Kunstwettbewerb für die Gestaltung des Gedenkorts Güterbahnhof Moabit entschieden

Pressemitteilung Nr. 359/2016 vom 19.08.2016

Die Bezirksstadträtin für Weiterbildung, Kultur, Umwelt und Naturschutz, Sabine Weißler, informiert:

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Senatskanzlei – Kulturelle Angelegenheiten hat in Abstimmung mit dem Bezirksamt Mitte von Berlin im April 2016 einen nichtoffenen Kunstwettbewerb mit 9 eingeladenen Künstlerinnen und Künstlern zur künstlerischen Gestaltung des „Gedenkorts Güterbahnhof Moabit“ in Berlin-Mitte ausgelobt.

Welche Bedeutung der Güterbahnhof Moabit in der Zeit des Nationalsozialismus bei der systematischen Deportation von Juden aus Berlin wirklich hatte, war lange Zeit nicht bekannt. Inzwischen ist jedoch belegt, dass die meisten der sogenannten „Sondertransporte“ von den Gleisen 69, 81 und 82 des Güterbahnhofs Moabit erfolgt sind. Über 30.000 Menschen wurden von hier aus in den Tod geschickt.

Ziel des Kunstwettbewerbs war es, den heute stadträumlich vergessenen Ort der Landkarte der Berliner Gedenkkultur hinzuzufügen und die längst überfällige Erinnerung in das kollektive Gedächtnis der nachfolgenden Generationen einzuschreiben.

Sabine Weißler, Stadträtin für Weiterbildung, Kultur, Umwelt und Naturschutz, erklärt:
„Die Geschichte der Missachtung dieses Ortes und seiner Wiederentdeckung ist auch die Geschichte der Hilflosigkeit im Umgang mit Orten des Holocausts unter dem kommerziellen Verwertungsdruck innerstädtischer Flächen, Straßenplanung und Gewerbegebieten. Es ist erschreckend, wie glücklich wir sein müssen, wenigstens 230 qm als Gedenkort gerettet zu haben. Die Erinnerung an den größten Deportationsbahnhof in Berlin wird nun bewahrt.“
Das Preisgericht hat unter Vorsitz von Prof. Dr. Stefanie Endlich am 18. August 2016 die Arbeit „Hain“ des Kollektivs raumlabor berlin mehrheitlich mit dem 1. Preis ausgezeichnet und zur Realisierung empfohlen.

Die Realisierung des Ergebnisses obliegt dem Bezirk Mitte und wird finanziert durch Mittel der LOTTO-Stiftung Berlin.

Der 2. Preis wurde an die Arbeit „WEG-ORT-NACHBARN“ der Künstlerin Katharina Hohmann vergeben. Die Arbeit „DER HAIN – nach der Deportation“ von Andrea Zaumseil erhielt eine Anerkennung.

Zum Verfahren / Kosten
Für die Realisierung des Gedenkortes stehen insgesamt bis zu 130.000 Euro (brutto) zur Verfügung.

Beschreibung „Hain“
Die Verfasser schlagen vor, „an diesem Ort kein Objekt zu installieren, welches die Aufmerksamkeit und Bedeutung auf sich zieht, sondern den gesamten Ort mit seinen widersprechenden Zeitschichten besser lesbar und erlebbar zu machen.“ Der Ort soll in „all seiner Unwirtlichkeit so etwas wie Würde erhalten“. Der erhaltene Gleisabschnitt soll von Vegetation befreit werden und durch eine klar ausgebildete Kante von der Restfläche getrennt werden. Es soll ein Hain aus 24 Waldkiefern gepflanzt werden, um „das Gedenkfeld damit aus seiner Umgebung heraus zu heben. Die Kiefern stehen dicht, mit den Jahren wachsen sie weit über die angrenzenden Baukörper hinaus. Es entsteht ein weithin sichtbarer klar definierter Raum. Als deplatziertes Fragment eines Kiefernwaldes in diesem unwirtlichen Kontext, entsteht eine Verbindung zur Landschaft. Genau wie das Fragment des Gleises 69 eine Verbindung zu den Orten der Ausgrenzung und Vernichtung herstellt, die noch heute als authentische Orte existieren. Gleichzeitig entsteht ein Schutzraum, ein Ort der sich abgrenzt, ein Raum in den man eintreten kann… Ein Ort, der über die Jahre an Qualität und Sichtbarkeit zunimmt.“

Die Aufstellung von zwei Informationstafeln aus Cortenstahl, jeweils am Zugang von der Quitzowstraße und der Ellen-Eppstein-Straße wird vorgeschlagen. Auf diesen Tafeln kann ein Plan des Weges der Deportierten durch Moabit zum Güterbahnhof, Zeitzeugenzitate sowie eine Beschreibung der Deportationen, aber auch eine Beschreibung des Umbaus des Güterbahnhofs Moabit zum Gewerbegebiet sowie ein Grundriss der ehemaligen Gleisanlage dargestellt werden. Es wird vorgeschlagen, den Zaun an der Ellen-Epstein-Straße zu beseitigen und das Geländegefälle etwas anzupassen. An den Gehweg angrenzend soll eine Schwelle bzw. Bank aus drei großen Granitsteinen installiert werden.

Die Preisträger
raumlaborberlin
Das Berliner Kollektiv raumlabor wurde 1999 gegründet und versteht sich nicht als Architekturbüro, sondern arbeitet in (fast) allen kulturellen Feldern mit Raumbezug. Die Gruppe pflegt eine sehr kooperative Arbeitsweise, in der soziale Situationen eine zentrale Rolle spielen. raumlabor arbeitet an der Verbindung von Kunst, Architektur, Stadtentwicklung und Performance, oft mit dem Mittel der urbanen Interventionen. raumlabor besteht aus Andrea Hofmann, Axel Timm, Benjamin Foerster-Baldenius, Christof Mayer, Florian Stirnemann, Francesco Apuzzo, Frauke Gerstenberg, Jan Liesegang und Markus Bader. (Link: raumlabor.net)

Alle eingereichten Entwürfe des Kunstwettbewerbs sind vom 25. August bis 2. September 2016 jeweils von 12.30 bis 20.00 Uhr im Auditorium des Dokumentationszentrums Topographie des Terrors, Niederkirchnerstraße 8, 10963 Berlin-Kreuzberg zu sehen. Der Eintritt ist frei. Im Sommer 2017 wird der Gedenkort der Öffentlichkeit übergeben.

Im Rahmen der Ausstellungseröffnung am Mittwoch, 24. August 2016, um 17 Uhr geben Prof. Dr. Andreas Nachama (Direktor der Stiftung Topographie des Terrors) sowie Sabine Weißler (Bezirksstadträtin für Weiterbildung, Kultur, Umwelt und Naturschutz im Bezirk Mitte von Berlin) eine thematische Einführung zum Gedenkort Güterbahnhof Moabit. Im Anschluss daran werden die künstlerischen Entwürfe von der Vorsitzenden des Preisgerichts, Prof. Dr. Stefanie Endlich vorgestellt. Geplant ist, dass das Künstlerkollektiv Raumlabor ihren zur Realisierung empfohlenen Entwurf persönlich präsentieren wird.

Medienkontakt:
Fachbereichsleiterin Kunst und Kultur, Dr. Ute Müller-Tischler, Tel. (030) 9018-33408
Bezirksstadträtin für Weiterbildung, Kultur, Umwelt und Naturschutz, Sabine Weißler, Tel. (030) 9018-33500

Siegerentwurf für den Gedenkort Güterbahnhof Moabit

Copyright: raumlaborberlin

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