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Westhafen Bild 1

Rundgang über den Westhafen

Foto: Dr. Sonja Wüsten

Geschäftiges Treiben seit fast 100 Jahren

Hafenstadt Berlin

Der Westhafen

Ein Beitrag von Dr. Sonja Wüsten ...

Am Hafenbecken II hat ein Frachtkahn aus Rüdersdorf festgemacht. Hinter dem ehemaligen Getreidespeicher sind Container aus Holland und aus China zu sehen. Nicht weit davon entfernt parkt ein LKW aus Polen. Die weithin sichtbare Aufschrift BEHALA, die Abkürzung für "Berliner Hafen- und Lagerhausgesellschaft mbH", weist auf die Hafenanlagen.

Wussten Sie, daß es sich nach Duisburg bei dem auf einem Gelände von 433000 Quadratmetern erbauten Westhafen um den zweitgrößten deutschen Binnenhafen handelt? Wer die lebendige, bunte Atmosphäre der Häfen liebt, und das sind sehr viele Berliner, ist hier am rechten Ort, und dass in diesem großen Warenumschlagplatz ständig irgendwo gebuddelt, gebaggert und planiert wird, gehört dazu. Neu- und Umbauten spiegeln die rasante Entwicklung im Warenverkehr. Noch aus der Zeit der Erbauung stammen die denkmalgeschützten, mit schwarzbraunen Eisenklinkern verblendeten Gebäude. Der Verwaltungsbau mit seinem 52 m hohen Turm, der zehngeschossige Getreidespeicher, der neungeschossige Zollspeicher und die langen einheitlich gestalteten Lagerhallen, bieten ein beeindruckendes bauliches Ensemble. Historische und moderne Bauten, obwohl in Anpassung an die jeweilige Erbauungszeit stilistisch unterschiedlich, vermitteln doch einen überzeugenden Gesamteindruck. Er entsteht wohl dadurch, dass die Gestalt der neueren Bauwerke vor allem durch die Aufgaben bestimmt wurde, die sie im Detail und im Hinblick auf die Gesamtanlage zu erfüllen haben.
Hafenstadt Berlin
Dass die Berliner Häfen lieben, ist kein Wunder, denn schließlich ist Berlin ja aus dem Kahn erbaut. Das sagt jedenfalls der Volksmund. Tatsächlich ist die Vielzahl der Wasserwege in Berlin und dem Umland eine ganz wesentliche Voraussetzung für das Werden der Metropole Berlin gewesen. Auf der Havel und der Spree wurden schon im Mittelalter per Schiff Kaufmannsgüter wie Felle, Leder, Wolle, Metall, Wein, Gewürze, und vor allem Salz transportiert. Die Schiffahrt auf diesen Flüssen mit ihren Biegungen und sich ständig verschiebenden Wassertiefen war streckenweise äußerst schwierig. Deshalb hatte man mit der Anlage von Stauwerken und Schleusen und dem Kanalbau frühzeitig begonnen. Im 17. Jahrhundert erfolgte unter dem Kurfürst Joachim Friedrich ein erster Kanalbau. Er versandete während des 30jährigen Krieges. Unter König Friedrich II. wurde der Kanalbau wieder aufgenommen.1746 konnte der Finowkanal eröffnet werden. Die Kanalbauten des 18. Jahrhunderts waren nur mit kleinen Frachtkähnen befahrbar. Der zunehmende Warenverkehr im 19. Jahrhundert erfoderte größere Schiffe und dafür geeignete Kanäle. Der Berliner Bauboom in den Gründerjahren war unersättlich in dem Bedarf nach Mauersteinen, Kies, Kohle, Düngemitteln und Schiffsraum für den Abtransport des reichlich anfallenden Bauschutts. Neu erbaute Schiffe waren bis zu 80 Meter lang und bis zu 10 Meter breit. Die Kanäle, die Berlin mit der Elbe und der Oder verbanden, waren für solche Schiffe weder breit noch tief genug.

1906 - 1924 erfolgten deshalb der Bau des Oder - Havel - Kanals und die Anlage neuer Schleusen Ein Netz von Wasserstraßen ermöglichte nun den Verkehr großer Frachtschiffe nach Hamburg und nach Stettin.
Mit der wachsenden Binnenschiffahrt florierte auch der Hafenbau. Die im ausgehenden 19. Jahrhundert schon vorhandenen Berliner Häfen waren verhältnismäßig klein. Sie bedurften dringend einer Ergänzung durch größere Häfen mit genügend Lagerraum und Gleisanschluss. Die Berliner Kaufmannschaft forderte deshalb 1890 den Bau von zwei solchen Hafenanlagen. Dieser Forderung entsprachen der Bau des Osthafens und des Westhafens. Der Osthafen wurde am 28.09.1913 eröffnet. Der im März 1914 begonnene Bau des Westhafens konnte erst nach dem 1. Weltkrieg fertiggestellt werden. Die Eröffnung erfolgte mit den Hafenbecken I und II am 3. September 1923. Ein drittes, inzwischen zugeschüttetes Hafenbecken wurde 1927 angelegt. Bereits im Februar 1923 entstand mit der Gründung der BEHALA die Generaldirektion für alle Berliner Häfen.

Der II. Weltkrieg verursachte am Westhafen erhebliche Schäden.Von 35 Kränen waren nur noch 6 betriebsfähig. Die Hafenbahnanlagen waren zerstört, die Hauptspeicheranlagen wurden von Granaten getroffen. Die Wiederherstellung erfolgte dennoch verhältnismäßig schnell. Allerdings ist der Osthafen infolge der Berliner Teilung 1948 aus der gemeinsamen Verwaltung herausgelöst und bis zum Mauerfall als Volkseigener Betrieb geführt worden.
Der Westhafen
Im Westhafen entstanden von den 50er Jahren bis in die Gegenwart hinein bedeutende Erweiterungsbauten u.a. eine Kohleverladeanlage, der Zementsilo und ein neues großes Tanklager. Das alte Verwaltungsgebäude ergänzt ein Neubau abwechslungsreich in der architektonischen Gestaltung. Die denkmalgeschützten Gebäude erhielten, soweit sie ihrem ursprünglichen Zweck nicht mehr dienen können, im Innern eine neue geeignete Nutzung. In dem mächtigen einstigen Getreidespeicher z.B. lagern jetzt Aktenbestände aus dem Merseburger Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz. Im Erdgeschoss befindet sich der großzügig gestaltete lichte Lesesaal der Zeitungsabteilung der Staatsbibliothek. Er bietet den Lesern inmitten dieses nicht gerade geräuscharmen Warenumschlagplatzes Westhafen eine Oase der Stille und viel Platz für die durch moderne Technik erleichterte Arbeit.
Hafenbecken II.
Was manchen Leser dieses Artikels vielleicht überrascht, ist das mehrfach abgebildete fast leere Hafenbecken II. Die Leere ist nicht darauf zurückzuführen, daß der Schiffsverkehr hier zum Erliegen kam, sondern es ist die Folge der durch moderne Technik sehr verkürzten Liegezeiten der Schiffe.

Nur ein kleines weißes Motorschiff hat im Hafenbecken II offenbar einen Dauerliegeplatz. Kreuz und Anker kennzeichnen es als Kirchenboot. Es trägt den Namen "Wichern Archenowa". Johann Hinrich Wichern (1808 bis 1881) war ein Begründer der Inneren Mission. Das Schiff steht im kirchlich - diakonischen Dienst der Evangelischen Binnenschiffergemeinde Berlin und Brandenburg. Er beschränkt sich nicht auf die Seelsorge sondern leistet auch eine vielseitige praktische Hilfe für die Fahrensleute, die, in ganz Europa unterwegs, mehr Beistand benötigen als ortsansässige, mit allen Einrichtungen vertraute Bürger. Der kirchliche Dienst findet durch den um 1900 gegründeten und noch bestehenden Schifferverein Unterstützung. Der Spandauer Verein zählt noch heute über 200 Mitglieder.


Die Basis der damals vielerorts erfolgten Vereinsgründungen bildeten an den Fluss- und Kanalufern entstandene Schifferansiedlungen in denen zahlreiche Schiffseigner lebten. Die Schiffsführung lag einst in den Händen selbständiger Eigner, zumeist waren es Familienunternehmen. Durch den vermehrten Einsatz der großen im Besitz finanzstarker Reedereien befindlichen Frachtkähne ging die Kleinschiffahrt zurück, und damit verminderte sich die Zahl der selbständigen Schiffseigner erheblich. In den letzten Jahrzehnten kam hinzu, dass der Warentransport per Bahn und per LKW zunehmend Bedeutung gewann. Damals hatten sich in den Schifferansiedlungen auch speziell für die Binnenschiffahrt notwendige Handwerker, wie die Seiler, etabliert. Sie lieferten die Ausrüstung für das Treideln, hierzulande trecken genannt. Der Kahn wurde mit einer Leine am Treckboom befestigt und durch Menschenkraft gezogen. Oft treckten ganze Familien. In den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts begann das Treideln mit Pferden. Die Schleppdampfer kamen auf der Havel erst um 1900 auf. Bekannt und berühmt waren die Schiffervereine durch ihre im Winter gefeierten Feste. Und da sie nicht im Reichtum schwammen, wurden die Zutaten für den Festschmaus oft am Vortag bei den Schifferfamilien eingesammelt. Aus dem märkischen Bernöwe ist ein Spruch bekannt, den die Sammler aufsagten: " Hoch in die Förschte hängen die Broatwörschte. Jäbt uns die langen, loat de korten hangen bes annermoal! Jäbt uns'n Schwienekopp, is noch bäter wie ne Broatworscht. Jäbt uns'n Jlas Bier, sind wie jleich wedder hier!"


Schiffer- und Hafenkirche
Ein unauffälliges niedriges Haus neben dem Eingang zur U-Bahnstation Westhafen. Es ist nicht denkmalgeschützt, historisch aber doch von Interesse. Es trägt die Aufschrift " Schiffer- und Hafenkirche". Einige Schaukästen mit alten Fotos gewähren Einblick in das Leben und die Arbeit der Schiffer im ausgehenden 19. und im frühen 20. Jahrhundert. Eine Abbildung mit einem dazugehörigen Text, datiert am 25.8. 1903, berichtet von einer ersten Ortskirche der Schiffer. Tatsächlich handelte es sich dabei um ein von Stützen getragenes, an einen Speicher angebautes Dach. Zwischen den Stützen fehlten nach drei Seiten hin die Wände. Das ist merkwürdig in einer Zeit, in der die Mehrheit der Kirchen in Berlin und im Umland Renovierungen, Um- und Erweiterungsbauten erfuhren oder Neubauten entstanden. Am 13. November 1904 sorgte jedoch kaiserliche Förderung dafür, dass die Schiffergemeinde nicht länger leer ausging. "Schwimmendes Schifferheim in Berlin", unter dieser Überschrift erschien am 14. November 1904 in der Kreuz- Ztg. ein Bericht über die Einweihung eines Kirchenschiffes in Gegenwart der Kaiserin Auguste Victoria und des Prinzen Eitel-Friedrich. Eine Bibel mit eigenhändiger Widmung der Kaiserin, die die Gemeinde anläßlich der Festlichkeit erhielt, befindet sich im Besitz die Schiffer und Hafenkirche am Westhafen. Sie ist 1968 eingerichtet worden. Der mit zahlreichen Erinnerungsstücken an die Binnenschiffahrt ausgestattete Innenraum wirkt ebenso bunt wie anheimelnd. Zum sonntäglichen Gottesdienst versammeln sich dort ältere ehemalige Fahrensleute. Die junge Schiffergeneration ist in der Regel irgendwo europaweit auf den Wasserwegen unterwegs. Dennoch hat die durch die besonderen Arbeits-und Lebensbedingungen der Schiffer von jeher gültige enge Verbundenheit zwischen Alt und Jung auch heute noch Bestand.

Dr. Sonja Wüsten

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