Buchrezension: "Alphabetisierung von erwachsenen Migranten nach Montessori"

Aufgeschlagenes_Buch_in_der_Bibliothek
Bild: Fotolia_SkyLine

Ein methodischer Ansatz für die Fremd- und Zweitsprache Deutsch.

von Christiane Rokitzki

Buchrezension Rokitzki
Bild: SFZ

aus dem Tectum Verlag, 2015.

Lehrkräfte, die überlegen, ob und welche Montessori-Materialien für ihren Alphabetisierungskurs einsetzbar sind, finden hier eine gute Entscheidungshilfe.

In der Didaktik für Deutsch als Zweitsprache steht man immer vor den Herausforderungen, die ein heterogenes Zielpublikum mit den unterschiedlichsten Voraussetzungen stellt. Immer öfter begegnen uns auch Lernende, für die nicht nur das Deutsche eine neue Sprache ist, sondern auch die Schrift, das Lesen und Schreiben, eine neu zu erlernende Fertigkeit. Wie soll man mit erwachsenen Deutschlernenden umgehen, die in ihrer Muttersprache nicht lesen oder schreiben können? Der rein mündliche Sprachunterricht stößt schnell an seine Grenzen.

Das Buch von Christiane Rokitzki geht der Frage nach, inwiefern sich der methodische Ansatz von Maria Montessori für die Alphabetisierung von Erwachsenen in der Zweitsprache eignet, inwiefern eine Alphabetisierung mit diesem Ansatz in einen Deutschkurs integriert werden kann und wie der Ansatz für die spezifischen Bedürfnisse der Zielgruppe (erwachsene Lernende und ihre Lehrkräfte) weiterentwickelt werden kann.

Dieses Buch ist das Ergebnis einer Forschungsarbeit, die im Rahmen des Projekts Alphamar, Alphabetisierung von erwachsenen Einwanderern angesiedelt war und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wurde.

Die Monographie lässt grob drei Teile erkennen.
  1. Theoretische Einleitung
  2. Beschreibung der empirischen Untersuchung
  3. Auswertung und Interpretation der erhobenen Daten.
Zunächst wird der Begriff „Analphabetismus“ in seinen vielen Ausprägungen geklärt. Es ist sehr nützlich zu wissen, welchen Hintergrund die Teilnehmenden eines Sprach- und Alphabetisierungskurses haben, denn daraus resultieren unterschiedliche Anforderungen und Lernwege des Schriftspracherwerbs. Bei der Alphabetisierung in der Fremdsprache stößt man auf verschiedene Ausgangslagen, welche die Lernenden mitbringen:
  • Deutschlernende, die in der Erstsprache alphabetisiert sind, können ihr Laut-Schriftsystem nutzen, auch wenn es sich um das kyrillische oder arabische Alphabet gehandelt hat und verfügen schon über die graphomotorischen Fähigkeiten wie Stifthaltung oder Auge-Hand-Koordination. Neu sind lediglich die Formen der Buchstaben sowie die Laut-Buchstabenzuordnung, die aber für jede Sprache neu gelernt werden müssen.
  • Deutschlernende, die bereits seit einiger Zeit in Deutschland sind, verfügen evtl. über Ansätze deutscher Lautsprache, auf die sie bei der Laut-Buchstaben-Zuordnung zurückgreifen können.
  • Manche nicht alphabetisierte Fremd-/Zweitsprachenlernende müssen das zweitsprachliche Lautsystem zusammen mit der Schrift lernen, was enorme Anstrengungen erfordert und seine Zeit braucht.

Rokitzki erklärt, welche Kompetenzen beim Alphabetisierungsprozess erworben werden und welche Strategien im kindlichen wie im erwachsenen Schriftspracherwerb angewendet werden und wie sie in der Didaktik Berücksichtigung finden.

Lese- und Schreibanfänger*innen wenden normalerweise drei Strategien zum Schriftsprachenerwerb an: Die logographische, die alphabetische und die orthographische Strategie. Dabei ist zu bedenken, dass der Wechsel zwischen diesen Strategien nicht parallel beim Erwerb des Lesen und Schreibens erfolgt, sodass sich insgesamt sechs Phasen ergeben.
Die Kenntnis dieser Erwerbsstrategien ermöglicht es den Lehrenden, bestimmte Entwicklungsstufen bei ihren Lernenden zu identifizieren und eventuell auftretende Fehler als notwendige Schritte im Erwerbsprozess einzuordnen. Außerdem sind sie dann in der Lage, geeignete Methoden und Materialien für die jeweiligen Phasen auszuwählen.

Nach dem Fähigkeitenansatz setzen sich komplexe Fähigkeiten aus vielen einzelnen Elementen zusammen. Lernende kombinieren bereits beherrschte Fähigkeiten miteinander, wenn sie eine neue Fertigkeit ausbilden. Fertigkeiten sind demnach automatisch ausgeführte Komponenten einer bewussten menschlichen Tätigkeit, die sich durch Übung in dieser Tätigkeit herausbilden. Bei gefestigten Fertigkeiten wird die Steuerung von den höheren Hirnzentren auf die niederen verlagert. Das ermöglicht eine Entlastung der Großhirnrinde für andere Aufgaben. Fehlende elementare Teilfertigkeiten verursachen demnach häufig Lernprobleme und unzureichend ausgebildeter Zielfertigkeiten.

Das bei Alphamar zugrundeliegende Marburger Kompetenzmodell unterscheidet zwölf Deskriptoren (Seite 83-86, 176). Auch die Methode von Maria Montessori ist kompetenzorientiert. Ihr ist es wichtig, dass erst verschiedene Teilhandlungen mit speziell dafür entwickelten Materialien einzeln erworben werden und am Ende der Schreibprozess als eine Synthese dieser Teilhandlungen herbeigeführt wird. Die Teilhandlungen sind Handhabung des Schreibgerätes (Handmotorik), Zeichnen der Buchstabenformen und Laut-Buchstaben-Zuordnung sowie Wortsynthese mit jeweils unterschiedlichem motorischen und intellektuellem Gewicht. Das Buch beschreibt, wie Montessori-Materialien zur Heranbildung der Teilfertigkeiten eingesetzt werden können und wie dabei die Unterrichtsprinzipien (Selbsttätigkeit, Orientierung am Lerner, Polarisierung der Aufmerksamkeit, Visualisierung und Systematisierung, Fehlerverständnis, Dreistufenlektion) berücksichtigt werden.

Die empirische Untersuchung basiert auf verschiedenen Lernfortschrittsmessungen, Unterrichts-beobachtungen und Befragungen von Teilnehmer*Innen und Kursleiter*Innen. Rokitzki beschreibt in Kapitel 7 die umfangreiche Datenmenge sehr detailliert. Vor allem der Abschnitt 7.2. zur Unterrichtspraxis ist für Lehrkräfte in Alphabetisierungskursen sehr interessant. Dort werden die methodenspezifischen Unterrichtsprinzipien, wie Selbsttätigkeit, Orientierung am Lerner, Polarisierung der Aufmerksamkeit, Visualisierung und Systematisierung, Fehlerverständnis oder Dreistufenlektion einzeln mit den Rückmeldungen der Lernenden, Lehrenden und Beobachtenden beschrieben. Ebenso ausführlich geht Rokitzki auf die methodenspezifischen Materialien, wie Sandpapierbuchstaben, farbliche Markierungen von Vokalen und Konsonanten oder Wortartensymbolen.

Bei der Auswertung der Daten und dem abschließenden Fazit bestätigt Rokitzki, dass die Methode von Maria Montessori auch auf die Alphabetisierung von Erwachsenen übertragbar ist. Die Beteiligten haben bei den Unterrichtsprinzipien die Lernerorientierung, die Kleinschrittigkeit und vor allem Dreistufenlektion, sowie die verschiedenen Möglichkeiten der Visualisierung positiv empfunden. In allen Bereichen stößt man bei erwachsenen Lernenden aber gehäuft auf verfestigtes Verhalten, so dass zum Beispiel das Prinzip der ebenfalls positiv empfundenen Lernerautonomie schwer durchzusetzen ist.

Rokitzki setzt sich kritisch mit den Daten auseinander, macht Verbesserungs- und Anpassungsvorschläge, nennt auch bei Montessori fehlende Komponenten und kommt zu dem Schluss, dass die Montessori-Methode innerhalb einer Methodenvielfalt, in Kombination mit anderen Methoden den besten Erfolg hat und dass bei allem viel Geduld mit erwachsenen Lernern erforderlich ist. Rokitzkis Verdienst ist es, dass Komponenten dieser Methode Eingang in die fremdsprachliche Alphabetisierungsarbeit gefunden haben.

© Dr. Gesina Volkmann
SprachFörderZentrum Berlin Mitte

Das Buch steht in der SFZ-Bibliothek zur Einsichtnahme bereit.
ISBN 978-3-8288-3726-3