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Und der Haifisch der hat Zähne...

Internationale Plakate zur Dreigroschenoper zum 50. Todestag von Bertolt Brecht

Die Entstehungsgeschichte der Dreigroschenoper war genauso dramatisch wie das Stück selbst. Am 10.8.1928 begannen die Proben im Theater am Schiffbauerdamm und am 31.8.1928, dem Geburtstag des Intendanten Ernst Josef Aufricht, war die Uraufführung angesetzt. Brechts Intentionen, dem Zuschauer zu zeigen, was er zu sehen wünscht, aber auch, was er nicht zu sehen wünscht und seine Forderung an die Schauspieler: „Zeigt, daß Ihr spielt!”, führten zu heftigen Auseinandersetzungen während der kurzen Zeit, die für Proben zur Verfügung stand. Lotte Lenya drohte mehrfach, sofort die Bühne zu verlassen. Als Brecht ein echtes Pferd auf der Bühne haben wollte, geriet Aufricht außer sich, weil er sein ganzes väterliches Erbe, das er in das Theater investiert hatte, schon dahinschwinden sah. Kurt Weill war ebenfalls in Atem gehalten, da sich Brecht bis zuletzt an einigen Textstellen abmühte. In der Erinnerung Aufrichts reagierte das Premierenpublikum zunächst verhalten, doch mit Schluss des Kanonensongs im zweiten Bild brach ein Beifallssturm los. „Brecht hat die Sprache, Weill hat die Musik aus der Isolierung gerissen.”, schrieb Herbert Ihering im Berliner Börsen-Courier (01.09.1928).
Nach dieser Uraufführung wurde das Stück innerhalb eines Jahres in 18 Sprachen übersetzt und an 120 Bühnen inszeniert. Adorno urteilte 1929 über die Musik Weills, dass sie im Publikum jene eint, die sich im Alltag als politische Gegner gegenüberstehen. Tatsächlich hatte das Publikum im Geschehen auf der Bühne seine eigene Situation erkannt, im Kampf einer Einbrecherbande gegen eine Bettlerbande. Ein solcher Inhalt lag in der Luft. 1926 hatte Stefan Grossmann den Erfolg von John Gays wiederentdeckter „The Beggar´s Opera” in England in seinem Journal „Das Tagebuch” rezensiert: “... uns fehlt die Legende und die Musik der Armeleutequartiere, das bißchen Mondscheinvergoldung der Mietskasernenhöfe, ...”.
Vermutlich war es Elisabeth Hauptmann, die darauf aufmerksam wurde. Sie übertrug den Text John Gays aus dem Jahre 1728 ins Deutsche. In jenem Stück des Frühkapitalismus traten erstmals Diebe, Huren und Bettler auf, ohne den Pomp der Primadonnen und Kastraten. Während der Bearbeitung konnte man sich für die originalgetreue Übernahme des Titels „Des Bettler´s Oper” nicht entscheiden. Brecht wollte das Stück „Gesindel” betiteln, dann „Die Ludenoper” oder „Die Mörder sind unter uns”. Den Titel in Analogie zum billigen Dreigroschenheft zu wählen, war Feuchtwangers Vorschlag.
Das Buch zur Oper, wie man es heute nennen würde, erschien 1934 in Amsterdam als „Dreigroschenroman”. Brecht schrieb ihn bereits im Exil. Im Nachhinein war ihm der Erfolg der Oper suspekt geworden, weil er auf der vordergründigen Romanze zu beruhen schien. Die Lovestory zwischen Polly und Macheath bleibt im Roman peripher. Statt dessen gerät „Des Bettlers Freund” Peachum nicht nur an Macheath sondern auch noch an den Schiffsmakler Coax, der sich darauf versteht, die Konkurrenz an den Rand zu bringen, die Bank zu erpressen und gleichzeitig die Regierung zu betrügen, die ihre Soldaten auf schwimmenden Särgen in die Kolonien schickt.
Die gegenwärtige Kritik an der globalisierten Ökonomie, „die eine Welt der Anarchie ist - ohne Regeln, ohne soziale Übereinkünfte,...” (Heiner Geissler), liest sich ähnlich. Mit der globalen wächst die Kleinkriminalität. In London, dem Originalschauplatz der Handlung wurde eben erst der Stadtteil Shoreditch komplett mit Überwachungskameras ausgestattet, weil statistisch jeder zweite Einwohner schon beraubt worden ist. Die Bewohner können an ihrem TV-Gerät das Geschehen auf Straßen und Plätzen live verfolgen. Die Behörden erhoffen sich einen Rückgang der Raubdelikte. Die Dreigroschenoper erlebt in jüngster Zeit viele Premieren, nach Dresden, Potsdam und Rostock, jetzt im restaurierten Admiralspalast am Bahnhof Friedrichstraße in der Inszenierung von Klaus Maria Brandauer. Von den Aufführungen der Vergangenheit zeugt die kleine Auswahl von 50 internationalen Plakaten aus dem Archiv der Akademie der Künste. Der Wandel der Interpretationen, damit auch der Schminkanweisungen an die Maskenbildner, ist ablesbar. Die Gaunerphysiognomien werden immer glatter. Auch die Bettlerrequisiten aus Peachums Verleih dienen als Bildmotive und nicht zuletzt der Haifisch aus dem Mackie-Messer-Lied. Er jagt nicht mehr, weil ihm die kleinen Fische aufopferungsvoll in den Rachen schwimmen wie in der Geschichte des Herrn K. („Wenn die Haifische Menschen wären“). „Wir tragen doch unser Geld zur Bank, oder nicht?“, fragt Helmut Brade. Vor über dreissig Jahren erkannte Klaus Staeck in der sanierungswütigen „Baumafia“ eine Mutation der Haifische. Aber auch seine neueren Bildideen (- Wir machen mit ihrem Geld, was wir wollen -) würden ins Repertoire passen, weil mit der Geschwindigkeit, in welcher Milliarden um die Welt transferiert werden, kaum noch jemand mithalten kann. Mit dem grinsenden Skelett, halb Tier - halb Mensch, erfand Paula Troxler ein Wesen, das allein dem Überlebenstrieb folgt, wie die Akteure im Stück, oder der Mensch am Anfang seiner Entwicklung. Im U-Boot über dessen Kopf verharrt der moderne „kokonisierte“ Mensch in seinem letzten Vehikel im Zustand des „rasenden Stillstands“ (Paul Virilio).
Peter Zimmermann, Juni 2006

Eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Archiv der Akademie der Künste, Berlin

Quellen:
Jan Knopf (Hrsg.), Brecht Handbuch, Stuttgart 2001
Interview mit Ernst Josef Aufricht, Archiv Deutschlandfunk
Bertolt Brecht, Dreigroschenroman, Berlin 1950
Fotokopie des Originaltextbuches der Dreigroschenoper,
Bertolt Brecht-Archiv der Akademie der Künste Berlin

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