169. Kiezspaziergang

Vom Ernst-Reuter-Platz zur Deutschen Oper

Bezirksbürgermeister Reinhard Naumann

Bildvergrößerung: Kartenskizze Kiezspaziergang 9.1.2016
Kartenskizze Kiezspaziergang 9.1.2016 Bild: BA Charlottenburg-Wilmersdorf, ML

Treffpunkt: Ernst-Reuter-Platz vor dem Fachbereich Architektur, Länge:1,5 km

Herzlich willkommen zu unserem 169. Kiezspaziergang! Unser Spaziergang erkundet heute neue Aspekte um den Ernst-Reuter-Platz und den Campus Charlottenburg. Nach unserem Besuch des Architekturmuseums gehen wir an der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt vorbei zum Neubau der Deutschen Bank in der Otto-Suhr-Allee. Am CHIC, dem Charlottenburger Innovations-Centrum, wird uns Herr Kelly, einer der Architekten des Erweiterungsbaus, das Konzept des Umbaus vorstellen. Herr Kelly ist bereits unter uns, und ich begrüße ihn ganz herzlich in unserer Runde. Gegenüber vom CHIC liegen das ehemalige Schiller-Theater mit der Staatsoper und das Haus der Wirtschaft. Neben dem CHIC befindet sich die Berliner Filiale der Deutschen Bundesbank. Von dort aus ist es nicht weit bis zum Oberstufenzentrum Ruth-Cohn-Schule. Endpunkt des Januarspaziergangs ist die Deutsche Oper, wo uns Herr Königsdorf, der Chefdramaturg der Deutschen Oper, sein Haus vorstellen wird.

Aber bevor wir starten, möchte ich Ihnen den Treffpunkt für den Februarspaziergang bekanntgeben. Wir werden uns am Samstag, den 13. Februar, um 14 Uhr am S-Bahnhof Westend treffen. Von dort geht es zuerst zu LISA e.V., dem Verein für Mädchenarbeit in unserem Bezirk, und dann zum Klausenerplatz zur St.-Kamillus-Kirche. Wir spazieren dann die Nehringstraße entlang zu Diwan, dem interkulturellen Nachbarschaftszentrum und Mehrgenerationenhaus und anschließend zum Sitz des Kiezbündnisses. In der Danckelmannstraße wurde das Frauenforschungs- Bildungs- und Informationszentrum gegründet, auch dazu werde ich Ihnen etwas erzählen, ehe wir zum ehemaligen Ledigenheim und heutigen Wohnheim für Studierende kommen. Dann geht es durch die Knobelsdorffstraße zur Epiphanienkirche. Endpunkt ist der U-Bahnhof Kaiserdamm.

Nun beginnen wir aber mit unserem heutigen Spaziergang.

Station 1: Ernst-Reuter-Platz

Wir stehen hier auf dem Ernst-Reuter-Platz. Dieser hieß früher Knie und erhielt am 3. Oktober 1953 seinen Namen zu Ehren des vier Tage zuvor verstorbenen Regierenden Bürgermeisters Ernst Reuter.
Ernst Reuter wurde am 29. Juli 1889 in Schleswig-Holstein geboren, wo er in bürgerlichen Verhältnissen aufwuchs. 1912 trat er in die SPD ein. Er betätigte sich für sie als Wanderredner und Journalist. Nachdem er im Ersten Weltkrieg in russische Kriegsgefangenschaft geraten war, war er nach der Oktoberrevolution Volkskommissar im Siedlungsgebiet der Wolgadeutschen in Saratow. Von 1919 bis zu seinem Ausschluss 1922 gehörte er der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) an und war 1921 auch ihr Generalsekretär. Über die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) kam Reuter 1922 wieder zur SPD, für die er 1926 Berliner Stadtrat für Verkehr wurde. 1931 wurde er Oberbürgermeister der Stadt Magdeburg. Nach seiner Amtsenthebung durch die Nationalsozialisten und zweimaliger Gefangenschaft im Konzentrationslager Lichtenburg bei Torgau ging Reuter 1935 ins türkische Exil. Ende 1946 kehrte Reuter nach Berlin zurück und wurde Stadtrat für Verkehr und Versorgungsbetriebe. Im Nachkriegsberlin entwickelte er sich rasch zum wichtigsten sozialdemokratischen Politiker. Seine Wahl zum Oberbürgermeister durch die Berliner Stadtverordnetenversammlung im Juni 1947 erkannte die sowjetische Besatzungsmacht nicht an. Von 1948 bis zu seinem Tod war er Regierender Bürgermeister von West-Berlin. Er setzte sich für die Gründung eines westdeutschen Staates ein und sorgte für eine enge Verknüpfung West-Berlins mit der Bundesrepublik.

Station 2: Telefunken-Hochhaus

Der Stadtplaner Bernhard Hermkes gewann 1955 einen Wettbewerb für die Gestaltung des Ernst-Reuter-Platzes. Durch seinen städtebaulichen Entwurf waren die Abmessungen und Geschosszahlen der Gebäude rund um den Platz vorgegeben.
Das Telefunken-Hochhaus am Ernst-Reuter-Platz Nr. 7 wurde von 1958 bis 1960 von den Architekten Paul Schwebes und Hans Schoszberger entworfen. Die Baukosten beliefen sich auf 10 Millionen Mark. Das Gebäude hat 22 Stockwerke und eine Traufhöhe von 80 m. Bis zur Fertigstellung des Europa-Centers im Jahr 1965 war es das höchste Hochhaus Berlins.
Das Gebäude war als Firmenzentrale von der AEG-Tochterfirma Telefunken konzipiert. Nach der Fusion beider Unternehmen zur AEG-Telefunken AG wurde es von dieser zunächst weiter genutzt und schließlich 1975 an den Berliner Senat verkauft. Heute ist die Technische Universität Berlin Nutzerin des Gebäudes. Neben Fachbereichen und Zentraleinrichtungen der TU Berlin gibt es weitere Untermieter wie das das An-Institut Telekom Innovation Laboratories der TU Berlin sowie industrielle Partner, wie etwa die Daimler AG. Das Europäische Institut für Innovation und Technologie (EIT ICT) und das European Center for Information and Communication Technologies (EICT) haben ihren Sitz ebenso im Gebäude wie das Center for Metropolitan Studies (CMS) ein Institut der TU Berlin und das Zentrum für Antisemitismusforschung. Das Studentenwerk Berlin betreibt im 20. Obergeschoss eine öffentlich zugängliche Cafeteria.
Der Stahlbetonskelettbau hat eine Fassade aus Sichtbeton. Die Aufzugsanlage mit insgesamt fünf Aufzügen befindet sich in der Mitte des Gebäudes. Die beiden Treppenhäuser sind als schmale Türme außen an die Seiten des Hochhauses angesetzt und werden vor allem als Fluchttreppe genutzt. An Vorder- und Rückfront sind vier vertikal verlaufende und sich nach oben verjüngende Stützen aus Stahlbeton. Dafür wurde das Gebäude berühmt.
In zwei Umbauphasen wurden zwischen 2005 und 2007 mehrere Etagen komplett umgestaltet. Die vorhandene Zellenstruktur der Büros wurde für den damaligen Nutzer Deutsche Telekom Laboratories (heute: Telekom Innovation Laboratories) in eine offene Bürolandschaft mit Desksharing-Arbeitsplätzen umgebaut. Das Konzept wird durch sehr individuell gestaltete Besprechungsräume, Denkerzellen und eine interne Cafeteria für informelle Kommunikation bestimmt. In der zweiten Umbauphase entstanden auch eine neue Laboretage im 15. Obergeschoss und ein Konferenzbereich im 20. Obergeschoss.

Station 3: Ernst-Reuter-Platz / Die Flamme von Bernhard Heiliger

Die Flamme von Bernhard Heiliger, Kiezspaziergang 9.1.2016
Die Flamme von Bernhard Heiliger, Kiezspaziergang 9.1.2016 Bild: BA-CW, ML

Wir stehen hier vor der Flamme von Bernhard Heiliger. Der Bildhauer wurde am 11. November 1915 in Stettin geboren und starb am 25. Oktober 1995 in Berlin. Heiligers vielfältiges Schaffen erstreckt sich von einer organisch-verschliffenen Figuration am Beginn seiner Karriere, die in ihrer Ästhetik an Werke Henry Moores erinnert, bis hin zur freien Abstraktion. Heiliger löste sich von der menschlichen Figur ab den 1960er Jahren in Form von vegetabilen, aufgebrochenen Gebilden, die an die gegenstandslose Kunst des europäischen Informel anknüpften. Ab den 1970er Jahren gelangte Heiliger dann zu technoid anmutenden Raumkompositionen, die dann in die musikalisch gestimmte Geometrie der späten Jahre mündeten. Die Aufhebung von Masse und Volumen sowie das Festhalten von Bewegung in einem statischen Moment sind dabei zentrale Aspekte.
Die etwa sieben Meter hohe Bronzeplastik Die Flamme entstand 1962/63. Sie wurde anlässlich des 10. Todestages von Ernst Reuter 1963 eingeweiht. Sie steht als Sinnbild für Dynamik, im Boden eingraviert ist ein Zitat Reuters: “Friede kann nur in Freiheit bestehen”.

Wir stehen hier vor dem Architekturgebäude der TU Berlin. Das Hochhaus wurde 1963-68 von Bernhard Hermkes, also dem Planer des Ernst-Reuter-Platzes, der Flachbau 1962-69 von Hans Scharoun erbaut. Eine Besonderheit ist der Tiefgarten, der von der Gartenarchitektin Herta Hammerbacher entworfen wurde. Aufgrund der finanziellen Lage kann der Tiefgarten nicht mehr fachlich gepflegt werden.

Nun gehen wir in das Architekturmuseum hinein, wo uns Herr Dr. Nägelke seine Einrichtung vorstellen wird.

Station 4: Straße des 17. Juni 152 / Architekturmuseum der TU Berlin

Das Architekturmuseum wurde 1885/86 an der Technischen Hochschule zu Charlottenburg gegründet. Es ist eine der ältesten Einrichtungen dieser Art in Europa und hat eine wechselvolle Geschichte: mal war es Museum, dann Archiv, dann eine Sammlung und seit 2007 ist es nun wieder Museum. Es gehört zur Universitätsbibliothek der Technischen Universität Berlin. Um 1900 vereinte das Architekturmuseum bereits 20.000 Architekturzeichnungen von 293 Architekten, 45 Baumodelle und etwa 100 Skizzenbücher in seiner Schau- und Studiensammlung. Aber ich möchte Herrn Dr. Nägelke nicht vorgreifen.
Der Altbestand besteht aus den Architekturzeichnungen bedeutender preußischer Architekten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Zudem gehören die ehemaligen Bestände des Berliner Architektenvereins und größere Einzelnachlässe zum Museum, z. B. die des Gartenbaudirektors Erwin Barth oder der Architekten Werner March, Hanz Poelzig und Paul Schwebes. Auch historische Fotografien findet man im Museum.
Die Herauslösung des Schinkel-Museums aus den Sammlungen der Technischen Hochschule und dessen Übergabe an die Staatlichen Museen auf der Berliner Museumsinsel veranlassten die Architekturabteilung zu einer Neubestimmung der Aufgaben des Architekturmuseums: Neben den historischen Beständen der Schau- und Studiensammlung sollten wechselnde Ausstellungen über zeitgenössische Architekten und zu aktuellen Bauaufgaben stattfinden. Dieses Konzept trug sowohl dem zunehmenden Interesse der Öffentlichkeit am baulichen Geschehen in Berlin Rechnung, wie auch der studentischen Kritik an der veralteten Ausbildung. Mit den vielbeachteten Ausstellungen von Entwürfen Hans Poelzigs und Emil Fahrenkamps Anfang 1925, denen Arbeiten von Le Corbusier und Wilhelm Kreis im Jahr 1926 folgten, wurde das Architekturmuseum schnell ein öffentlich anerkanntes Forum für Architekturausstellungen in Berlin.
Trotz des Versuches in der unmittelbaren Nachkriegszeit, die Bestände des ehemaligen Architekturmuseums der Technischen Hochschule den Berliner Staatlichen Museen einzuverleiben, gelang es der Architekturfakultät, die dezimierten und stark beschädigten Bestände an die Hochschule zurückzuführen und seit Beginn der 50er Jahre unter dem Namen »Plansammlung der Architekturfakultät« der Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen.
Ab 1972 konnte die Sammlung als Teil der Universitätsbibliothek mit festem Personal und Etat wieder eine systematische Sammlungspolitik betreiben. Ihr nach Kriegsende auf ca. 20.000 Blatt geschrumpfter Bestand wurde inzwischen wieder mehr als verfünffacht. Seit 2004 mit wachsenden Online-Beständen im Netz und seit 2005 mit eigenem Ausstellungsraum auch am Original erlebbar, wendet sie sich wieder verstärkt der Öffentlichkeit zu und kehrte deshalb 2006 zu ihrem historischen Namen »Architekturmuseum« zurück. Bis zum 28.1.15 wird im Museum eine Ausstellung zur modernen slowakischen Architektur gezeigt.
Der Online-Katalog bildet derzeit einen Bestand von 132.263 Zeichnungen, Drucken und Fotografien ab, die bislang im Rahmen eines Datenerfassungs- und Digitalisierungsprojekts aufgenommen worden sind. Zu 127.328 Datensätzen sind digitale Abbildungen vorhanden.
Vielen Dank, Herr Dr. Nägelke!

Station 5: Marchstraße

Die Marchstraße verläuft vom Ernst-Reuter-Platz bis zur Franklinstraße am Einsteinufer. Sie wurde am 29.7.1863 nach dem Unternehmer Ernst March benannt, der seit 1836 auf dem sogenannten ‘Thiergartenfeld’ zwischen der heutigen Marchstraße, der Straße des 17. Juni und der Spree seine Tonwarenfabrik Ernst March und Söhne aufgebaut hatte. Heute gehört das Gelände zum TU-Campus.

Wir sehen hier auf dem TU Campus im Hintergrund die Villa Bell.

Station 6: Marchstraße 6-8 / Villa Bell

Die Villa Bell besteht aus zwei aneinander gebauten Wohnhäusern und ist das einzig übriggebliebene Gebäude des ehemaligen Villenviertels an der damaligen Sophienstraße. 1950 wurde die Sophienstraße umbenannt in Bellstraße nach dem amerikanischen Erfinder Alexander Graham Bell. Die anderen Häuser an der ehemaligen Sophienstraße bzw. Bellstraße wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört und nach dem Krieg abgerissen. 1963 wurde die Straße entwidmet und in den TU-Campus einbezogen. Die Villa Bell dient der TU heute als Kita und als Verwaltungsgebäude. Seit 2012 beherbergt sie das Gerhard-Ertl-Center für Katalyseforschung.
Auf dem damaligen ‘Thiergartenfeld’ errichtete der Keramiker und Töpfermeister Ernst March seit 1836 eine Töpferei, die als Tonwarenfabrik Ernst March und Söhne zum bedeutendsten Unternehmen der keramischen Industrie auf dem europäischen Kontinent wurde. 1904 wurden die Fabrikationsanlagen auf diesem Gelände aufgegeben. Rund um die Fabrik waren immer mehr Villen entstanden, und die Bewohner fühlten sich durch die Fabrik gestört. Einer von ihnen war Nobelpreisträger Theodor Mommsen. Auch der bekannte Architekt Bruno Schmitz baute von 1904 bis 1906 hier an der Sophienstraße 11 sein Wohn- und Atelierhaus, in dem er bis zu seinem Tod 1916 lebte und arbeitete. Berühmt wurde er durch die von ihm geschaffenen Denkmäler: das Kyffhäuserdenkmal in Thüringen, das Kaiser-Wilhelm-Denkmal am Deutschen Eck am Zusammenfluss von Rhein und Mosel in Koblenz, das Kaiser-Wilhelm-Denkmal an der Porta Westfalica und das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig. Das Wohn- und Atelierhaus hatte vier Stockwerke. In den beiden oberen Etagen befanden sich ein großer Atelierraum, eine Bibliothek und drei Zeichensäle. Das Haus erregte als Teil einer Reihe von Einfamilienhäusern in der Sophienstraße wegen seiner modernen Gestaltung mit Jugendstilelementen und seiner geschickten Raumausnutzung das Aufsehen der Architekturkritik. Es wurde im Zweiten Weltkrieg teilweise zerstört und im Zuge der Errichtung der neuen Gebäude für die TU abgerissen.

Station 7: Fraunhoferstraße

Die Straße wurde am 17.8.1899 nach Joseph von Fraunhofer benannt. Der Optiker und Physiker Joseph von Fraunhofer wurde am 6. März 1787 in Straubing geboren und starb am 7. Juni 1826 in München an Lungentuberkulose. Er begründete am Anfang des 19. Jahrhunderts den wissenschaftlichen Fernrohrbau. Seine hervorragendste Leistung besteht in der Verbindung von exakter wissenschaftlicher Arbeit und deren praktischer Anwendung für neue innovative Produkte. Mit dieser Denkweise wurde der Autodidakt Joseph Fraunhofer zum Vorbild und Namensgeber der heutigen Fraunhofer-Gesellschaft.

Station 8: Fraunhoferstraße / Physikalisch-Technische Bundesanstalt

Physikalisch-Technische Bundesanstalt, Kiezspaziergang 9.1.2016
Physikalisch-Technische Bundesanstalt, Kiezspaziergang 9.1.2016 Bild: BA-CW, ML

Die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB) ist das nationale Metrologie-Institut. Metrologie ist die Wissenschaft des Messens und ihrer Anwendungen und die Physikalisch-technische Bundesanstalt ist die oberste Instanz bei allen Fragen des richtigen Messens. Sie gehört als Bundesbehörde in den Geschäftsbereich des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie.
Die Physikalisch-Technische Bundesanstalt besteht aus neun technisch-wissenschaftlichen Abteilungen. Davon sind zwei in Berlin, die eine hier und die andere in Adlershof. Hauptsitz ist in Braunschweig. Als Basis für ihre Aufgaben betreibt die Physikalisch-Technische Bundesanstalt in Kooperation mit anderen Forschungseinrichtungen Grundlagenforschung und Entwicklung im Bereich der Metrologie. Sie beschäftigt rund 1800 Mitarbeiter. Ihr steht ein Gesamtbudget von etwa 183 Mio. Euro zur Verfügung; zusätzlich wurden im Jahr 2012 etwa 15 Mio. Euro als Drittmittel für Forschungsvorhaben eingeworben.
Die Gesamtanlage steht unter Denkmalschutz. Am Standort Abbestraße wurde das Observatorium 1885-95 nach Plänen von Paul Emmanuel Spieker und Theodor Astfalck erbaut. Daneben gibt es zahlreiche Erweiterungen und Nebengebäude. Das Starkstromlabor wurde 1911-13 von Herrmann & Gaedicke errichtet. Am heutigen Standort Fraunhoferstraße befand sich früher das Deutsche Arbeitsschutzmuseum. Die dreischiffige Halle wurde von 1900 bis 1903 von Johann Hückels erbaut.
Zwei wesentliche Faktoren führten zur Gründung der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt (PTR), und zwar die Festlegung international gültiger, einheitlicher Maße in der Meterkonvention von 1875 und die dynamische industrielle Entwicklung in Deutschland im 19. Jahrhundert. Schon im Deutsch-Französischen Krieg von 1870 war die Stagnation von wissenschaftlicher Mechanik und Instrumentenkunde in Deutschland offenbar geworden. Für die industrielle Fertigung wurde immer präzisere Messtechnik benötigt. Maßgeblichen Einfluss auf die Initiative zur Gründung eines Staatsinstituts für Messtechnik nahm vor allem die aufstrebende Elektroindustrie unter Führung des Erfinders und Industriellen Werner Siemens. Anders als bei den Längen- und Gewichtseinheiten existierten im elektrischen Messwesen zu dieser Zeit noch keine anerkannten Methoden und Standards. Nach mehreren Anläufen gelang es Werner Siemens und Hermann von Helmholtz ihr Projekt durchzusetzen. Am 28. März 1875 beschloss der Deutsche Reichstag den ersten Jahresetat der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt und damit die Gründung der ersten staatlich finanzierten außeruniversitären Großforschungseinrichtung in Deutschland, die freie Grundlagenforschung mit Dienstleistungen für die Industrie verband. Siemens stellte der Reichsanstalt ein privates Gelände in Berlin-Charlottenburg zur Verfügung. Hermann von Helmholtz wurde ihr erster Präsident.
In dieser Zeit beschäftigte die Anstalt 65 Personen, darunter mehr als ein Dutzend Physiker, und verfügte über ein Budget von 263.000 Reichsmark. In ihren ersten Jahrzehnten gelang es ihr, bedeutende Wissenschaftler als Mitarbeiter und Mitglieder des Kuratoriums für sich zu gewinnen, darunter Wilhelm Wien, Walther Bothe, Albert Einstein und Max Planck.

Wir gehen nun weiter auf dem kleinen Weg zur Deutschen Bank:

Station 9: Otto-Suhr-Allee 6-16 / Neubau der Deutschen Bank

Wir haben ja schon vorhin gehört, dass in diesem Areal früher Villen standen. 1829 baute hier der Holzhändler Christian Gottlieb Friedrich ein Landhaus. 1862 wurde es dann zu einer Villa umgebaut, in die 1863 Werner von Siemens einzog. 1926 verkauften die Siemens-Erben die Villa an die Firma Siemens & Halske. 1943 wurde sie bei Luftangriffen zerstört. 1966-67 baute Günter Hönow hier das 15-stöckige Hochhaus für die Berliner Disconto-Bank, eine Tochtergesellschaft der Deutschen Bank. 1978 übernahm die Deutsche Bank das Verwaltungsgebäude selbst. Es gilt als Beispiel für ausgewogene Proportionen in der Architektur und ergänzt die städtebauliche Gestaltung des benachbarten Ernst-Reuter-Platzes. Am 25.11.2014 wurde der Grundstein für den 7-stöckigen Erweiterungsbau der Deutschen Bank mit 25.000 m² Nutzfläche gelegt. Er bietet Platz für mehr als 2.200 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen aus unterschiedlichen Berliner Liegenschaften der Deutschen Bank, die hier räumlich zusammengefasst werden sollen. Mit rund 4000 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen ist Berlin der fünftgrößte Standort der Deutschen Bank weltweit. Die Deutsche Bank wurde nicht etwa in Frankfurt gegründet, sondern 1870 in Berlin. Die Fertigstellung des neuen Gebäudes ist für den Herbst 2016 geplant. Bauherr ist die Firma Art Invest. Der Neubau wird 100 Millionen € kosten. Die Entwürfe stammen von dem Architekturbüro HPP Hentrich-Petschnigg & Partner. Im Erdgeschoss sind neben Büros, Konferenzräumen und einer Kantine auch ein Restaurant und Läden geplant.

Wir gehen nun ein kleines Stück weiter zur nächsten Baustelle, dem Erweiterungsbau für das Ottilie-von-Hansemann-Haus. Aber erst einmal etwas zu der Namensgeberin und ihrem Engagement.

Station 10: Otto-Suhr-Allee 18-20 / Ottilie-von-Hansemann-Haus

Ottilie-von-Hansemann-Haus, Kiezspaziergang 9.1.2016
Ottilie-von-Hansemann-Haus, Kiezspaziergang 9.1.2016 Bild: BA-CW, ML

Ottilie von Hansemann geb. von Kusserow wurde am 11. April 1840 in Koblenz geboren und starb am 12. Dezember 1919 in Berlin. Sie setzte sich stark für die Frauenbewegung ein und unterstützte sie großzügig. Sie war auch eine Vorkämpferin für die Zulassung von Frauen zur Universität.
1908 wurden auch in Preußen die Frauen zum Studium zugelassen. Die Professoren hatten aber immer noch die Möglichkeit, Studentinnen von ihren Vorlesungen auszuschließen. Von Hansemann bot der Friedrich-Wilhelms-Universität 200.000 Reichsmark für eine Stiftung für studierende Frauen an. Der Kultusminister war aber nicht bereit, den Paragraphen zum Ausschluss der Studentinnen zu streichen. Daraufhin zog sie ihr Geld wieder zurück und investierte es in den Bau des Viktoria-Studienhauses hier in der Otto-Suhr-Allee. Vorher stand hier die Villa des Architekten Adolf Schaum, die aber zugunsten des Studienhauses abgerissen wurde. Architektin des Viktoria-Studienhauses war Emilie Winkelmann, die erste selbstständige deutsche Architektin. Das 1914 fertiggestellte Gebäude ist im Stil des Neoklassizimus errichtet und ging 1919 in den Besitz der Stadt Charlottenburg über. Vor ihrem Tod vermachte Ottilie von Hansemann der Einrichtung noch einmal eine Million Reichsmark.
Die rechte Seite des Gebäudes enthielt ab der zweiten Etage die Klassenräume, die übrigen Teile des Hauses dienten als Studentinnenwohnheim. Das von den Studentinnen zu zahlende Nutzungsentgelt setzte die Wirtschaftsleiterin zur Erhaltung des Heims ein, für sonstige Ausgaben standen die Stiftungsgelder bereit. Der Baukomplex wies für damalige Zeiten mit einer zentralen Warmwasserheizung, Fahrstühlen, einer Bibliothek, einem Lesesaal, einem Sportraum und selbst einer Dunkelkammer umfassenden Komfort auf. Der Garten wurde von einem Gärtner gepflegt und hielt für die Kinder der Bewohnerinnen auch Spielplätze bereit. Im Erdgeschoss war eine Aula für 200–300 Personen. 1927 benannte die Bezirksverwaltung das Haus zu Ehren der Spenderin in Ottilie-von-Hansemann-Haus um.
1919 wurde in der Aula des Studienhauses das politisch-expressionistische Privattheater Tribüne gegründet, das mit Unterbrechungen bis 2011 existierte, als das Gebäude für den Bau des Erweiterungsbaus verkauft wurde. Der frühere Saal soll jedoch wieder kulturell genutzt werden.
Seit 2011 steht das Haus komplett leer. Die GrundStein Bauträger GmbH hat im Auftrag der Investoren Dirk Germandi und Martin Rasch die Immobilie im April 2014 erworben und im Herbst des gleichen Jahres konkrete Baupläne eingereicht. Einerseits ist vorgesehen, das Baudenkmal zu Wohnungen zurückzubauen und andererseits soll im nördlich anschließenden Hofbereich ein gestalterisch angepasster Neubau entstehen. Für die 97 Wohnungen in beiden Gebäuden ist eine Investitionssumme von 48 Millionen Euro geplant. Es sollen sowohl Eigentumswohnungen als auch Mietwohnungen, vor allem für die Technische Universität, errichtet werden. Die Größe der Wohnungen liegt zwischen 30 und 131 m².

Wir überqueren nun die Otto-Suhr-Allee und treffen uns an der Ecke Marie-Elisabeth-Lüders-Straße. Noch ein paar Worte zu den Straßennamen.

Station 11: Otto-Suhr-Allee

Die Otto-Suhr-Allee heißt seit dem 3.9.1957 nach Otto Suhr. Otto Suhr wurde am 17. August 1894 in Oldenburg geboren und starb am 30. August 1957 in West-Berlin. Otto Suhr war SPD-Mitglied und von 1955 bis zu seinem Tod Regierender Bürgermeister von Berlin.

Station 12: Marie-Elisabeth-Lüders-Straße

Sie verläuft von der Otto-Suhr-Allee bis zur Bismarckstraße. Sie wurde am 1.7.1967 nach Marie Elisabeth Lüders benannt. Else Lüders wurde am 25. Juni 1878 in Berlin geboren und starb am 23. März 1966 ebenfalls in Berlin. Sie war Gründungsmitglied der DDP, einer linksliberalen Partei in der Weimarer Republik, später wurde sie Mitglied der FDP. Als eine der ersten Frauen studierte sie ab 1909 Staatswissenschaften in Berlin und promovierte 1912 über die Aus- und Fortbildung von Frauen in gewerblichen Berufen. Sie war damit die erste Frau, die an einer deutschen Universität die Doktorwürde Dr. rer. pol. erlangte. Anschließend übernahm sie verschiedene Positionen in der Sozialverwaltung und in der sozialen Selbsthilfe. In den 1920er-Jahren wirkte sie im Bund deutscher Frauenvereine bei den Reformen zum Ehegüterrecht mit. Ihre Rede im Reichstag zur Zulassung der Frauen zu den juristischen Staatsexamina und zu den juristischen Berufen führte zu einer Änderung des Gerichtsverfassungsgesetzes im Jahre 1922: Frauen konnten nun erstmals in Deutschland Richter, Anwalt, Verwaltungsjurist oder Staatsanwalt werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg war Lüders Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses und des Deutschen Bundestages.

Wir gehen nun zur Ecke Bismarckstraße.

Station 13: Bismarckstraße 110 / Schiller-Theater

Schiller-Theater, Kiezspaziergang 9.1.2016
Schiller-Theater, Kiezspaziergang 9.1.2016 Bild: BA-CW, ML

Das Schillertheater war lange Zeit eines der wichtigsten Schauspielhäuser West-Berlins, wurde aber 1993 auf Beschluss des Berliner Senats wegen der schlechten finanziellen Situation der Stadt nach einem langen Kampf um ihren Erhalt geschlossen. Seit Herbst 2010 dient es der Staatsoper Unter den Linden als Ersatzspielstätte.
Das Schillertheater wurde 1905 bis 1906 nach Plänen des Münchener Theaterarchitekten Max Littmann für die Schiller-Theater AG und die Stadt Charlottenburg erbaut. Der Skulpturenschmuck wurde von den Bildhauern Heinrich Düll und Georg Pezold gestaltet, die Ausmalung des Zuschauerraums und der gemalte Vorhang stammten von Julius Mössel. Der Komplex bestand aus drei Flügeln: einem Theatergebäude, einer Gaststätte und einem Mehrzweck-Saalbau. Das 1194 Zuschauer fassende Theater wurde am 1. Januar 1907 mit Friedrich Schillers Schauspiel Die Räuber eröffnet.
Von 1937 bis 1938 wurde das Haus von Paul Baumgarten für die Stadt Berlin umfassend umgebaut. Baumgarten vereinfachte die Fassade und den Zuschauerraum erheblich und veränderte so das Gesicht des Theaters mit Bezug auf die Neue Sachlichkeit der 1920er Jahre, aber auch im Einklang mit dem herrschenden monumentalen Architekturgeschmack des Nationalsozialismus. Bei dem Luftangriff am 23. November 1943 wurde das Gebäude gänzlich zerstört.
Zwischen 1950 und 1951 wurde das Theater nach Plänen von Heinz Völker und Rolf Grosse für die Stadt Berlin neu errichtet. Einige Teile der Ruine des alten Theaters wurden für den Neubau wiederverwendet. Die Reliefwand des Entrées stammt von dem Bildhauer Bernhard Heiliger, von dem ja auch die Flamme auf dem Ernst-Reuter-Platz stammt. Zur Eröffnung am 6. September 1951 wurde Schillers Wilhelm Tell gezeigt.

Station 14: Am Schillertheater 2 / Haus der Wirtschaft

Das Haus der Wirtschaft wurde von 1952-1953 von Kurt Enderlein erbaut. 1965 erfolgte ein Umbau. Im Haus der Wirtschaft haben mehrere Unternehmens- und Industrieverbände ihren Sitz: darunter die UVB (Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg e. V.), der Verband der Metall- und Elektroindustrie in Berlin und Brandenburg, der Arbeitgeber- und Wirtschaftsverband der Kunststoff verarbeitenden Industrie in Berlin und Brandenburg und die bbw Hochschule. Die bbw Hochschule bietet Bachelor- und Masterstudiengänge an, hauptsächlich in den Fachbereichen Wirtschaft und Ingenieurwesen. Die Hochschule hat Zweigstellen in Frankfurt a.d.O. und Prenzlau.

Station 15: Bismarckstraße 10-12 / CHIC

CHIC, Kiezspaziergang 9.1.2016
CHIC, Kiezspaziergang 9.1.2016 Bild: BA-CW, ML

Das Gebäude, vor dem wir jetzt stehen, wurde 1960 als Berlins erstes Bürohaus in reiner Stahl-Skelett-Konstruktion errichtet und steht unter Denkmalschutz. Es war einst Sitz der Gerling-Versicherung. Die Fassade ist eine vorgehängte Alu-Glas-Konstruktion. Aber dazu wird uns Herr Kelly gleich mehr sagen.
Für mich ganz wichtig ist es aber noch ein paar Worte zu dem im Haus residierenden Charlottenburger Innovations-Centrums (CHIC) zu sagen. Das Charlottenburger Innovations-Centrum gibt es seit April 2011 und ist Teil des Campus Charlottenburg. Es liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zur Technischen Universität Berlin und der Universität der Künste Berlin sowie zu weiteren renommierten Forschungseinrichtungen, wie zum Beispiel dem Heinrich-Hertz-Institut (HHI), der Fraunhofer Gesellschaft und zur Physikalisch-Technischen Bundesanstalt. Mit seinen speziellen Angeboten richtet es sich vor allem an Unternehmensgründerinnen und Unternehmensgründer sowie an junge innovative bzw. kreative Unternehmen mit forschungsorientierter Ausrichtung. Viele Ausgründungen kommen direkt von der Technischen Universität-Berlin und der Universität der Künste Berlin. Im CHIC stehen derzeit 5.500 m² multifunktional nutzbarer Firmenmietflächen zur Verfügung.
Ich übergebe nun das Mikrofon an Herrn Kelly.
Vielen Dank, Herr Kelly!

Station 16: Leibnizstraße 10 / Deutsche Bundesbank, Berlin

Seit dem 1. Mai 2002 ist hier die Berliner Filiale der Deutschen Bundesbank. Davor war es der Sitz der Landeszentralbank Berlin und Brandenburg.
Der Gebäudekomplex stammt aus mehreren Bauphasen: 1906-07 wurde von Julius Habicht und Philipp Rappaport das Gebäude der Reichsbankstelle in der Leibnizstraße 8 errichtet, das dann 1924-26 durch Heinrich Hartwig und Heinrich Wolff erweitert wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es noch einmal einen Erweiterungsbau für die Landeszentralbank Berlin und Brandenburg, der von Johannes Krüger ausgeführt wurde. Johannes Krüger lebte von 1890 bis 1975. Zusammen mit seinem Bruder entwarf er zahlreiche weitere Gebäude, z.B. das Freibad Plötzensee oder die Spanische Botschaft im Tiergarten. Für die Deutsche Bundesbank wurde der ganze Komplex noch einmal umgebaut und renoviert. Dazu wurden auch die Gebäude von Julius Habicht, Philipp Rappaport, Heinrich Hartwig und Heinrich Wolff abgerissen. Die Baumaßnahmen waren Ende 2007 abgeschlossen. Die Deutsche Bundesbank ist als Zentralbank der Bundesrepublik Deutschland integraler Bestandteil des Europäischen Systems der Zentralbanken (ESZB). Hauptsitz ist in Frankfurt am Main. Vorrangige Aufgabe des ESZB ist die Gewährleistung der Preisstabilität des Euro und die bankmäßige Abwicklung des Zahlungsverkehrs im Inland und mit dem Ausland. Die Bundesbank unterhält neun Hauptverwaltungen und 47 Filialen.

Wir gehen nun ein Stück weiter bis zum Zauritzweg, wo die Ruth-Cohn-Schule liegt.

Station 17: Bismarckstraße 20 / Ruth-Cohn-Schule

Ruth-Cohn-Schule, Kiezspaziergang 9.1.2016
Ruth-Cohn-Schule, Kiezspaziergang 9.1.2016 Bild: BA-CW, ML

Die Ruth-Cohn-Schule ist ein Oberstufenzentrum für Sozialwesen. Sie vereint in sich drei Bildungsgänge: In der Fachschule werden Studierende im Vollzeitstudium oder Teilzeitstudium zu staatlich geprüften Erziehern und Erzieherinnen ausgebildet. Die Fachoberschule führt zur allgemeinen Fachhochschulreife, die Berufsfachschule zu einem mittleren Schulabschluss. Mit dem Schuljahr 2013/14 ist die Ruth Cohn-Schule Leitschule für die Nichtschülerprüfungen der Berliner Fachschulen geworden. Seit dem Schuljahr 2013/14 gehört die Ruth Cohn-Schule zu den 23 Berliner Schulen, die für herausragende Ideen zum Klimaschutz als “Berliner Klimaschule 2013” und “Berliner Klimaschule 2014” ausgezeichnet wurden.
Die Schule ist nach Ruth Cohn benannt. Ruth Cohn geb. Hirschfeld wurde am 27. August 1912 in Berlin geboren und starb am 30. Januar 2010 in Düsseldorf. Bekannt wurde sie durch die Entwicklung der Themenzentrierten Interaktion, oder kurz TZI. Sie studierte Nationalökonomie und Psychologie in Heidelberg und Berlin und, nach ihrer Flucht in die Schweiz, Pädagogik, Theologie, Literatur und Philosophie an der Universität Zürich. In der Schweiz wurde sie auch zur Psychoanalytikerin ausgebildet. 1941 wanderte sie in die USA aus. Dort forschte und unterrichtete sie weiter zur Themenzentrierten Interaktion. TZI ist ein Konzept zur Arbeit in Gruppen, um soziales Lernen und die persönliche Entwicklung jedes Einzelnen zu fördern. Es sollte [ich zitiere Ruth Cohn]:
„dem ursprünglich gesunden Menschen ein Leben ermöglicht, in dem er gesund bleiben kann“.
Gesundheit bezieht sich hier nicht bloß auf das individuelle Wohlbefinden einer Person, sondern auch auf ihre politische Verantwortlichkeit in der Welt.
Zu ihrem 100. Geburtstag wurde am 27. August 2012 in der Mommsenstrasse 55, wo Cohn bis 1933 lebte, eine Gedenktafel enthüllt.

Station 18: Zauritzweg

Der Zauritzweg wurde am 16. Mai 1933 auf Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung Charlottenburg nach Josef Zauritz benannt.
Josef Zauritz wurde am 5. Dezember 1897 in Nitterwitz in Schlesien geboren und am 30./31. Januar 1933 wahrscheinlich von einem Kollegen niedergeschossen. Zauritz war Polizeibeamter und trat in den 1920er Jahren in die Schutzpolizei ein. Nach dem Abschluss des Fackelzuges, mit dem die SA am Abend des 30. Januars 1933 die Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler feierte, begleitete Zauritz als aufsichtführender Polizeibeamter eine SA-Abteilung auf ihrem Rückweg nach Charlottenburg.
Gegen Mitternacht kam es in der Wallstraße zu einem Zwischenfall, bei dem vermutlich der SA-Führer Alfred Buske zunächst Zauritz niederschoss und anschließend seinen, Buskes, Vorgesetzten, den SA-Führer Hans Maikowski erschoss. Die Umstände der Tat wurden nie endgültig geklärt. Die beiden Männer waren damit die ersten Personen, die nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten bei einer von Nationalsozialisten durchgeführten Gewalttat ums Leben kamen. Die nationalsozialistische Propaganda veröffentlichte in den Zeitungen die Version, der SA-Zug wäre von Kommunisten aus dem Hinterhalt beschossen worden. In der Folge wurden beide Männer zu Märtyrern der nationalen Erhebung hochstilisiert.
Dieser Straßenname wurde – im Gegensatz zur Maikowski-Straße, die in Zillestraße umbenannt wurde – nach dem Zweiten Weltkrieg beibehalten. Eine 2009 auf Veranlassung der Bezirksverordnetenversammlung von Charlottenburg eingeleitete Überprüfung verschiedener Straßenumbenennungen aus der Zeit von 1933 bis 1945, darunter auch der Zauritzweg, durch das Bezirksamt kam im November 2010 zu dem Ergebnis:
„Die durch die Umbenennungen geehrten Personen stehen nach erfolgten Recherchen nicht im Verdacht, aktive Gegner der Demokratie und zugleich geistig-politische Wegbereiter und Verfechter der nationalsozialistischen Ideologie und Gewaltherrschaft gewesen zu sein.“
An dieser Stelle möchte ich auf den kommenden 27. Januar hinweisen, den Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Dieser Tag bezieht sich auf den 27. Januar 1945, an dem Auschwitz durch die Rote Armee befreit wurde. Wir werden an diesem Tag um 12 Uhr auf dem Theodor-Heuss-Platz zu einer Gedenkveranstaltung versammeln. Diese wird wie jedes Jahr von den umliegenden Schulen organisiert. Ich freue mich über alle, die daran teilnehmen.

Station 20: Bismarckstraße 33 / VDE Haus

Der fünfgeschossige Stahlbetonskelettbau wurde 1930/31 von Hans Hertlein für den Verband Deutscher Elektrotechniker (VDE) erbaut. Das repräsentative Haus kommt fast ohne Schmuck aus. Nur am Hauptportal befinden sich einige Ornamente von Josef Wackerle. Die Elektrotechnik wird von Blitzen und von den vier Elementen symbolisiert. Neben einem länglichen Flügel ragt rechts der turmartige Treppenhaustrakt etwa fünf Meter über das Gebäude hinaus. Die Fassade des Gebäudes ist mit Werkstein und Muschelkalkplatten verkleidet. Heute befindet sich hier der VDE Verlag in dem Gebäude. Das Haus steht unter Denkmalschutz.

Station 21: Bismarckstraße 34-37 / Gedenkrelief „Tod des Demonstranten“ von Alfred Hrdlicka

Der Student Benno Ohnesorg wurde am 2.6.1967 in der Krummen Straße 66 während einer Demonstration gegen den Besuch des Schahs von Persien von dem Zivilpolizisten Karl-Heinz Kurras erschossen. Am 21.5.2009 teilte die Birthler-Behörde mit, dass Kurras seit 1955 im Dienst der Staatssicherheit der DDR gestanden hatte und für sie die West-Berliner Polizei ausspähte. Aus den entsprechenden Stasi-Unterlagen geht allerdings nicht hervor, ob Kurras Benno Ohnesorg im Auftrag der Stasi erschossen hat.
Das Benno-Ohnesorg-Gedenkrelief “Tod des Demonstranten” wurde im Dezember 1990 aufgestellt. Es wurde von Alfred Hrdlicka 1971 geschaffen. Hrdlicka ist uns im letzten März schon in der evangelischen Gedenkkirche Plötzensee begegnet, wo wir die 16 Tafeln des Plötzenseer Totentanzes gesehen haben.
Auf der Tafel steht:

Am 2. Juni 1967 wurde der Student Benno Ohnesorg im Hof des Hauses Krumme Straße 66 während einer Demonstration gegen den tyrannischen Schah des Iran von einem Polizisten erschossen.
Sein Tod war ein Signal für die beginnende studentische und außerparlamentarische Bewegung, die ihren Protest gegen Ausbeutung und Unterdrückung, besonders in den Ländern der Dritten Welt, mit dem Kampf um radikale Demokratisierung im eigenen Land verband.

Station 22: Bismarckstraße 34-37 / Hohe Stahlplastik

Stahlskulptur vor der Deutschen Oper, Kiezspaziergang 9.1.2016
Stahlskulptur vor der Deutschen Oper, Kiezspaziergang 9.1.2016 Bild: BA-CW, ML

Die Stahlskulptur vor der Deutschen Oper ist 20m hoch und aus schwarz getöntem Chromnickelstahl. Sie wurde 1961 von Hans Uhlmann geschaffen. Aus unterschiedlicher Perspektive erhalten die Betrachter jeweils einen anderen Eindruck von dem Kunstwerk, das dadurch mit der Fassade der Oper in einen Dialog tritt.

Station 23: Bismarckstraße 34-37 / Skulptur von Günther Uecker

Die Skulptur von Günther Uecker wurde zur Benennung des Platzes neben der Deutschen Oper nach Götz Friedrich am 14.6.2008 enthüllt. Auf einem weißen Betonquader steht ein Buch aus Bronze, durch das ein Nagel geschlagen ist. An dem Quader sind drei Bronzetafeln angebracht. Auf einer Seite steht eine Bemerkung des Künstlers selbst [ich lese vor]:

Götz Friedrich bat mich zu seinem Antritt in Berlin einen Nagel einzuschlagen, dieses Zeichen hat sich eingeprägt: in Bewunderung für die dramatische Tiefe in seinen Inszenierungen, in seinem Ringen um Ausdruckskraft, eindringliche Augenblicke menschlicher Begegnungen aufzuführen, wurde mit ihm Oper zum musikalischen Erlebnisraum. Günther Uecker

Auf weiteren Seiten des Quaders stehen die Namen der pender und Spenderinnen.

Station 24: Bismarckstraße 34-37 / Deutsche Oper

Die Deutsche Oper Berlin ist das größte der drei Opernhäuser in Berlin. Das Gebäude Bismarckstraße 34–37 wurde 1961 eröffnet und war Ersatz für die an gleicher Stelle 1943 zerstörte Deutsche Oper. Die Initiative für die Gründung ging auf bürgerliche Kreise im damals selbstständigen Charlottenburg zurück. Die Bewohner der reichsten Großstadt Preußens wollten ein Opernhaus „für sich“ als Gegenentwurf gegen die „erstarrte“ Repräsentationsbühne der Hofoper Unter den Linden. Es wurde 1911/12 von Heinrich Seeling entworfen.
Nach der Zerstörung des Gebäudes im Zweiten Weltkrieg wurde Fritz Bornemann 1957 mit dem Entwurf des Neubaus beauftragt. 1961 wurde sie mit Mozarts Don Giovanni eröffnet. Das Haus ist mit 1859 Sitzplätzen eines der größten Theater in Deutschland. Aber zu seinem Haus wird uns nun der Chefdramaturg der Deutschen Oper, Herr Königsdorf, sicher mehr erzählen können. Ich begrüße ganz herzlich Herrn Königsdorf.
Vielen Dank, Herr Königsdorf.

Hier endet nun unser Kiezspaziergang. Ich wünsche Ihnen einen guten Nachhauseweg und freue mich auf unseren 170. Kiezspaziergang am 13. Februar um 14 Uhr im Charlottenburger Kiez. Wenn Sie nun in den U-Bahnhof gehen, beachten Sie die Gestaltung. Die Station wurde 1906 nach Plänen von Alfred Grenander errichtet. Früher waren die Wände des Bahnhofs mit weißen und gelben Majolikafließen verkleidet und mit Wandbildern gestaltet. Ein Brand am 8.7.2000 machte umfangreiche Sanierungsarbeiten erforderlich. Der portugiesische Künstler José de Giumaraes hat den U-Bahnhof mit zahlreichen Fliesenwandbildern neu gestaltet. Die Fliesen sind ein Geschenk des Botschafters der Republik Portugal Diego Nunes Brata anläßlich des 100-jährigen Bestehens der BVG und seiner Verabschiedung aus Berlin. Am 30.10.2002 wurde der sanierte Bahnhof offiziell der Öffentlichkeit übergeben. Nun aber tschüss bis zum nächsten Mal!