gefragt sind. ... Er ist vielleicht vergleichbar mit der Bindung der alten Meister an eine bestimmte Ikonographie. Aber innerhalb der gesetzten Grenzen besteht Freiheit.“ Hier treffen sich also aus seiner Sicht die Arbeitsmethoden von Künstler und Verwaltungsmensch. Und damit erhalten wir einen weiteren Schlüssel für die Sammelleidenschaft von Josef Kloppenborg. Sammeln bedeutet für ihn nicht nur Ausgleich zur trockenen Arbeit des Juristen. Sammeln ist für ihn vielmehr Er-Findung und Kreativität auf der Resonanzebene.
Die Sammlung umfasst drei Schwerpunkte: 1. Deutsches Informel, 2. die abstrakte Zeit west- und ostdeutscher Kunst von ca. 1970 bis heute und 3. Polnische Kunst. Von den ersten beiden Schritten im Reich der Kunst habe ich schon gesprochen. Anfang der neunziger Jahre folgte ein dritter.
Nach der Wiedervereinigung weitete sich das Interesse von Josef Kloppenborg auf das nächste östliche Nachbarland - auf Polen aus. Zunächst nahm er an einer Gruppenreise nach Krakau teil, das nächste Mal war er mit seiner Tochter Angela in Warschau. In ihm war großes Interesse an der Kultur und Geschichte Polens erwacht. Josef Kloppenborg ärgerte sich über das Unwissen, das mangelnde Interesse und die Überheblichkeit der Deutschen den Polen gegenüber. Er begann später sogar selbst Polnisch zu lernen. Josef Kloppenborg führt uns mit seiner Sammlung eine weitestgehend unbekannte Kunst vor. Bei seinem zweiten Polenbesuch landete er in der uns eventuell dem Namen nach bekannten Galeria Foksal, in der gerade eine Ausstellung von Tomasz Tatarczyk zu sehen war. Über dessen abstrakt gefasste Landschaftsmalerei fand er den Einstieg in die Polnische Kunst. Später, als Josef Kloppenborg den Künstler persönlich kennenlernte, eröffneten sich sofort Kontaktmöglich-
keiten zu anderen wichtigen Vertretern der Polnischen Gegenwartskunst. Sie führten ihn zudem nach Krakau zu einer der ältesten Privatgalerien Polens: Zderzak - übersetzt Stoßstange - entsprechend dem Programm der Galerie. Hier lernte er den Künstler Janusz Tarabula kennen.
Josef Kloppenborg, der ein großes Interesse an jüdischer Kultur hat, stellt in Polen fest, dass Kunst sich dort besonders eindrucksvoll mit existentiellen Fragen, auch mit der Frage nach der Ewigkeit, beschäftigt. Für ihn ist die Arbeit von Jonasz Stern „Dauer“- aufgereihte Gebeine vor der unendlichen Bewegung der Elemente - eines seiner wichtigsten Sammlungsstücke. Er geht der Frage nach, inwieweit kann Malerei Erinnerung darstellen. „Sie kann es je nach Blickwinkel sehr unterschiedlich.“ Zu diesem Schluss kommt er unter anderem durch die übereinander und nebeneinander montierten Bilder des Malers Tomasz Ciecierski.
Erinnerung, Wahrnehmung, Erfahrung - all das ist gespeichert in den gesammelten Arbeiten. Für ihn wurde seine Sammlung eine Art Bibliothek. Formen von Sprache interessieren ihn überhaupt sehr. Josef Kloppenborg erforscht zusammen mit seiner Frau den Ursprung einzelner Wörter.
Über der Sammlung steht „abstrakte Kunst“. Der Dreischritt ist ein Dreiklang. Er wird u.a. auch durch Josef Kloppenborgs Vorliebe für Bilder und Zeichnungen, die wie Lesestoff daherkommen, herbeigeführt. Gliederung und Linienrhythmus erinnern an Geschriebenes, Bleifragmente auf Holz sogar an Gesetzestafeln wie bei Andrzej Szewczyks Arbeit. Peter Brünings farbige Linienschwünge stehen skriptoral diesbezüglich am Anfang der Sammlung. Andere wichtige Vertreter sind Carlfriedrich Claus, der Philosophisches sich überlagernd aufschrieb, oder Hanns Schimansky, der Tuschrhythmen horizontal Eigenleben einschreibt.
Und plötzlich taucht lesbar der Name Paul Celan als Bildformung bei einer Arbeit von László Lakner auf, sie ist programmatisch auf dem Plakat abgebildet, das über der Ausstellung steht.
Inga Kondeyne, Februar 2006




