13. Todestag von Hatun Sürücü: Berliner Arbeitskreis gegen Zwangsverheiratung gedenkt der Opfer von Gewalttaten im Namen der Ehre

Pressemitteilung Nr. 18 vom 02.02.2018

Der Berliner Arbeitskreis gegen Zwangsverheiratung ruft zum Gedenken an Hatun Sürücü sowie aller Opfer von Gewalt im Namen der Ehre auf.

Wann? 7. Februar, 14 Uhr
Wo? am Gedenkstein für Hatun Sürücü (Oberlandgarten 1/Ecke Oberlandstraße), 12099 Berlin-Tempelhof

Beim Gedenken werden Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler, Monika Michell von Terre des Femmes sowie die Koordinatorin des Berliner Arbeitskreises gegen Zwangsverheiratung, Petra Koch-Knöbel, eine kurze Ansprache halten.

Am 7. Februar 2005 wurde Hatun Sürücü im Alter von 23 Jahren von ihrem jüngeren Bruder auf offener Straße in Berlin-Tempelhof erschossen. Sie wollte ein freies und selbstbestimmtes Leben führen und hat damit bewusst gegen die strengen Regeln und tradierten Ehrvorstellungen ihrer Familie verstoßen. Von diesen veralteten Wertvorstellungen patriarchalisch geprägter Familien sind junge Männer sind betroffen, insbesondere wenn ihr Lebensentwurf nicht der heterosexuellen Norm entspricht. Homosexualität ist geächtet, die Jungfräulichkeit (der Frau) das höchste Gut und Grundvoraussetzung für das Ansehen der ganzen Familie. Die daraus entstehenden Konflikte scheinen oft unlösbar. Häufig enden sie mit einer Zwangsverheiratung, bei manchen, wie im Falle Hatuns, mit einem „Ehren“-Mord.

„Hatun Sürücüs Schicksal steht für viele Mädchen und Frauen, die unter Gewalt im Namen der Ehre leiden. Sie leben in patriarchalisch geprägten Familien, in denen sie kontrolliert werden und in denen voreheliche Beziehungen verboten sind. Diese tradierten Werte kollidieren im Laufe des Erwachsenwerdens mit der Suche nach selbstbestimmten Lebenswelten. Diese Unterdrückung junger Frauen, aber auch Männer, in unserer Stadt wollen wir nicht dulden.“, sagt Monika Herrmann, Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg.

Seit 2002 gibt es den Berliner Arbeitskreis gegen Zwangsverheiratung, der von der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten des Bezirkes Friedrichshain-Kreuzberg koordiniert wird. In diesem Gremium sind die Berliner Antigewaltprojekte, Krisen- und Zufluchtseinrichtungen, TERRE DES FEMMES, HEROES, der Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg, Frauenhäuser, Schulen, Rechtsanwältinnen, Polizei, Jugendämter und Jobcenter sowie die für die Frauenpolitik zuständige Senatsverwaltung vertreten.

In den 13 Jahren seit Hatun Sürücüs Tod hat es durchaus Fortschritte in den Bereichen der Justiz und in der Aufklärungsarbeit gegeben. Zwangsverheiratung ist inzwischen ein eigener Straftatbestand und „Ehren“-Morde werden in der Regel nicht mehr als Totschlag mit einer geringen Strafe geahndet.

Der Arbeitskreis hat 2017 Handlungsempfehlungen für die Berliner Jugendämter zum Thema „Intervention bei Gewalt gegen Mädchen und jungen Frauen in traditionell-patriarchalen Familien erarbeitet, um die Jugendamtsmitarbeiter*innen im Umgang mit schwierigen Familienkonstellationen bei Gewalt und Zwangsverheiratung zu unterstützen und Hilfsangebote für Mädchen und junge Frauen in Konfliktsituationen zu etablieren. Derzeit führt der Berliner Arbeitskreis gegen Zwangsverheiratung für den Zeitraum 2017 eine erneute Befragung durch, um das Ausmaß von Zwangsverheiratungen in Berlin abzubilden und Beratungsbedarfe zu formulieren. Außerdem hat der Berliner AK die Informationsbroschüre zu Zwangsverheiratungen aktualisiert, die in diesem Jahr gemeinsam mit dem Berliner Interventionsprojekt gegen Gewalt veröffentlicht wird.

Anlässlich des 13. Todestages von Hatun Sürücü richtet der Berliner Arbeitskreis gegen Zwangsverheiratung folgende fünf Forderungen an die Politik:

1. Benennung einer repräsentativen Einrichtung (Schule, Kita, Bibliothek etc.) im Bezirk Tempelhof-Schöneberg nach Hatun Sürücü
2. Finanzielle Absicherung und Weiterentwicklung der vorhandenen Beratungseinrichtungen, Kriseneinrichtungen und Präventionsangebote für die besonderen Bedarfe der Unterstützung bei Gewalt im Namen der Ehre, einschließlich der Qualifizierung der Arbeit mit dem Umfeld der betroffenen Mädchen
3. Beratung und sichere Unterbringung auch für Paare und betroffene (junge) Männer. Hierbei muss insbesondere auch dem Umstand Rechnung getragen werden, dass einige Menschen aufgrund von Homosexualität gefährdet sind. Durch die Zuspitzung auf dem Wohnungsmarkt sollte es zudem eine Erweiterung des geschützten Marktsegments in diesem Bereich geben.
4. Der Berliner AK fordert die Entwicklung und das Vorhalten von Fortbildungsangeboten für Behörden und Institutionen insbesondere für den Bereich der Justiz zum Thema Zwangsverheiratung.
5. Wir fordern des Weiteren die Einbeziehung des Themas Zwangsverheiratung und Gewalt im Namen der Ehre in die Curricula der relevanten Berufsgruppen wie Lehrkräfte und Sozialwesen etc.

Ansprechpartnerin
Berliner Arbeitskreis gegen Zwangsverheiratung
c/o Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg von Berlin
Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte
Petra Koch-Knöbel

Telefon: (030) 90 298-4111
petra.koch-knoebel@ba-fk.berlin.de