Halbe Sachen werden hier nicht gemacht!

08.10.2018

Marseille
Bild: Caren Reibold

Je mehr ich mich mit dem Projekt Euroméditerranée beschaeftige, desto mehr beschleicht mich der Eindruck: Halbe Sachen werden hier nicht gemacht!

In einem Geltungsbereich von 480 ha investieren der franzoesische Staat, andere oeffentliche Institutionen und Private ca. 7 Millarden Euro. Es entstehen ganze neue Stadtviertel mit jeder Menge Hochhäusern. Dafür wird an vielen Orten der Bestand abgerissen. Auf den Baustellen, die ich wahrgenommen habe, entsteht im Moment viel Wohnungsbau.

Städtebaulich besonders interessant finde ich, was an den Rändern passiert: dort stoßen die Neubaugebiete teilweise auf alte, heruntergekommene Baustruktur mit einer sozial sehr schwachen Bevölkerungsstruktur. Teilweise gibt es dort Aufwertungsprogramme. Ein Platz wurde z.B. mit einer sehr hohen Aufenthaltsqualität neu gestaltet. Ob es Maßnahmen gibt, wenn ein Verdrängungsdruck für die Bewohner entsteht, konnte ich noch nicht herausfinden.

Ich wurde an meinem ersten Tag am 1. Oktober sehr freundlich und herzlich in der Direction de l’Urbanisme der Stadt Marseille empfangen.

An den ersten Tagen habe ich sehr viel mit Kollegen gesprochen, um zu berichten, was ich herausfinden moechte, und zu erfahren, was sie jeweils fuer Aufgaben haben. Gar nicht so einfach ist es – bei der zentralstaatlichen Struktur Frankreichs – herauszufinden, welche Zustaendigkeiten jeweils die verschiedenen Verwaltungsebenen Stadt Marseille – Departement – Metropole – Region – Französische Republik haben. Die Direction de l’Urbanisme ist dafür zuständig, Baugenehmigungen einschließlich städtebaulicher Beurteilung zu erteilen.

Ich habe die Kollegen mehrmals bei Bauberatungen begleitet, was ein guter Einstieg war, um dann später vertieft den Bebauungsplan von Marseille zu lesen – und die Fachbegriffe zu verstehen. Eine Verhandlung im Gericht konnte ich auch schon miterleben. Verstöße gegen Baugenehmigungen werden hier interessanterweise vor dem Strafgericht verhandelt.

Ein absolutes Highlight war eine Fahrt am Freitag mit Kolleginnen in die nord-westlichen Bezirke. Dort existiert eine sehr diverse Struktur mit landwirtschaftlichen Bereichen, teilweise dörflichen und teilweise städtischen Strukturen und mehreren Hochhaussiedlungen mit sozialem Wohnungsbau aus den 60er und 70er Jahren. Die Hochhaussiedlungen liegen teilweise komplett isoliert, mit mäßiger bis schlechter verkehrlicher Anbindung, eine Siedlung mit einer Zufahrt durch einen Wald – aber in Hanglage mit einem unglaublichen Blick auf Marseille. Die Stadt Marseille hat ein umfangreiches Programm aufgelegt, um die Siedlungen aufzuwerten, u. a. durch Gesundheitszentren, Sozialarbeiter, teilweise aber auch mit Abriss und Neubau sowie Umsiedlung und Austausch der Bevölkerung.

Ich bin gespannt auf die nächste Woche!

Caren Reibold